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Dioxin-Talk bei "Anne Will": Viel Geschnatter und eine Henne namens Rudi

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Schon klar: Dioxin im Frühstücksei ist nicht in Ordnung, und Tiere auf der Schlachtbank sind kein schöner Anblick. Viel mehr erfuhr der Verbraucher aber bei der Diskussion bei "Anne Will" um den aktuellen Futtermittel-Giftskandal auch nicht. Statt Aufklärung gab's Aufgewärmtes.

"Ich ekle mich": Peter Hahne, Christian Rach und Karen Duve (v.l.) zu Gast bei "Anne Will" Zur Großansicht
NDR

"Ich ekle mich": Peter Hahne, Christian Rach und Karen Duve (v.l.) zu Gast bei "Anne Will"

Zu Beginn forderte Anne Will ihre Gäste zur Mutprobe auf. Wer traut sich Rührei zu essen? Nein, nicht aus Bio-Eiern gemacht. Es sollte ja Nervenkitzel dabei sein. In mehreren Supermärkten kauften die Mitarbeiter der Talkshow Eier aus verschiedenen Ställen zusammen. Fernsehkoch Christian Rach bereitete das Rührei zu. Die ersten Bissen zeigten schon, wo die Frontlinien der Sendung verliefen. Während Ex-Landwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke beherzt reinschaufelte, verkündete ZDF-Journalist und Hobby-Moralist Peter Hahne: "Ich ekle mich."

"Dioxin im Frühstücksei - kein Respekt vor Mensch und Tier?" Zu diesem Thema hatte Will neben Rach, Hahne und Funke noch Geflügelwirtschaftslobbyist Thomas Janning und die Schriftstellerin und Tierschützerin Karen Duve geladen. Wer sich Informationen über die Risiken und Lehren aus dem aktuellen Dioxin-Skandal erhofft hatte, ahnte vielleicht schon, dass er enttäuscht werden würde.

Die Rollen waren klar verteilt: Duve, Rach und Hahne schimpften auf die Agrar- und Lebensmittelindustrie. Ex-Minister Funke, selbst Landwirt, und Lobbyist Janning verteidigten sie. Zwischendurch beklagten alle den Geiz der deutschen Verbraucher beim Lebensmitteleinkauf.

Seit Tagen diskutieren Politiker, Verbraucherschützer und Verbandsvertreter über den Dioxin-Skandal. Doch die interessantesten Fragen sind noch immer offen und wurden auch bei Will nicht geklärt:

  • Wo und wie genau geriet Dioxin in die Futtermittelkette?
  • Welche Gefahr bestand und besteht für die Verbraucher?
  • Wer hat im Kontrollsystem versagt?
  • Was muss sich ändern, damit so was nie wieder passiert?

Dass die Talkerin hier gar nicht erst nach Antworten suchte, zeigte schon die Tatsache, dass weder Kontrolleure noch politisch Verantwortliche geladen waren. Dass eine Live-Schaltung zu der Staatssekretärin im Verbraucherschutzministerium, Julia Klöckner, im ersten Anlauf scheiterte, passte ins Bild.

Als die Schalte im zweiten Anlauf klappte, freute sich Talkerin Will so sehr, dass sie offenbar alle kritischen Fragen vergaß. Klöckner lobte das Krisenmanagement ihres Ministeriums ("Wir haben Klarheit geschaffen"), warnte vor Panik und durfte jegliche Verantwortung für den Skandal an das Unternehmen Harles und Jentzsch abwälzen. Dieses habe in einem nicht dafür angemeldeten Betrieb mit technischen Fetten Zutaten für Futtermittel hergestellt. Das hätten doch die Kontrolleure nicht wissen können, verkündete Klöckner mit Dauerlächeln im Gesicht.

Kritische Nachfragen von Will? Fehlanzeige.

