Fall Dieter Wedel Auftrag Aufklärung

Neue Vorwürfe gegen Dieter Wedel bringen ARD und ZDF in Zugzwang: Wollen sie im öffentlich-rechtlichen Schicksalsjahr 2018 glaubwürdig bleiben, müssen sie jetzt aktiv aufarbeiten, wie sie Machtmissbrauch zuließen.

Dieter Wedel
DPA

Dieter Wedel

Ein Kommentar von


Die Kette der Anschuldigungen gegen Dieter Wedel reißt nicht ab. Am Donnerstag berichtete die "Zeit" in einem Dossier über Vorwürfe der Schikane, der Gewalt und der sexuellen Nötigung bis zur Vergewaltigung. Entspricht der deutsche Fall Dieter Wedel dem US-amerikanischen Fall Harvey Weinstein? Könnte durch ihn auch hierzulande die #MeToo-Debatte an Fahrt gewinnen?

Es sieht im Moment nicht danach aus. Zogen die öffentlichen Anschuldigungen von US-Schauspielerinnen gegen Weinstein immer weitere Anschuldigungen auch gegen andere Big Player Hollywoods nach sich, sodass man auf einer breiten Basis an Informationen über den strukturellen Sexismus im US-Filmgeschäft sprechen konnte, bleibt die Diskussion in Deutschland auf diesen einen, fast schon historischen, Fall beschränkt. Das ist bequem für die heutigen Senderchefs.

Ist Wedel tatsächlich nur ein Ausreißer im ansonsten tadellosen Gebaren des deutschen Film- und Fernsehbetriebs? Diejenigen, die darüber am verlässlichsten Auskunft geben könnten, die Schauspielerinnen und Schauspieler, schweigen - zumindest, was gegenwärtige Arbeitsprozesse betrifft. Das hat auch damit zu tun, dass ihr Beruf bei allem temporären Glamour und teils hohen Gagen noch immer einer der prekärsten hierzulande ist.

Es gibt kaum langfristig geregelte Arbeitsverhältnisse, es gibt nur wenig Solidarität. Jede und jeder aus dem Heer gut ausgebildeter, talentierter Schauspielerinnen und Schauspieler kämpft für sich selbst auf einem übersättigten Markt, der von festangestellten Fernsehredakteuren verwaltet wird. Davon, dass Schauspielerinnen und Schauspieler sich zusammenschließen, um gegen Missstände am Set vorzugehen, hat man selten gehört.

Aufstand wäre künstlerischer Suizid

Man schert nicht aus, weder gegen die Redakteure, die die begehrten Jobs verteilen, noch gegen die Regisseure, die einen durch ihre Inszenierung glänzen - oder eben auch sehr schlecht aussehen lassen können. Ein Aufstand wäre künstlerischer Suizid.

Im "Zeit"-Dossier kommt auch der Schauspieler Michael Mendl zu Wort, der darüber spricht, wie Dieter Wedel 1996 beim Dreh zu dem Mehrteiler "Der Schattenmann" einer Kollegin nachstellte. Er habe mit Kollegen versucht, der Frau beizustehen. Er konnte nicht helfen.

Ein Missverhältnis bei der Machtverteilung - das bis in die Gegenwart anhält. Natürlich: Heute sitzen auch viele Frauen an den Verteilerstellen des fiktionalen Fernsehens, heute gibt es Clearing- und Gleichstellungsstellen. Die Arbeitsrealität von Schauspielerinnen und Schauspielern bleibt trotzdem prekär. Ein Fernsehredakteur braucht auch heute nur wenige Anrufe, um Karrieren zu beenden.

Deshalb darf man die Aufarbeitung möglicher Missstände nicht nur von Schauspielern oder Schauspielerinnen einfordern. Es sind die öffentlich-rechtlichen Sender, die jetzt Zeugnis über mögliche, potenziell bis in die Gegenwart reichende Verfehlungen ablegen müssen. Die Offenlegung der Akten über die Dreharbeiten am Wedel-Set im Jahr 1981, die nun der kleine Saarländische Rundfunk im Zuge der "Zeit"-Recherchen vornimmt, kann da nur der Anfang sein.

Auch die großen Anstalten, allen voran der spätere Wedel-Haussender ZDF, haben jetzt die Pflicht, aus eigener Initiative heraus aufzuarbeiten, unter welchen Bedingungen ihre einstigen Prestigeproduktionen entstanden sind. Dabei geht es nicht darum, hochbetagte Ex-Fernsehmanager auf die Anklagebank zu führen, sondern das öffentlich-rechtliche Fernsehen auf seine immer wieder beschworenen aufklärerischen Fundamente abzuklopfen. Was ist wirklich in den Achtziger- und Neunzigerjahren passiert? Was ist geblieben vom alten Sexismus? Ist heute wirklich alles anders?

2018 ist das Jahr, in dem sich entscheiden wird, wie es in Deutschland mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk weitergeht. Im Februar wird die KEF ihren Vorschlag für die nächste Gebührenperiode abgeben, die Kommission wird wahrscheinlich schmerzhafte Kürzungen einfordern. Im März stimmen die Schweizer über ihren öffentlich-rechtlichen Rundfunk ab. Gut möglich, dass er abgewickelt wird; gut möglich, dass die negative Energie auch auf deutsche Gebührenzahler ausstrahlt.

Um diese düstere Grundstimmung zu wenden, müssen sich ARD und ZDF jetzt von ihrer besten Seite zeigen. Dazu gehört auch, nicht darauf zu warten, bis Schauspielerinnen und Schauspieler unter Gefährdung ihrer eigenen Karrieren weitere Enthüllungen liefern. In Zeiten, in denen die öffentlich-rechtlichen Anstalten von so vielen Seiten infrage gestellt werden, ist die proaktive Aufklärung sexueller Gewalt nicht nur eine moralische Pflicht - sie ist überlebenswichtig.

TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.