Zum Tod von Dieter Wellershoff "Ich lief noch spät abends zu ihm, bloß, um ihm nah zu sein"

Aufgeben war keine Option: Mit Romanen wie "Der Liebeswunsch" schuf Dieter Wellershoff große deutsche Literatur. Jetzt ist er im Alter von 92 Jahren gestorben. Der sehr persönliche Nachruf seines Schülers Peter Henning.

Dieter Wellershoff
imago

Dieter Wellershoff


Sein lädiertes Knie, das ihn zu diesem komischen Wackelgang zwang, in dem er bis zuletzt gelassen durch die langen Flure seiner Kölner Wohnung lief, hatte er sich 1944 als Frontkämpfer der Panzerdivision Hermann Göring in Litauen geholt. Von einem Granatsplitter zerfetzt, wurde es nie mehr ganz funktionsfähig. "Es war, als hätte man mir mit einer Pickhacke in die Kniekehle geschlagen!" sagte er einmal. "Danach konnte ich nur noch kriechen!"

Doch natürlich ist Dieter Wellershoff damals wieder aufgestanden. Wie so oft in seinem langen, nachfolgenden Leben. Geleitet von der Erkenntnis, dass "ich die größtmögliche Herausforderung überstanden hatte. Und dass alles, was fortan käme, eine Bagatelle sein würde im Vergleich zu dem, was hinter mir lag."

Wellershoff kehrte heim, holte sein Abitur nach, studierte in Bonn Germanistik, Kunstgeschichte und Psychologie und promovierte mit einer Arbeit über Gottfried Benn. Von 1959 an arbeitete er als Lektor im Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch - und schrieb sich zudem ganz langsam heran an die deutsche Literatur jener Jahre. Er tat das mit Romanen wie "Ein schöner Tag" (1966) und "Die Schattengrenze"(1969), in denen er vom Nouveau Roman der Nathalie Sarraute und Alain Robbe-Grillet herkommend andeutete, wie er sich eine realitätsgesättigte Literatur vorstellte, nämlich als "sprachliche Vertiefung des Lebens" ohne poetische Verschönerungen. Zudem: Radikal existenzialistisch.

Leben heißt kämpfen

Eine Literatur also, die von Menschen erzählt, die das vom Zufall regierte Dasein immer wieder scheinbar in die Knie zu zwingen scheint - und die am Ende doch begreifen, dass leben immer auch kämpfen heißt: kämpfen um den aufrechten Gang. Für Autonomie und Würde. Um Liebe und Glück. Das hat er mich vor allem in unseren vielen gemeinsamen Stunden gelehrt - dass aufgeben keine Option ist.

Das erste Mal begegnet bin ich ihm im Juni 2013 begegnet, zahllose weitere Treffen sollten folgten. Er wurde mein Freund und Berater und manchmal, ja auch das, der Vater, den ich nicht hatte. Wann immer sich die Gelegenheit dazu bot, lief ich, manchmal noch spät abends, wie ein Schüler zu meinem Lehrer, hinüber in die Mainzer Straße, bloß, um ihm nah zu sein. Und jedes Mal waren da die Angst und Wissen, dass sich alles nur eine gewisse Anzahl von Malen wiederholen lässt.

Ich habe ihn aus der Nähe langsam älter werden sehen. Bis zuletzt aber blieb er dem Leben zugewandt. Ein junger Dachs in Greisengestalt, die nie aller Welt Freund sein wollte. Lieber blieb er für sich, kantig, scheinbar schroff. Doch wenn er einen dann an sich heranließ, wurde er ganz weich.

In knapp 60 Jahren hat dieser 1925 in Neuss geborene Schriftsteller ein vielgestaltiges, aus wuchtigen Romanen, hellsichtigen Essays, wundervollen Novellen, Gedichten und Erzählbänden bestehendes Gesamtwerk hervor gestoßen - gekrönt von seinem im Jahr 2000 erschienenen Roman "Der Liebeswunsch", über welchen der 2013 verstorbenen Marcel Reich-Ranicki bekannte, dass er "es selten in unserer zeitgenössischen Literatur erlebt habe, dass Liebe so vergegenwärtigt wird."

Menschen, vom Blitz gestreift

"Mir ging es immer um das Aufleuchten von Existenzerfahrung", sagte Wellershoff einmal zu mir. "Und sei es als Schock. Meine Figuren sind vom Blitz Gestreifte. Sie sind vom Leben berührt." Exemplarisch zeigt dies sein ebenfalls 2000 erschienener Erzählband "Das normale Leben", dessen Geschichten zum Bestens dessen zählen was nach 1945 hierzulande in dieser Form geschrieben wurde.

Dass er viele Jahre vorher mit gerademal Dreißig noch schnell und quasi im Alleingang die damals junge deutsche Literatur revolutionierte, indem er als Lektor des Kölner Verlages damals aufstrebenden Autoren wie Rolf Dieter Brinkmann, Nicolas Born oder Günter Seuren einen neuen Schreibansatz verordnete, liest sich da inzwischen wie eine biographische Randnotiz.

Doch dieses Wirken trug ihm den Ruf eines Erneuerers ein - und ging später als sogenannte "Kölner Schule" in die Literaturgeschichte der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts ein. Bis Wellershoff irgendwann genug davon hatte, die Bücher anderer besser zu machen - und lieber selbst Romane schrieb. "Mir schwebten Geschichten über die Gefährlichkeit der Welt vor", sagte er, "und über die haarsträubende Irrationalität des menschlichen Verhaltens."

Sowohl in seinem Roman "Die Schönheit des Schimpansen" (1977) als auch in "Der Sieger nimmt alles" (1983) gab er dieser "menschlichen Irrationalität" ein bleibendes Gesicht. 2009 dann sein letzter Roman: "Der Himmel ist kein Ort" - die Geschichte eines jungen Geistlichen, der beginnt an seinem Gott zu zweifeln. Ein starker Schlussakkord, der den Atheisten Wellershoff ein letztes Mal in Hochform zeigte.

Dieter Wellershoffs Leben war ein langer Flug durch die Literatur und die Jahrzehnte. Ein Flug, den er mir, wenn wir gemeinsam in seinem Arbeitszimmer saßen, noch manchmal weit ausholend beschwor. "Hat sich die ganze Arbeit am Ende wirklich gelohnt?" hat er mich noch vor wenigen Wochen mit hörbar zweiflerischem Unterton in der Stimme gefragt. "Wäre mehr möglich gewesen?"

Ein Blick auf sein vielbändiges, in seiner drängenden Aktualität unverändert herausfordernd vor uns liegendes Werk beantwortet diese Frage aus sich heraus. Es sind Bücher, die er "Existenzbeweise" für sich nannte, große wuchtige Arbeiten über unser prekäres Dasein in einer vom Zufall gelenkten Welt.

Mit Dieter Wellershoff hat die deutsche Literatur nun ihren letzten großen Existenzialisten verloren. Einen großen Schriftsteller und einen wundervollen Menschen. Er fehlt. Schon jetzt.



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.