SR-Intendant zum Fall Wedel "Mein Bauch sagt mir: Das ist heute nicht mehr so"

Zwei Schauspielerinnen werfen dem Regisseur Dieter Wedel sexuelle Übergriffe beim Dreh einer SR-Vorabendserie vor. Der Sender soll davon gewusst haben, nun will der Intendant aufklären. Wie soll das gehen?

Dieter Wedel
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Weitere Frauen haben in der "Zeit" neue, schwere Vorwürfe gegen den Fernsehregisseur Dieter Wedel erhoben. Diese reichen von Schikane, Gewalt und sexueller Nötigung bis hin zur Vergewaltigung. Wedel hat auf eine detaillierte Stellungnahme gegenüber der Wochenzeitung verzichtet und auf seinen angeschlagenen Gesundheitszustand verwiesen. Wedels Sprecherin hatte zu Wochenbeginn mitgeteilt, der Regisseur habe eine Herzattacke erlitten. Er befinde sich im Krankenhaus. Zwei der im "Zeit"-Dossier beschriebenen Fälle sollen bei den Dreharbeiten zu der Vorabendserie "Bretter, die die Welt bedeuten" geschehen sein. Der verantwortliche Sender, der Saarländische Rundfunk (SR), hat damals offenbar davon gewusst. Das geht aus Akten hervor, die der SR der "Zeit" zur Verfügung stellte.

Zur Person
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    Thomas Kleist, 62, ist seit dem 1. Juli 2011 Intendant des Saarländischen Rundfunks (SR). Der Jurist war Staatssekretär im Ministerium für Frauen, Arbeit, Gesundheit und Soziales unter den SPD-Ministerpräsidenten Lafontaine und Klimmt. Vor seiner Wahl zum Intendanten saß er von 2000 an dem Verwaltungsrat des SR vor.

SPIEGEL ONLINE: Wie wurde der Saarländische Rundfunk aufmerksam auf die Vorwürfe gegen Dieter Wedel?

Kleist: Durch eine Anfrage der "Zeit", verbunden mit der Frage, ob wir dazu Unterlagen haben. Wir haben das geprüft und festgestellt: Für diesen Fall gibt es keine Aufbewahrungspflicht mehr. Aber dann sind wir in uns gegangen und haben gesagt: Nee, jenseits von solchen formalen Gesichtspunkten haben wir ein hohes Interesse an Aufklärung. Und haben unsere Archive geöffnet.

SPIEGEL ONLINE: Es gab keinen langjährigen Mitarbeiter, der von den Vorwürfen gegen Wedel las und sagte: "Da war doch was bei uns…?"

Kleist: Nein. Wir wussten von den Vorwürfen gar nichts. Aber dann haben wir größtmögliche Transparenz hergestellt und im Archiv zunächst einmal 13 Ordner gefunden. Dem Kollegen der "Zeit" haben wir daraufhin Einsicht gewährt und gleichzeitig eine Taskforce eingerichtet, um zu prüfen, wie sich das Unternehmen SR damals verhalten hat. Gleichzeitig wird ein Rechercheteam das, was damals bei uns passiert ist, auch journalistisch aufarbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben angekündigt, alles offenlegen zu wollen, "damit wir die Sache schonungslos untersuchen können".

Kleist: Ich habe veranlasst, dass wir nach Zeitzeugen suchen. Gibt es Menschen, die damals dabei waren? Die sind ja alle nicht mehr beim SR - so sie denn noch leben, sind sie in Rente. Außerdem haben wir die beiden benannten Schauspielerinnen angeschrieben und in unser Funkhaus auf dem Halberg eingeladen.

SPIEGEL ONLINE: Was bezwecken Sie damit?

Kleist: Auch nach Studium der Akten, von denen wir ja nicht wissen, wie vollständig sie sind, wissen wir nicht, warum es damals nicht zur Anzeige gekommen ist. Warum hat man damals keine Konsequenzen gezogen? Da gibt es für uns eigentlich nur die Überlegung: Entweder die beiden Betroffenen haben ausdrücklich darum gebeten - nur bitte keine Öffentlichkeit, nur bitte keine Polizei oder Staatsanwaltschaft, sonst ist unsere Karriere kaputt. Wäre ja schlimm genug, wenn es so war. Oder aber es herrschte ein Klima damals, vor fast 40 Jahren, das man sagte: Okay, das ist ja deren Privatsache, da gucken wir als SR oder als Produktionstochter Telefilm Saar mal schnell weg.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn die Zielsetzung Ihrer Aufarbeitung?

