Zum Tode Dieter Hildebrandts Er war das Kabarett

Die hohe Kunst des Daherplapperns, Verhaspelns und Verschluckens giftiger Pointen beherrschte keiner wie Dieter Hildebrandt. Wie ein Jazzmusiker variierte er die Themen der Zeit, prägte damit Generationen von Satirikern - und das politische Klima des Landes. Er machte nicht Kabarett, er war das Kabarett.

Von

DPA

Wenn du und das Laub wird älter,
und du merkst, die Luft wird kälter,
und du fiehlst, daß du bald sterbst,
dann is Herbst.

Dieter Hildebrandt, "Schlesischer Jahreszeiten-Zyklus"

Auf seiner Homepage steht, noch vor der langen Liste mit all den Terminen für 2014, eine Karikatur. Sein Freund Dieter Hanitzsch hat sie ihm gezeichnet, als er mal wieder ins Krankenhaus musste. Sie zeigt einen lächelnden Dieter Hildebrandt mit Kerze in der Hand vor einer Klinik: "Ich muss mal zur Reparatur!"

Er war nicht der "Nestor", der "Pate", der "Urvater" oder der "Begründer" des Kabarett. Er war das Kabarett, sein Inbegriff und seine Verkörperung. Wer beim Wort Kabarettist nicht sofort an Dieter Hildebrandt denkt, im Guten oder im Schlechten, der ist für diese Kunstform verloren.

Hildebrandt war Kriegskind und Vertriebener. 1927 im niederschlesischen Bunzlau geboren, entdeckte er sein schauspielerisches Talent zunächst bei der Hitlerjugend. Mit 16 Jahren wurde er eingezogen und durfte als Flakhelfer die Reichshauptstadt illuminieren. Nach kurzer Gefangenschaft bei den Briten holte er in der Oberpfalz sein Abitur nach. Sein Studium in München (Literatur, Theater und Kunstgeschichte) finanzierte er sich durch heute ausgestorbene Nebenjobs, unter anderem als Platzanweiser für das Kabarett "Kleine Freiheit". In der Szene lernte er Größen wie Erich Kästner kennen, der dem jungen Mann Talent bescheinigte, vor allem aber traf er Werner Finck, dem im "Dritten Reich" das "Witzemachen" von Goebbels persönlich verboten worden war.

Die CSU lieferte die schönsten Vorlagen

Von Finck übernahm Hildebrandt, schon damals offenbar ein guter Beobachter, diese seltsam defensive Boshaftigkeit der politischen Rede, das entwaffnend harmlose Daherplappern, Verhaspeln, Verschlucken und Verschleppen von eben deshalb umso spitzeren Pointen. Das Programm, mit dem die von ihm mitgegründete Lach- und Schießgesellschaft in München 1956 ihren Durchbruch hatte, hieß denn auch wahrhaft programmatisch: "Denn sie müssen nicht, was sie tun". Eine Anspielung auf den Film mit James Dean, nur leicht abgewandelt, als deutliche Ansage an ein Publikum, das sich die Katastrophe selbst eingebrockt hat.

Der hier schon mitschwingende fröhliche Fatalismus sollte Hildebrandt bei seinem Kampf gegen jede Form der Untertänigkeit immer begleiten, auch im Tandem mit dem kongenialen Werner Schneyder. Der Fatalismus ist selbst in seinen kurzen, aber glanzvollen Auftritten als Schauspieler erkennbar, etwa als Fotograf Herbie Fried in Helmut Dietls Fernsehserie "Kir Royal" oder als Börsenspekulant Friedhelm Eigenbrodt in Gerhard Polts "Man spricht deutsh".

Bundesweite Bekanntheit erlangte Hildebrandt mit der ZDF-Satirereihe "Notizen aus der Provinz", die von 1972 bis 1979 ausgestrahlt wurde und damit sozusagen das heitere Begleitprogramm zur Kanzlerschaft von Willy Brandt und Helmut Schmidt darstellte. Die SPD, der er nahestand, war nie sicher vor seinen Attacken - wenngleich es vor allem die CSU war, die dem Humoristen immer die schönsten Vorlagen lieferte.

Kabarett soll nerven

Wie es überhaupt die gereizten Reaktionen der Mächtigen sind, die einen Spaßmacher erst zu einem Satiriker adeln. Weil er sich gegen den Nato-Doppelbeschluss wandte, wurde er für eine Weile vom Verfassungsschutz beobachtet, seine Stasi-Akte, "es gibt bestimmt eine", hat ihn "nicht interessiert".

