Von Maria Marquart
Zu Beginn forderte Anne Will ihre Gäste zur Mutprobe auf. Wer traut sich Rührei zu essen? Nein, nicht aus Bio-Eiern gemacht. Es sollte ja Nervenkitzel dabei sein. In mehreren Supermärkten kauften die Mitarbeiter der Talkshow Eier aus verschiedenen Ställen zusammen. Fernsehkoch Christian Rach bereitete das Rührei zu. Die ersten Bissen zeigten schon, wo die Frontlinien der Sendung verliefen. Während Ex-Landwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke beherzt reinschaufelte, verkündete ZDF-Journalist und Hobby-Moralist Peter Hahne: "Ich ekle mich."
"Dioxin im Frühstücksei - kein Respekt vor Mensch und Tier?" Zu diesem Thema hatte Will neben Rach, Hahne und Funke noch Geflügelwirtschaftslobbyist Thomas Janning und die Schriftstellerin und Tierschützerin Karen Duve geladen. Wer sich Informationen über die Risiken und Lehren aus dem aktuellen Dioxin-Skandal erhofft hatte, ahnte vielleicht schon, dass er enttäuscht werden würde.
Die Rollen waren klar verteilt: Duve, Rach und Hahne schimpften auf die Agrar- und Lebensmittelindustrie. Ex-Minister Funke, selbst Landwirt, und Lobbyist Janning verteidigten sie. Zwischendurch beklagten alle den Geiz der deutschen Verbraucher beim Lebensmitteleinkauf.
Seit Tagen diskutieren Politiker, Verbraucherschützer und Verbandsvertreter über den Dioxin-Skandal. Doch die interessantesten Fragen sind noch immer offen und wurden auch bei Will nicht geklärt:
Dass die Talkerin hier gar nicht erst nach Antworten suchte, zeigte schon die Tatsache, dass weder Kontrolleure noch politisch Verantwortliche geladen waren. Dass eine Live-Schaltung zu der Staatssekretärin im Verbraucherschutzministerium, Julia Klöckner, im ersten Anlauf scheiterte, passte ins Bild.
Als die Schalte im zweiten Anlauf klappte, freute sich Talkerin Will so sehr, dass sie offenbar alle kritischen Fragen vergaß. Klöckner lobte das Krisenmanagement ihres Ministeriums ("Wir haben Klarheit geschaffen"), warnte vor Panik und durfte jegliche Verantwortung für den Skandal an das Unternehmen Harles und Jentzsch abwälzen. Dieses habe in einem nicht dafür angemeldeten Betrieb mit technischen Fetten Zutaten für Futtermittel hergestellt. Das hätten doch die Kontrolleure nicht wissen können, verkündete Klöckner mit Dauerlächeln im Gesicht.
Kritische Nachfragen von Will? Fehlanzeige.
Keine dieser Fragen stellte Will.
Selbst folgender eigenartiger Satz Klöckners blieb unkommentiert: "Dioxin ist kein Stoff, den man zu sich nehmen sollte ohne Bedenken." Nach ein paar Minuten war die CDU-Staatssekretärin wieder verschwunden.
Früher waren Bauernhöfe auch kein Streichelzoo
Spätestens hier wünschte man sich als Zuschauer einen Experten, der in wenigen Sätzen erklärt, wie gefährlich das Gift wirklich ist und wo es vorkommt. Stattdessen durften die Studiogäste ihre eigenen Wahrheiten zu Dioxin verkünden. "Früher ging es oft durch die Luft", belehrte Tierschützerin Duve die Zuschauer. Die Autorin, die Grillhähnchenpfanne verschmäht und stattdessen Tofu und Gemüse isst, kam in der Diskussion mit ihrem Appell zum ethischen Konsum nicht wirklich zum Zug. Ihre radikale Haltung komme beim Großteil der Menschen nicht an, belehrte sie Koch Rach.
Am erfrischendsten in der ganzen Debatte wirkte Ex-Minister Funke. Er kreidete den aktuellen Ministern an, dass sie zu wenig gegen Sicherheitslücken in der Futtermittelkette täten und kritisierte die Billig-Mentalität der Verbraucher. Zwischendurch ließ er als Praktiker Idealisten wie Hahne und Duve noch wissen, dass auch vor 50 Jahren Bauernhöfe kein Streichelzoo waren, sondern Kühe und Hühner meist in dunklen, verdreckten, stickigen Ställen steckten.
Geflügelwirtschaftslobbyist Janning parierte Attacken geschmeidig. Doch als Will einen mitleiderregenden Film von der Kastration kleiner Ferkel und der Schlachtung von Tieren einspielen ließ, geriet auch er in die Defensive.
Als positives Gegenbeispiel gab es einen Einspieler, in dem Henne "Rudi" auf dem Küchentisch von Autorin Duve zu sehen ist - Tierschützerin und Huhn sind wohlauf. Rudi wurde von Duve in einer nächtlichen Aktion aus einem Riesenstall gerettet und darf nun Eier nach Lust und Laune legen.
Es ging dann ein bisschen hin und her, was denn artgerechte oder tiergerechte Haltung sei. Und ob sich denn die Verbraucher im Klaren seien, dass ein Stück Fleisch einmal zu einem Tier gehörte, das dafür geschlachtet wurde. Sollte man das vielleicht lieber auf die Verpackung schreiben?
Vom Dioxin und wie es denn nun ins Futter kam, war da schon lange nicht mehr die Rede.
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