Kleist: Nun, bisher sind das ja alles Hinweise, und es gilt in einem Rechtsstaat die Unschuldsvermutung. Auch jetzt, wenngleich sich die Hinweise sehr stark verdichten Richtung Beweise. Aber es geht mir nicht so sehr um Schuld und Sühne. Wegen Verjährung würde es nicht zur Strafverfolgung kommen. Doch das macht ja die Geschehnisse nicht ungeschehen. Deshalb müssen wir fragen: Welche Verantwortung hat man damals gesehen? War das Verhalten in Ordnung? Und was können wir für heute daraus lernen?

SPIEGEL ONLINE: Und? Was lernen Sie für heute daraus?

Kleist: Dieser Regisseur war ja nicht nur Regisseur, sondern war auch Produzent, Drehbuchautor und Caster. Wahrscheinlich häufig alles in einer Person. Casting macht heute nicht mehr der Regisseur alleine, das ist ein Team. Man muss in diese Richtung weiterdenken, was man organisatorisch tun kann. Mein Anliegen ist, dass junge Schauspielerinnen und Schauspieler in diesen kreativen Beruf einsteigen können, ohne Angst zu haben, einen Leidensweg gehen zu müssen. Dass sie sich in einem Umfeld von Respekt und Wertschätzung bewegen, damit so etwas nicht passiert.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel bekommt ein Sender, der einen Auftrag an eine Produktionsfirma rausgibt, eigentlich mit von den Verhältnissen am Set? Dass die jetzt veröffentlichten Unterlagen überwiegend aus einem Revisionsbericht stammen, suggeriert ja: Man horcht erst auf, wenn Geld ins Spiel kommt.

Kleist: Genau, man wurde erst aufmerksam, als die Kosten aus dem Ruder liefen. Man hat das vielleicht nur unter Kostenaspekten gesehen. Beim Erstellen des Revisionsberichtes fiel auf: Erst fiel Schauspielerin A aus und dann Schauspielerin B. Und hat dann vom Anwalt Informationen bekommen: Sie war verletzt, und da gab es wohl Vorkommnisse mit dem Regisseur. Wie es sich jetzt darstellt, ist es so erst der Intendanz zur Kenntnis gelangt.

SPIEGEL ONLINE: Und wie sieht das heute aus? Wie läuft das etwa, wenn der SR einen "Tatort" dreht?

Kleist: Ich bin mir ziemlich sicher, dass der verantwortliche Redakteur die Intendanz informieren würde, es wäre jedenfalls seine Pflicht. Und dann würden wir schon aktiv werden. Natürlich kann man nie für jeden Einzelnen die Hand ins Feuer legen. Aber ich kenne das aus dem Management so: Es darf kein Organisationsverschulden geben. Und das könnte damals eben existiert haben.

SPIEGEL ONLINE: Der "Tagesspiegel" schreibt von einem "institutionalisierten Schweigen", das damals geherrscht habe. Warum sind Sie sicher, dass es heute anders ist?

Kleist: Mein Bauch sagt mir: Das ist heute nicht mehr so. Ich zitiere da immer gerne Martin Walser, der mal gesagt hat: "Macht ist in dem Maße gefährlich, wie sie unkontrollierbar ist. Egal, wer sie ausübt." Es ist nicht mehr so, dass einer alles in der Hand hat - weil das ja Missbrauch Tür und Tor öffnet. Wir haben heute in allen Häusern Frauenbeauftragte, Ombudsstellen. Ich glaube, wir haben jetzt ein anderes Klima, das nicht mehr erlaubt, wegzuschauen, zu bagatellisieren, zu sagen: Das ist Privatsache.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben das Thema auch für die nächste Intendantensitzung der ARD Anfang Februar angemeldet. Gehen Sie mit konkreten Ideen in die Sitzung? Andere Anstalten wie WDR oder NDR haben ja auch Produktionen mit Wedel verantwortet.

Kleist: Ich gehe mit einer Erwartung da rein, dass sich alle so transparent verhalten wie wir. Die Stellungnahme vom Kollegen Wilhelm (dem BR-Intendanten und derzeitigen ARD-Vorsitzenden) geht ja genau in diese Richtung. Alleine Transparenz innerhalb der ARD könnte schon einiges bewirken.

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