TV-Projekt "14 Tagebücher" Doku-Soap mit Ernst Jünger

So fesselnd ist Geschichte selten erzählt worden: In der Arte-Doku "14 - Tagebücher des Ersten Weltkriegs" dienen private Notizen von Menschen aus ganz Europa als Steine eines Mosaiks der Kriegsjahre. Auch Käthe Kollwitz und Ernst Jünger sind dabei.

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Der Erste Weltkrieg beginnt für Karl Kasser mit einer Absurdität. Seine Vereidigung als Soldat der österreichisch-ungarischen Armee zieht sich über einen halben Tag - das Reich, das er fortan verteidigen soll, umfasst so viele Länder, dass in fünf Sprachen geschworen werden muss.

Festgehalten hat Kasser die Episode in seinem Tagebuch, das hundert Jahre später nun die Grundlage eines außergewöhnlichen Fernsehprojekts bildet: Zusammen mit NDR, SWR, WDR und ORF hat Arte 14 Tagebücher von Menschen aus den Kriegsjahren 1914 bis 1918 verfilmt. Die Aufzeichnungen werden dabei entweder in Spielszenen oder in Monologe übersetzt, die die Schauspieler direkt in die Kamera sprechen. Zu acht Folgen à 52 Minuten verwoben, entsteht so eine Art historische Doku-Soap, die ebenso gut informieren wie unterhalten will.

Die Auswahl reicht von Menschen aus Australien bis zum Russischen Kaiserreich, von Zivilisten bis zu überzeugten Kämpfern, und die Spielorte wechseln von Schützengräben über bürgerliche Wohnzimmer bis zu Lazaretten, die in herrschaftlichen Landhäusern eingerichtet werden.

"Mama" ist ab sofort verboten

Aus dem Deutschen Reich stammen die bekanntesten Protagonisten: Die sozialdemokratische Künstlerin Käthe Kollwitz, deren zwei Söhne in den Krieg ziehen, und der rechtskonservative Autor Ernst Jünger, dessen Aufzeichnungen von der Westfront später als Basis für sein Buch "In Stahlgewittern" dienen. Prominenz ist aber kein entscheidendes Kriterium, drei Kinder zwischen 10 und 14 Jahren sind ebenfalls vertreten und legen nicht nur Zeugnis davon ab, wie jung die europäische Gesellschaft vor einem Jahrhundert war - in ihrer Perspektive wird am eindrücklichsten klar, wie sehr der Krieg den Alltag durchdringt.

Der zehnjährige Franzose Yves Congar, der in Sedan aufwächst, ist schockiert, als die Deutschen den Nachbarshund erschießen. Ein schlimmeres Verbrechen ist für ihn nicht denkbar. Die zwölfjährige Elfriede Kuhr aus Posen muss in der Schule lernen, nicht mehr "Mama", "interessant" oder "Adieu" zu sagen. Alle Worte, die Fremdsprachen entlehnt sind, sind sie im Deutschen Reich nicht mehr erlaubt.

Gedreht wurde "14 - Tagebücher aus dem Ersten Weltkrieg" in Frankreich, Kanada und Deutschland jeweils in den Originalsprachen der Protagonisten. Regie führte der Deutsche Jan Peter, der zuletzt mit einem experimentellen Filmporträt von Friedrich dem Großen im TV zu sehen war. Zusammen mit einem fünfköpfigen internationalen Autorenteam verfasste er auch das Drehbuch, das die biografischen Szenen mit kompakten Einschüben zur historisch-politischen Situation der verschiedenen Länder kombiniert.

Während im fatalistisch anmutenden Vorspann noch das Bild eines glorreichen Europas gezeichnet wird, das sich gegen den Fortschritt und für die Barbarei entscheidet, ist die Serie insgesamt sehr nuanciert erzählt - auch wenn es Sprecher Udo Samel in der deutschen Fassung an Pathos und Kunstpausen nicht mangeln lässt. Die Beweggründe, warum die einzelnen Nationen in den Krieg ziehen, werden sorgfältig herausgearbeitet, die Protagonisten geraten durch die biografische Fundierung komplexer als in einem fernsehüblichen Historiendrama.