  • Warum wird eine Firma, die ganz am Anfang der Futtermittelkette steht, nicht öfter und genauer kontrolliert?
  • Wieso kommen Behörden dem illegalen Betrieb nicht bei Kontrollen von Lieferscheinen und anderen Papieren auf die Schliche?
  • Wieso verlässt man sich nach dem x-ten Skandal noch immer auf Eigenkontrollen der Betriebe?

Keine dieser Fragen stellte Will.

Selbst folgender eigenartiger Satz Klöckners blieb unkommentiert: "Dioxin ist kein Stoff, den man zu sich nehmen sollte ohne Bedenken." Nach ein paar Minuten war die CDU-Staatssekretärin wieder verschwunden.

Früher waren Bauernhöfe auch kein Streichelzoo

Spätestens hier wünschte man sich als Zuschauer einen Experten, der in wenigen Sätzen erklärt, wie gefährlich das Gift wirklich ist und wo es vorkommt. Stattdessen durften die Studiogäste ihre eigenen Wahrheiten zu Dioxin verkünden. "Früher ging es oft durch die Luft", belehrte Tierschützerin Duve die Zuschauer. Die Autorin, die Grillhähnchenpfanne verschmäht und stattdessen Tofu und Gemüse isst, kam in der Diskussion mit ihrem Appell zum ethischen Konsum nicht wirklich zum Zug. Ihre radikale Haltung komme beim Großteil der Menschen nicht an, belehrte sie Koch Rach.

Am erfrischendsten in der ganzen Debatte wirkte Ex-Minister Funke. Er kreidete den aktuellen Ministern an, dass sie zu wenig gegen Sicherheitslücken in der Futtermittelkette täten und kritisierte die Billig-Mentalität der Verbraucher. Zwischendurch ließ er als Praktiker Idealisten wie Hahne und Duve noch wissen, dass auch vor 50 Jahren Bauernhöfe kein Streichelzoo waren, sondern Kühe und Hühner meist in dunklen, verdreckten, stickigen Ställen steckten.

Geflügelwirtschaftslobbyist Janning parierte Attacken geschmeidig. Doch als Will einen mitleiderregenden Film von der Kastration kleiner Ferkel und der Schlachtung von Tieren einspielen ließ, geriet auch er in die Defensive.

Als positives Gegenbeispiel gab es einen Einspieler, in dem Henne "Rudi" auf dem Küchentisch von Autorin Duve zu sehen ist - Tierschützerin und Huhn sind wohlauf. Rudi wurde von Duve in einer nächtlichen Aktion aus einem Riesenstall gerettet und darf nun Eier nach Lust und Laune legen.

Es ging dann ein bisschen hin und her, was denn artgerechte oder tiergerechte Haltung sei. Und ob sich denn die Verbraucher im Klaren seien, dass ein Stück Fleisch einmal zu einem Tier gehörte, das dafür geschlachtet wurde. Sollte man das vielleicht lieber auf die Verpackung schreiben?

Vom Dioxin und wie es denn nun ins Futter kam, war da schon lange nicht mehr die Rede.

