"Doctor's Diary"-Autor "Meine Serie funktioniert bei allen Frauen"

Er ist 30 Jahre alt, und schon ein Star unter den TV-Drehbuch-Schreibern. Bora Dagtekin hat "Türkisch für Anfänger" erfunden und mit "Doctor's Diary" Erstaunliches geschafft: eine clevere Krankenhaus-Soap. Jetzt startet die zweite Staffel - Silke Burmester traf den Erfolgsautor am Set.


Bei RTL will man mal nicht so kleinlich sein. 3000 Hanfpflanzen? Na gut, 3000 Hanfpflanzen. Vom kleinen, zarte Pflänzchen bis hin zum ausgewachsenen, satten Busch. Bora Dagtekin ist begeistert: "Super sieht das aus! Total cool!" Begeistert durchschreitet er den Kellerraum. Ein Labor, die Spielstätte einiger Szenen seiner Krankenhausserie "Doctor's Diary", voll mit Gras. Ohne Samen, aber das wird man im Fernsehen nicht sehen.

Wenn Bora Dagtekin die Drehorte für die neue Staffel von "Doctor's Diary" besucht, kann ihn vieles begeistern. Die künstlichen Eiskristalle, die man der Hauptdarstellerin für die Szene in der Kältekammer an den Haaransatz geklebt hat, die liebevoll auf frostig getrimmten Laborutensilien, ein Geheimgang, dessen Herstellung 8000 Euro gekostet hat.

"DD ist schon aufwendiger produziert als andere Serien", räumt Produktionsleiter Frank Huwe ein. "Mehr Drehtage pro Folge, mehr Darsteller, teurere Darsteller, aufwendige Ausstattung. Aber das ist es wert."

Für die deutsche TV-Serie ist momentan vor allem er Gold wert: Bora Dagtekin, 30 Jahre alt, in Hannover als Sohn einer deutschen Lehrerin und eines türkischen Arztes geboren, Drehbuchautor von Beruf. Ein lebendiger, offener Mann mit einer großen Klappe und einer klaren Vorstellung davon, was er will, was er kann und was sich wo machen lässt. "Wenn ich irgendwas auf den Markt werfe oder pitche, dann liebe ich es und glaube auch daran, dass es funktioniert. Ich bin niemand, der in ein Meeting geht, ohne eine Vision zu haben."

"Hasenzahn, Stullen weglegen und dann die Messer wetzen"

"Türkisch für Anfänger", die mehrfach preisgekrönte ARD-Serie hat er 2004 geschrieben, da war er 25 Jahre alt. 2008 schickte RTL gemeinsam mit dem ORF seine Serie "Doctor's Diary" ins Rennen um die Quote. Und siegte. 16,5 Prozent holte "DD" im Durchschnitt, bis knapp unter 40 Prozent in der werberelevanten Zuschauergruppe der Frauen zwischen 20 und 29 Jahren. Jetzt startet die zweite Staffel.

"DD funktioniert wirklich bei allen Frauen", weiß der ehemalige Werbetexter Dagtekin, "bei intellektuellen, bei bodenständigen, bei modernen, bei traditionellen." Dass dem so ist, hat einen schlichten Grund: Die Krankenhausserie mit der Assistenzärztin Gretchen Haase als Hauptcharakter spielt mit der enormen Bandbreite moderner Geschlechterklischees. Bis kurz vorm Gehtnichtmehr.

Und so, wie es Dagtekin bei "Türkisch für Anfänger" gelang, die Klischees haarscharf vor Erreichen der Peinlichkeit zu brechen, gelingt ihm dies bei "Doctor's Diary". Gretchen Haase (Diana Ampft) ist Assistenzärztin auf Papas Station ("Hast Du schon Deine neuen Kollegen kennen gelernt, Kälbchen?") und seit Kindestagen in den größten Chauvi der Schule verknallt. Marc Meier (Florian David Fitz), jetzt ihr Oberarzt und einer, der keine Gelegenheit auslässt, ihr vermeintliche Unzulänglichkeiten unter die Nase zu reiben: "Hasenzahn, Stullen weglegen und dann die Messer wetzen."