Flagge hissen für den Sohn in der Fremde

Die Sozialdemokratin Kollwitz lässt etwa den ersten Sohn in den Krieg ziehen, dabei ist sie gegen seinen Einsatz. Doch sie hat ihn zur Eigenständigkeit erziehen wollen, wie kann sie ihm da den dringenden Wunsch absprechen? Als erste Erfolgsmeldungen von der Westfront kommen, hisst sie zum ersten Mal in ihrem Leben die Reichsflagge - als symbolische Ermunterung für den Sohn in der Ferne, aber mindestens genauso für sich selbst. Diese feinen Brüche machen "14 - Tagebücher..." so packend.

So viel Sorgfalt wie bei der Figurenzeichnung hätte man sich allerdings auch beim Umgang mit dem üppig eingestreuten Archivmaterial gewünscht. Originalfilmaufnahmen sowie Postkarten, Fotos und Zeichnungen aus der Kriegszeit sind zwar technisch hochwertig in HD digitalisiert worden, in der Serie selbst werden sie aber ohne jegliche Datierung und Quellenhinweise montiert. Gerade im Vergleich zum European Film Gateway 1914 (EFG 1914), dem Digitalisierungsprojekt von 26 europäischen Filmarchiven, wirkt das unsauber gearbeitet.

Die ARD zeigt im Mai übrigens eine komprimierte Fassung von vier Folgen à 45 Minuten. Warum bei einem so populär aufbereiteten Format dem ARD-Publikum auch noch die Häppchenversion präsentiert wird, lässt sich schwer nachvollziehen. Auf 14-tagebuecher.de ist das Projekt zum Glück multimedial und mit zusätzlichen Angeboten wie der sechsteiligen Hörfunkfassung aufbereitet, so dass man auch nach der Ausstrahlung auf Arte an diesem und den zwei folgenden Dienstagen nichts verpassen muss.


"14 - Tagebücher des Ersten Weltkriegs", Dienstag, 29.4., zwei Folgen ab 20.15 Uhr; Dienstag, 6.5., drei Folgen ab 20.15 Uhr, Dienstag, 13.5., drei Folgen ab 20.15 Uhr.



insgesamt 2 Beiträge
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spon-facebook-10000540048 29.04.2014
1. Nöö, lass man ...
Es gibt Dokumentarfilme und "scripted reality". Die Mischung, die ARD und ZDF seit einiger Zeit für HIPP halten, Dokumentarisches mit Spielszenen zersetzt, ist ein unbefriedigender Bastard. Ungefähr so wie Hamburger - ner viertel Stunde nach Verzehr ist man wieder hungrig und dazu unzufrieden.
murun 29.04.2014
2. der Vergleich mit dem EFG 1914 hinkt
Bei dem 14-Tagebücher-Projekt handelt es sich um eine TV-Produktion, das ist nicht vergleichbar mit einem Projekt, bei dem ausschließlich Originalfilme jener Zeit weltweit aus Archiven zusammengesucht und aufbereitet worden sind. In dokumentarischen TV-Produktionen ist es generell nicht üblich, direkt zu den einzelnen historischen Einspielern - ob Bild oder Film - Datierung und Quelle anzugeben. Da ich beruflich selbst zahlreiche Anfragen dieser Art habe und auch die Ergebnisse kenne, weiß ich, wovon ich spreche. Und die "virtuelle Ausstellung" auf der Website des EFG 1914 unterscheidet sich wissenschaftlich nicht groß von der ähnlich aufbereiteten Seite 14-tagebuecher.de ... Abgesehen davon sind beide Projekte lobenswert.
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