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1. Pudels Kern
Brand-Redner 10.01.2011
Zitat von sysopSchon klar: Dioxin im Frühstücksei ist nicht in Ordnung und Tiere auf der Schlachtbank sind kein schöner Anblick. Viel mehr erfuhr der Verbraucher aber bei der*Diskussion bei Anne Will*um den aktuellen Futtermittel-Giftskandal auch nicht: Statt Aufklärung gab's Aufgewärmtes. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,738587,00.html
Ich stimme dem Artikel zu: Zu fragen, wie eine Firma täglich Tonnen von Futtermitteln produzieren und distributieren kann, ohne dass irgendeinem Amtsstubenschläfer ihre bloße Existenz auffällt - das wäre erste Journalistenpflicht gewesen. "Anne Will" hat diesen Praxistest (wieder einmal) nicht bestanden. Es bleibt also alles beim Alten - im TV wie im Hühnerstall. Mahlzeit!
2. .
frubi 10.01.2011
Zitat von sysopSchon klar: Dioxin im Frühstücksei ist nicht in Ordnung und Tiere auf der Schlachtbank sind kein schöner Anblick. Viel mehr erfuhr der Verbraucher aber bei der*Diskussion bei Anne Will*um den aktuellen Futtermittel-Giftskandal auch nicht: Statt Aufklärung gab's Aufgewärmtes. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,738587,00.html
Das wird ein Jahr. Wenn 2011 schon so anfängt, dann gute Nacht. Wenigstens hat uns 3Sat mit der Stone Doku "Comandante" beglückt. Das war Unterhaltung vom feinsten. Wer guckt da schon freiwillig der Will beim Zeitvertreib zu?
3. kein Titel
zephyros 10.01.2011
Zitat von sysopSchon klar: Dioxin im Frühstücksei ist nicht in Ordnung und Tiere auf der Schlachtbank sind kein schöner Anblick. Viel mehr erfuhr der Verbraucher aber bei der*Diskussion bei Anne Will*um den aktuellen Futtermittel-Giftskandal auch nicht: Statt Aufklärung gab's Aufgewärmtes. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,738587,00.html
ihr Artikel beschreibt das Elend vortrefflich - die lange Weihnachtspause scheint Anne geistig nicht ganz bekommen zu sein
4. Chancen vertan, wie immer
Terrorkater 10.01.2011
Will hat, wie immer in ihren ledier oberflächlichen Gesprächsrunden, jede Chance vertan, die Diskussion in Gang zu bringen. Ein obermoralischer Hahne, ein stiller Rach, ein lustiger, angriffsfreudiger Funke und ein furchtbar schmieriger Lobbyist. Das war es? Die kurzen, guten Ansätze (Geizmenthalität der Konsumenten, was natürlich auf Einfluss hat auf Futterpreise und Haltungssituationen) werden übergangen. Das war nix, wie immer.
5. Lustig,
Moralinsaurer 10.01.2011
was außer sinnleerem Geschnatter erfährt der Zuscheuer denn wirklich bei Frau Will? Quod erat exspectandum.
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Dioxin im Futter: Verseuchte Lebensmittel?

Dioxine - Gefahr für Mensch und Tier
Was sind Dioxine?
Dioxine sind chemisch ähnlich aufgebaute Verbindungen, die aber unterschiedlich giftig sind. Der bekannteste Vertreter der Gruppe ist das als Seveso-Gift bekannt gewordene TCDD (2,3,7,8-Tetrachlordibenzodioxin). Im Tierversuch kann es schon in einer Konzentration von einem Millionstel Gramm pro Kilogramm Körpergewicht tödlich sein.
Wie entstehen sie?
Dioxin entsteht unerwünscht etwa bei Verbrennungsprozessen mit Chlor und organischem Kohlenstoff. Nach Angaben des Umweltbundesamts wird das Gift bei 300 Grad und mehr gebildet und bei 900 Grad und mehr zerstört. Auch bei chemischen Produktionsverfahren mit Chlor können die Stoffe entstehen, außerdem bei Waldbränden oder Vulkanausbrüchen.
Welche Gefahren gehen von Dioxinen aus?
Bereits geringe Konzentrationen können gefährlich sein. Als Langzeitwirkungen wurden etwa Störungen des Immunsystems, schwere Erkrankungen der Haut, der Atemwege, der Schilddrüse und des Verdauungstraktes festgestellt. In Tierversuchen wurden krebserregende Wirkungen nachgewiesen.

Die einmal in die Umwelt gelangten Gifte bauen sich nur sehr langsam ab und reichern sich deshalb auch im Gewebe von Tieren und Menschen an. 90 bis 95 Prozent der Belastung kommt über die Nahrung in den Körper - vor allem durch den Verzehr von Fleisch und Milchprodukten. Ein prominentes Opfer einer Dioxin-Vergiftung ist der ukrainische Politiker Wiktor Juschtschenko. Er hat einen Dioxin-Anschlag im Jahr 2004 nur knapp überlebt. (Quelle: dpa)

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