Nötigungsvorwürfe gegen Dieter Wedel Regisseur Gnadenlos

Der Filmemacher Dieter Wedel soll Schauspielerinnen sexuell genötigt haben, was er bestreitet. Über einen Mann, der das deutsche Fernsehen in den Neunzigern zu Höhen und in Abgründe führte.

imago/Michael Westermann

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Bis zu zehn Millionen Zuschauer sahen 1993 seinen "großen Bellheim" im ZDF, bis zu zehn Millionen sahen 1998 seinen "König von St. Pauli" bei Sat.1. Große Mehrteiler über Industrielle und Kiezgrößen, über Männer an der Macht waren das, die für deutsche Verhältnisse Rekordbudgets verschlangen, aber immer wieder auch Rekordquote einfuhren. Dieter Wedel hatte offenbar die Formel gefunden, wie man in den schwierigen Neunzigerjahren schnittiges, massenwirksames Fernsehen produzieren konnte. In den TV-Redaktionen wurde er dafür als Genie gefeiert.

Um die bedingungslose Gefolgschaft der Fernsehwirtschaft zu begreifen, muss man sich noch einmal das Jahrzehnt vor Augen führen: Die Neunziger waren beim deutschen TV geprägt von Angst und Aufbruch gleichermaßen. Durch die Einführung des dualen Rundfunksystems in den Achtzigern hatten ARD und ZDF Konkurrenz bekommen von RTL und Sat.1, es buhlten auf einmal doppelt so viele große Player um das deutsche Publikum.

Bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten gingen die Quoten runter, gleichzeitig mussten sie gegen Konkurrenten antreten, die durch ihren privatwirtschaftlichen Hintergrund frei im Eintreiben von Produktionsgeldern waren.

23 Millionen Mark für den "König von St. Pauli"

So kostete die Sat.1-Produktion "Der König von St. Pauli" 23 Millionen Mark, eine Summe, die man in Fernsehdeutschland noch nicht für ein TV-Event ausgegeben hatte. Wedel lieferte dafür eine monumentale Fernseherzählung, die es vom Umfang und vom Figurentableau locker mit den gefeierten US-Serien der Gegenwart aufnehmen kann. Das goldene Fernsehzeitalter? Viele ältere ZDF- und Sat.1-Angestellte denken da möglicherweise an die Neunziger.

Die Fernsehkritik war weniger begeistert. Trotzdem wähnten viele Verantwortliche von ZDF und Sat.1 die gigantischen Etats, die Wedel für seine Dicke-Hose-Produktionen benötigte, bei ihm in sicheren Händen; die Kontrollinstanzen waren in Anbetracht solcher Summen geradezu unanständig leger. Wedel selbst brachte seine damalige Gestaltungsfreiheit einmal so auf den Punkt: "Keiner quatscht mir rein, wenn ich meine elektrische Eisenbahn aufbaue."

Spielkind und Machtmensch, Starmaker und Quotengott: Wedel fühlte sich in seinem Schaffen unangreifbar, sein Führungsstil wurde allgemein als diktatorisch beschrieben, etliche Zeitungsartikel aus jener Zeit zelebrierten sein aufbrausendes Wesen. Die, die ihm Einhalt gebieten konnten, die Entscheider bei Sat.1 und vor allem bei Wedels eigentlichem Haussender ZDF, schwiegen. Sie wollten das Quotenglück, das ihnen so zerbrechlich erschien, nicht gefährden.

In dieser Zeit, den Jahren zwischen "Bellheim" und "König von St. Pauli", soll es laut "Zeit-Magazin" zu sexuellen Übergriffen gekommen sein. In einem Artikel der aktuellen Ausgabe klagen die ehemaligen Schauspielerinnen Jany Tempel und Patricia Thielemann den Regisseur an, sie genötigt zu haben. Sie beschreiben die Angriffe Wedels genau; Tempel sei demnach 1996 auf einem Hotelzimmer zum Sex gezwungen worden, Thielemann konnte 1991 angeblich eine Attacke abwehren und aus dem Hotelzimmer entkommen. Wedel bestreitet die Vorwürfe kategorisch.

Gnadenloser Machtmissbrauch

Die Vorwürfe der sexuellen Nötigung sind neu; dass Wedel auf dem Set seine Macht gnadenlos einsetzte, ist indes hinlänglich bekannt. Ein Filmschaffender, der beim Dreh von "Der große Bellheim" dabei war, sagt gegenüber dem SPIEGEL: "Wedel verhielt sich allen Mitarbeitern gegenüber widerlich, egal ob weiblich oder männlich." Es sei ihm grundsätzlich darum gegangen, sein Team zu demütigen.

Von Nötigung oder Vergewaltigung sei damals allerdings nichts bekannt geworden, nicht mal Gerüchte in dieser Richtung habe es gegeben. Frauen gegenüber habe sich Wedel demnach herablassend und anzüglich verhalten, Männer führte er stets vor versammeltem Team vor. Legendär sind seine Herabwürdigungen von Heinz Hoenig, diesem Kraftpaket von Schauspieler, den er beim Dreh bis spät in die Nacht vor versammelter Mannschaft erniedrigte, weil dieser angeblich immer wieder seinen Text vergaß.

Offenbar schritt keiner ein, die meisten blieben. Das Schweigen und Hinnehmen war der Preis für die Karriere, die das Arbeiten mit Wedel versprach. Schauspielerinnen wie die vor der Zusammenarbeit völlig unbekannten Julia Stemberger oder Jennifer Nitsch machte Wedel zumindest für einige Jahre zum Star, Stammschauspieler wie Stefan Kurt oder eben Hoenig nahm er treu von einem Prestigeprojekt zum anderen mit.

Jedenfalls so lange, wie die Quote stimmte. Als Wedel 2002 mit seinem Sechsteiler "Die Affäre Semmeling" plötzlich nur noch die Hälfte der Zuschauer einsammelte, war es ganz schnell vorbei mit den kostspieligen TV-Events.

Bis dahin aber war das TV-System Wedel eines, von dem viele verschiedene Menschen profitierten. Verunsicherte Fernsehredakteure genauso wie verunsicherte Schauspieler. Ob und wie viele Opfer in diesem goldenen Zeitalter des deutschen Fernsehens produziert worden sind, wird sich in den nächsten Monaten zeigen.



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