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Zum Tod von Dieter Thomas Heck

Der Schnellsprecher vom Zett-deh-Eff

In seiner "ZDF Hitparade" traten 387 Musiker und Bands auf: An Dieter Thomas Heck kam in den Siebzigern niemand vorbei, der sich für Pop oder Schlager interessierte. Jetzt ist das Alphatier des Musikfernsehens gestorben.

Von

DPA

Dieter Thomas Heck am 09.11.1984

Freitag, 24.08.2018   22:07 Uhr

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Er war im Altertum des deutschen Musikfernsehens das unangefochtene Alphatier. Ja, man darf sich Dieter Thomas Heck durchaus als einen freundlichen Dinosaurier vorstellen. Wer zwischen 1969 und 1982 an populärer Musik interessiert war, kam im Fernsehen kaum an ihm und seiner "ZDF Hitparade" vorbei.

Und das galt auch für Leute, die sich nicht wirklich für Musik interessierten. Während Ilja Richter mit "Disco" auf dem gleichen Sendeplatz vor allem ein jugendliches Publikum umwarb, stand Dieter Thomas Heck schlicht für Schlager. Eingängige Melodien, deutsche Texte, gute Laune für ein bodenständiges Publikum.

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Zugleich war Dieter Thomas Heck für das ZDF aber auch das, was man heute eine "Allzweckwaffe" nennt. Er moderierte, was so anfiel - von der Gala zu Neujahr über Benefiz-Veranstaltungen bis zu Quizsendungen wie "Die Pyramide" oder "Ihr Einsatz bitte". Kein charmierender Grandseigneur wie Hans-Joachim Kuhlenkampff, kein redlicher Unternehmer wie Wim Thoelke - ein Emporkömmling und Nachgeborener war Dieter Thomas Heck.

Heck sprach schnell und rau

Sein eigener Einsatz dabei bestand vor allem in seiner Stimme. Heck sprach schnell und rau, bei aller Geschwindigkeit aber immer präzise und prononciert. Eine Jahrmarktsattraktion, wenn er am Ende der "ZDF Hitparade" in wenigen Sekunden die Namen aller Beteiligten runterratterte. Die Legende will, dass er sich diese Fähigkeit selbst erkämpfte, nachdem er im Alter von fünf Jahren bei einem Bombenangriff auf Hamburg verschüttet wurde - und danach stotterte. Der Junge steuerte dagegen, indem er laut aus dem "Hamburger Abendblatt" vorlas und dabei so tat, als sei dies eine Radioübertragung.

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Später half ihm eine Gesangsausbildung, den Sprachfehler vergessen zu machen. Zwar absolvierte er, damals noch unter seinem richtigen Namen Carl-Dieter Heckscher, eine Ausbildung zum Technischen Kaufmann und arbeitete als Autoverkäufer in einer Borgward-Vertretung. Aber die Karriere als Sänger verlor er dabei nie aus den Augen. Er trat als junger Mann in einer Talentshow von Peter Frankenfeld auf und - ebenso erfolglos - im Vorentscheid für den Grand Prix d'Eurovision 1961.

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Dieter Thomas Heck

Zwei Jahre später begeisterte er bei einem Interview für den Südwestfunk in Baden-Baden die Verantwortlichen so sehr mit seiner Schlagfertigkeit, dass er eine eigene Radiosendung moderieren durfte. Nach einem Wechsel zu Radio Luxemburg, wo es schon einen "Dieter" und einen "Charly" gab, suchte die Jugendzeitschrift "Bravo" einen neuen Namen für den "Diskjockey".

Schirmherr des Schlagers

Ja, auch Dieter Thomas Heck war einmal jung genug für die "Bravo", und mit ihm war es der "deutsche Schlager", als dessen Schirmherr er die nächsten Jahrzehnte auftreten sollte. Sein Verhältnis zu dieser Musik war das eines ehrlichen Maklers. Die Auswahl seiner Gäste erläuterte er in der ersten Ausgabe der "Hitparade" wie ein Verkäufer, der sich auf echte Spezialisten beruft: "Wir haben den Schallplattenfachhandel befragt, wir haben die Musikboxaufsteller befragt.…"

Anzug, Koteletten und ein goldenes Armband, das ihm 1969 Heino geschenkt haben soll, rundeten sein Erscheinungsbild zu einer immer leicht verschwitzten Männlichkeit. Dazu trug auch sein gutbürgerlicher Drogenkonsum bei. Während die Musiker ihre Liedchen vortrugen, rauchte Heck hinter der Bühne eine Zigarette und trank Bier, "damit die Kehle feucht bleibt". Wobei die Sternchen, allesamt als "Stars" hofiert und behandelt, durch die Einblendung ihrer "Autogrammadresse" immer zuverlässig geerdet wurden: "Trio, Regenterstr. 10a, 2907 Großenkneten".