Das Gegenstück zu Meier ist der mit der Niedlichkeit eines Hundebabys versehene Gynäkologe Mehdi Kaan (Kai Schumann), der auch nicht so recht für eine Beziehung zur Verfügung steht, weil er seine just aus dem Koma erwachte Frau pflegen muss. Und als wäre eine sich nach Liebe verzehrende Romantikerin in dieser Konstellation nicht bereits eingeklemmt genug, lässt Dagtekin in der neuen Staffel auch noch einen Millionär sein Unwesen in Gretchens Herzen treiben.

Das klingt banal, das klingt nach Trash, das klingt nach den Romanen, die Elke Fischer, die Mutter von Marc Meier, schreibt - und wird doch von so viel Intelligenz, Ironie und Witz getragen, dass neben der Grimme-Preis-Jury auch die des Deutschen Fernsehpreises und die des Deutschen Comedy-Preises mit Begeisterung ihre Trophäen an den Jungautoren übergeben haben.

"Ich sauge Fachwissen auf"

Dagtekins Geschichten sind ein Sammelsurium an Beobachtungen, an Erlebtem, an Gelesenem. "Die Themen holt man sich aus dem erweiterten Umfeld. Man beobachtet alles. Den Buchmarkt, den Kinomarkt, alles, was irgendwie mit Kultur und Popkultur zu tun hat. Ich sauge nicht so viel Fiction auf," erläutert er seine Herangehensweise. "Ich sauge Fachwissen auf. Da liegt unglaublich viel Ursprung für Witze."

Entsprechend sind seine Figuren gebaut: komplexe Persönlichkeiten als Resultat komplizierter fiktiver Biografien. "Man muss immer zwei Seiten einer Figur haben und sich fragen, wo kommt jemand her, was will er und was hält ihn davon ab. Was sind die Mächte, die miteinander kämpfen?" Bei Gretchen scheinen durchaus mehrere Mächte am Werk. Die Hauptfigur ist geradezu eingekesselt von Vernunft und Ambition, vom Sexappeal diverser Männer in Weiß, dem Traum von Familie, ihrem Hang nach Selbstbestimmung und dem nach Schokolade.

Das ist nicht neu, das ist "Bridget Jones" ebenso wie schnödes Prinzessinnen-Prinzip. Und dennoch ist "Doctor's Diary" eine qualitative Ausnahme in der deutschen Serienlandschaft, die seit Jahren in einer kreativen Misere steckt. "Wenn es eine Krise in der unterhaltenden Fiktion gibt, dann muss man die Produktionsfirmen fragen, wo sind denn die guten Ideen? Wenn die Sender nicht viel pilotieren, liegt es vielleicht daran, dass viel Schrott reinkommt." Natürlich gibt es gute Autoren, sagt er, doch was ihm fehlt, ist die Leidenschaft bei den Machern: "Man hat selten das Gefühl, dass hinter einer Serie ein, zwei Leute stehen, die ihr Herzblut da reingesteckt haben."

Herzblut, Leidenschaft, davon scheint Dagtekin ausreichend zu haben. Im Herbst wird RTL seine neue Agenten-Comedy verfilmen, eine Bearbeitung von Schillers "Die Räuber" bereitet er ebenso vor wie einen "Türkisch für Anfänger"-Film fürs Kino.

Aber schon längst hat er seinen Aktionsradius erweitert. Auf das "Creative Producing", das Gestalten. Er will die Schauspieler mit aussuchen, die Szenen, die Dialoge mit ihnen durchgehen, bei der Ausstattung und der Kulisse mitreden. Ein Prinzip, das aus Amerika kommt und von deutschen Erfolgsautoren wie Ralf Husmann ("Stromberg") zunehmend praktiziert wird.

Es ist aber auch ein Prinzip, das Produzenten und Regisseure nerven kann, wenn plötzlich derjenige mitredet, der die Figuren erfunden hat. Doch der Erfolg scheint Bora Dagtekin Recht zu geben: "Ich finde das Casting schlecht in Deutschland. Gerade bei Serien. Oft liegen da nicht genug Spitzen drin, es wird sich nicht genug getraut." Im Gegensatz zu seinem Casting, versteht sich. Da frage der Sender etwa bei der Besetzung der transusigen Schwester Sabine: "Ist die nicht zu abgefahren?". Lacht Dagtekin: "Und wir sagen dann, genau, das ist sie, die nehmen wir jetzt!"