1986, Hildenbrandt moderierte bereits seit sechs Jahren den "Scheibenwischer" für die ARD, störte sich der Bayerische Rundfunk wenige Wochen nach Tschernobyl an einer Nummer namens "Der verstrahlte Großvater" und blendete sich aus dem gemeinsamen ARD-Programm aus - ein einmaliger Vorgang.

Schon der Name "Scheibenwischer" bezeichnet einerseits eine populäre Geste der Beleidigung, andererseits aber auch den aufklärerischen Habitus, der Hildebrandt mit den Jahren immer häufiger negativ ausgelegt wurde. Im Kabarett, hieß es, sitzen Leute, die dort vor allem sich selbst beklatschten, als diejenigen, die den Durchblick haben. "Echte", also radikal systemkritische Satire hatte sich von den klassischen Vorlesungen Hildebrandts längst ebenso entkoppelt wie das sinnfreie Spaßmachertum, das heute als Comedy alle Kanäle verstopft. Kabarett bekam derweil graue Schläfen, und Hildebrandt mit ihm. Tatsächlich konnte einem das gewitzte Gewitzel bisweilen auf die Nerven gehen. Nur, genau das sollte es ja auch: auf die Nerven gehen. Erheitern konnten und können andere besser.

"Der direkte Angriff auf diesen lächerlichen Tod"

Dieter Hildebrandt wird eine ganze Generation von Kabarettisten hinterlassen, von Georg Schramm über Mathias Richling bis Josef Hader, die ihm nacheiferten oder sich an ihm abgearbeitet haben. An ihm vorbei führte kein Weg.

Es wird in den nächsten Tagen viel von seinem "präzisen Blick" auf das Polit-Geschehen die Rede sein, als blickten andere Künstler irgendwie unpräzise und verschwommen in die Landschaft. Intelligent war seine Kunst, weil sie vor allem darin bestand, auch den Zuschauer intelligent erscheinen zu lassen. Seine Versprecher dienten stets dazu, seinem Publikum den Genuss zu verschaffen, selbst das richtige Wort einzusetzen. Seine scheinbar verstolperten Satzenden luden dazu ein, Gedanken selbst zu Ende zu denken. "Die Abschweifungen sind das eigentlich Wahre, sie kommen zur Sache", sagte Hildebrandt einmal der "Sächsischen Zeitung".

In diesen Abschweifungen und Schleifen endlich lag die hohe Kunst dieses großen Spracharbeiters. Scheinbar ziel- und mühelos wie ein Jazzmusiker variierte er die Themen der Zeit und brachte sie gerade dadurch wie beiläufig auf den Punkt. Auch auf den wunden Punkt. Genau das sei das Ziel jedweder Satire, erklärte er unermüdlich, der Schmerz, nicht die Unterhaltung. Dazu gehörte für ihn auch "der direkte Angriff auf diesen lächerlichen Tod, der uns manchmal antritt, obwohl er doch gar nicht die Berechtigung dazu hat."

"Ich muss mal zur Reparatur" - das konnte nicht klappen. Für einen Klassiker wie Hildebrandt gibt es schon lange keine Ersatzteile mehr.

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insgesamt 96 Beiträge
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Seite 1
nick adams 20.11.2013
1. Ein starker und großartiger Mensch
Viele Worte wollen wir nicht verlieren, daß werden andere tun. Nur soviel: Danke, daß du da warst; du hast uns viel gegeben!
Why77 20.11.2013
2. ...danke dieter
Für die vielen Momente in denen ich herzerfrischend lachen konnte über unsere oftmals traurigen Politkasper die so garnichts raffen und gebacken kriegen außer sich ihre Taschen vollzustopfen...Ruhe in Frieden...
shardan 20.11.2013
3. Ein echter Verlust.
Dieter Hildebrandt war ein scharfer Denker, der bei vielen Dingen die Lächerlichkeit aufzeigte, der den Politikbetrieb analysierte und bloßstellte - oft zum Missbehagen der Politiker, bei denen er oft genug die Inkompetenz und Interessenabhängigkeit anprangerte. Eine wichtige Stimme in diesem Politikbetrieb schweigt für immer, eine kritische, laute und unerschrockene Stimme mit Biss. Danke, Dieter. R.I.P.
fritz teufel 20.11.2013
4. Ich ...
... ziehe meinen Hut und verneige mich tief vor einer großen Persönlichkeit! Ciao Dieter!
robin-masters 20.11.2013
5. großer Kaberettist
hielt der Zeit den Spiegel vor und löste dabei Lachen und Erkenntnis aus - und was besseres kann man über einen Kabarettisten nicht sagen.
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