Video: Erste Ausgabe der Hitparade 1969

Dass die Neue Deutsche Welle mit Künstlern wie eben Trio, Nena oder Peter Schilling in der "Hitparade" stattfinden konnten, ist eher Hecks professioneller Wurschtigkeit als seinem Experimentierwillen zuzuschreiben. Er ließ es geschehen und freute sich, ganz Profi, über die Aufmerksamkeit der Jugend und den Aufruhr seines orthodoxeren Publikums. Und sagte aus nahe iegenden Gründen einmal eine Band wie Extrabreit ab, verlas er in der Sendung ohne Häme höflich deren schriftliche Begründung.

Peinlicher Wahlkampf für die CDU

Keinen Zweifel gab es darüber, wo er selbst sich musikalisch verortete. Zu seinen Lieblingskünstlern zählten zeitlebens Roy Black, Mireille Mathieu, Drafi Deutscher, Udo Jürgens, Paola, Peter Alexander oder Bernd Clüver. Insgesamt hatte er in der "Hitparade" 387 Gruppen und Künstler zu Gast, alleine Roland Kaiser, "einer von den ganz Großen", kam 57-mal vorbei.

Heck war wie der Opa, der nichts gegen Jazz hat, ihn aber beharrlich "Jatz" nennt. Immer umwehte ihn etwas Reaktionäres wie ein gewöhnungsbedürftiges Rasierwasser. Übelnehmen mochte man es ihm nicht einmal, als er seine Begeisterung für die CDU in einen peinlichen Wahlkampfschlager packte: "Wir wählen CDU! CDU! Wähl auch Du CDU! Ich weiß jetzt schon längst was ich tu. Was denn sonst? CDU!"

Nach seinem Ausscheiden aus der "Hitparade" verkümmerte das Format wie ein Blumenbeet, das seinen wahren Gärtner vermisst. Beruflich schob Heck daraufhin eine deutlich ruhigere Kugel. Mit Auftritten als Schauspieler in "Tatort" oder "Praxis Bülowbogen" nahm er spät einen Faden wieder auf, den er nach seinem nachhaltig beeindruckenden Auftritt als öliger Moderator in "Das Millionenspiel" 1970 leider hatte fallen lassen.

Klug kalkulierte Indiskretionen

Erst 2007 wurde er vom "Zett-Dee-Eff" (Heck) mit einer Gala offiziell in den Ruhestand verabschiedet - moderiert von einem seiner Nachfolger, Johannes B. Kerner. Wirklich gelten lassen mochte er allerdings zuletzt nur Kollegen wie Jörg Pilawa oder Markus Lanz, auch in dieser Hinsicht ein überzeugter Konservativer. Dunklere Ecken und scharfe Kanten, wie Heck sie hatte, sucht man in der jüngeren Generation heute allerdings vergeblich. Mit Genugtuung wird er zur Kenntnis genommen haben, dass er - wie jeder echte Charakter - längst parodiefähig geworden war.

Er tat die guten Taten, die von ihm erwartet wurden und lebte so standardgemäß, wie man es von ihm erwartete. Lange in einem Schlösschen, die späten Jahre in seinem spanischen Refugium am Mittelmeer. Zuletzt sorgte er mit klug kalkulierten Indiskretionen in seiner eigenen Biografie für Furore, wo er schilderte, wie er einmal beinahe seine alkoholkranke Ex-Frau erwürgt hätte. Huldigungen nahm er entsprechend huldvoll entgegen, herablassender Kritik begegnete er mit gesunder Herablassung: "Kritiker sind wie Eunuchen. Sie wissen, wie's geht - aber sie können es nicht."

Wäre Heck ein Herrscher gewesen, er hätte sich den Beinamen "der Große" erworben. Am 23.08.2018 trat Heck im Alter von 80 Jahren für immer ab.

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