"Doctor's Diary", Montag, 20.15 Uhr, RTL



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autocrator 03.08.2009
1. trauen
Zitate aus dem artikel: "qualitative Ausnahme in der deutschen Serienlandschaft, die seit Jahren in einer kreativen Misere steckt. " und "Oft liegen da nicht genug Spitzen drin, es wird sich nicht genug getraut." und "dass hinter einer Serie ein, zwei Leute stehen, die ihr Herzblut da reingesteckt haben." ... genau das ist das problem: schön brav deutsch im einheitsbrei a la lindenstrasse (die auch mal ganz anders, revolutionär angefangen hat, - hut ab!) ... man muss sich trauen, und auch den fehlschlag (u.a. finanziell) riskieren, - ohne dass der dazu führt, dass die Beteiligten job, existenz und zukunftsperspektive für immer verlieren. - bitte, wie soll ich kreativ sein, wenn mich die sorge drückt, wovon ich morgen meine brötchen bezahle??? "herzeblut"??? geht's auch ne nummer weniger radikal? Hallo, wir reden hier von "massenware": schnell und (unter'm strich immer noch) billig gemacht, kein high-end-produkt, nichts, womit "für den rest der menschheit bleibende werte", geschweige denn für einen einzelnen beteiligten das (finanziell) sorgenfreie leben im luxus mit villa und hummer und yacht und rundum-medizinische-versorgung" geschaffen werden - sondern von einer 08/15-vorabend-serie! Wenn sich van Gogh ein Ohr abschneidet für seine außerordentliche Kunst, dnn muss man nicht erwarten, dass die beteiligten einer in vergessen geraten werdende 2- jahres-serie dasselbe tun. werdet endlich mal realistisch!
Moralinsäure 03.08.2009
2. Mannsweiber
"Meine Serie funktioniert bei allen Frauen" - außer bei mir! Hurra! Zeit für meine Geschlechtsumwandlung.
frubi 03.08.2009
3. .
Zitat von sysopEr ist 30 Jahre alt, und schon ein Star unter den TV-Drehbuch-Schreibern. Bora Datekin hat "Türkisch für Anfänger" erfunden und mit "Doctor's Diary" Erstaunliches geschafft: eine clevere Krankenhaus-Soap. Jetzt startet die zweite Staffel - Silke Burmester traf den Erfolgsautor am Set. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,640013,00.html
[QUOTE=sysop;4119942] eine clevere Krankenhaus-Soap. QUOTE] Geht das überhaupt? Ich habe manchmal das Gefühl, diese Soaps haben alle zusammen mehr Alttagsprobleme als die gesamte deutsche Bevölkerung. Entweder die Zuschauer haben keine Beziehung und schauen sich aus Trauer diese Sendungen an oder sie haben eine Beziehung und gleichen diese mit der Sendung ab.
SethSteiner 03.08.2009
4. Von wegen "funktioniert"
Ich bin keine Frau aber ich kenn einige und merkwürdigerweise guckt keine davon diese Serie. Warum? Vielleicht weil Greys Anatomy oder Scrubs viel, viel, viel bessere Serien sind und eine Deutsche Kopie einfach niemanden so richtig anturnt? Wie wärs in der deutschen Serienlandschaft mal eine Horrorserie zu machen? Oder noch besser, eine Sci-Fi Serie? Oh oder Fantasy, das wäre doch mal was neues. Einfach mal etwas ANDERES als diesen ganzen Schmalz- und Soapkram. Ich finde Pro Sieben mit seiner Thrilltime jedenfalls ehrlich innovativer als das hier.
dr. gaius baltar 03.08.2009
5. Allerweltsgeschichten
"Wenn die Sonne der Kultur tief steht, werfen auch Zwerge lange Schatten." Die Drehbücher von Bora Datekin sind Allerweltsware. Warum der Spiegel und andere Blätter seine "Werke" nun so toll, neu und witzig finden, mag ein ewiges Geheimnis bleiben. Seine Bücher sind konventionell gestrickte, biedere Geschichtchen. Da sich die Medienwelt nur aus sich selbst ernährt und sich im selbstpublizierten Glanz feiert, mußte auch der Spiegel wohl glauben, das Bora Datekin außergewöhnliches Talent hat. Wer gute Serien mit guten Büchern und treffenden Charakteren sehen will, bleibt in erster Linie dem US-Markt verpflichtet.
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