Doku über Odenwaldschule Ein schreckliches Paradies

Begreifen, was hinter dem Wort Missbrauch steckt: Anderthalb Jahre nach dem Skandal um die Odenwaldschule und ihren ehemaligen Leiter Gerold Becker beschäftigt sich die Dokumentation "Geschlossene Gesellschaft" mit der Unfähigkeit der Verantwortlichen, sich den Vorwürfen zu stellen.

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SWR/ zeroone

"Ich war unverhofft im Paradies gelandet", sagt die Erzählerin aus dem Off. "An der OSO wurde gesoffen, geraucht, gekifft und gevögelt".

Es sieht auch wahrhaftig nach Paradies aus, wenn die Kamera über die grünen Wälder, die Wiesen schwenkt, über die schieferschwarzen Häuser, die sich da zwischen den Hügeln aneinanderdrängen. Und ja, es wurde gesoffen, geraucht, gekifft und gevögelt. Aber ein Paradies war die Odenwaldschule, genannt OSO, nicht. Jahrzehntelang war sexueller Missbrauch an der einstigen reformpädagogischen Vorbildschule an der Tagesordnung, ehemalige Schüler erheben auch Vergewaltigungsvorwürfe. Es war eine "Geschlossene Gesellschaft" (ARD, 22.45 Uhr), so der Titel des Films von Luzia Schmid und Regina Schilling, der die Monate der Aufklärung nachzeichnet. So geschlossen, dass sich die Schüler nicht trauten, darüber zu sprechen.

Die Alternative, die keine Alternative war

Vor anderthalb Jahren, Anfang März 2010, wurde das Missbrauchs-System von Gerold Becker, der die Schule bis 1985 leitete, und anderen Lehrern öffentlich. Genau zum 100-jährigen Jubiläum der OSO. Immer mehr Opfer meldeten sich, bis heute sind es 132. Zuvor waren bereits die Missbrauchsfälle am Canisiuskolleg in Berlin sowie in anderen katholischen Einrichtungen bekannt geworden. Und nun das: Das linke Vorzeigeprojekt seit Ende der sechziger Jahre, in das die von Weizsäckers, die von Dohnanyis, die Porsches, die Unselds ihre Kinder schickten - mittendrin im Missbrauchs-Sumpf.

Die Filmemacherinnen sprachen mit Jürgen Dehmers (Name in der Dokumentation geändert), der als Schüler missbraucht wurde und die Sache ins Laufen brachte, mit ehemaligen Lehrern wie Salman Ansari, der sich als einziger schon vor zehn Jahren deutlich auf die Seite der Schüler stellte. Auch Wolfgang Harder, der Nachfolger Gerold Beckers, kommt zu Wort.

Regisseurin Luzia Schmid kennt die OSO von Besuchen in den achtziger Jahren; ihr Internat in der Schweiz war eine Partnerschule. Schmid hatte bereits zu drehen begonnen, bevor die große Medienwelle im Frühjahr 2010 über die hessische Provinz hereinbrach. Zwei der Opfer, darunter Dehmers, hatten Ende der Neunziger Briefe an Gerold Becker, das Kollegium und den damaligen Schulleiter Harder geschrieben und auf öffentliche Aufklärung gedrängt. Nichts geschah, auch nicht 1999, nachdem sie sich an die "Frankfurter Rundschau" wandten und der erste große Text von FR-Redakteur Jörg Schindler erschien. Erst Margarita Kaufmann, die letzte Schulleiterin, suchte 2009 den Kontakt zu den Opfern, als sie von den Vorwürfen erfuhr.

Man organisierte die sogenannten "Frankfurter Gespräche" - Treffen in Frankfurt, bei denen Schulleiterin, Schulvorstand und Opfer zusammenkamen. Und Luzia Schmid war dabei und filmte. Um die Aussagen der Opfer zu dokumentieren.

Verschenktes Material

Es kann nicht genug Filme geben, die die Geschichten der Missbrauchsopfer erzählen - und die Blindheit, das Leugnen von Lehrern und Schulleitern entblößt. Daher ist Kritk in diesem Falle Krittelei. Dennoch ist es schade, dass die Filmemacherinnen, die die Exklusivität ihres Materials betonen, dieses so sparsam einsetzen. Von den "Frankfurter Gesprächen" taucht nur ein ehemaliger Schüler auf.

Was er nüchtern schildert, macht stumm. Er erzählt, wie der ehemalige Musiklehrer ihn wiederholt dazu brachte, ihn von den Füßen aufwärts zu massieren, ihn zu befriedigen, macht mit Handbewegungen vor, wie der Lehrer "die Eichel behandelt haben wollte" und fragte, "Soll ich jetzt kommen, soll ich jetzt kommen" - und "dann musste man das wegputzen".

Darüberhinaus zeigt "Geschlossene Gesellschaft" nur ein paar Schnittbilder aus dem Material, das 1999 während der "Frankfurter Gespräche" entstand. Der Rest bleibt im Archiv. Aus dramaturgischen Gründen, wie es beim Sender heißt.

Eine vergebene Chance. Schließlich ging es den Autorinnen darum, jenseits abstrakter Begrifflichkeiten bildhaft vor Augen zu führen, welches Ausmaß der sexuelle Missbrauch an der Odenwaldschule hatte. Der Exklusivitätsanspruch löst sich in Luft auf - zumal drei der Protagonisten auch als Kronzeugen in Christoph Röhls hochgelobter Dokumentation " Und wir sind nicht die einzigen" auftreten, die im Mai ausgestrahlt wurde.

Welch eindringliche Momente man so verschenkt haben mag, dokumentiert die Sprachlosigkeit von Benita von Daublebsky, einst Lehrerin, dann Mitglied des Schulvorstands. Nach den "Frankfurter Gesprächen" erklärt sie nach Worten ringend: Sie habe nun zum ersten Mal begriffen, was hinter dem Wort Missbrauch steckt; sonst sei da immer nur das Wort gewesen. Jetzt habe sie Bilder im Kopf.

Man weiß nicht, was schlimmer ist: Der alten Frau beim Begreifen zuzuschauen oder zu ahnen, dass sie lange, wie die Mehrheit, nur das Skandalpotential für die Schule sah, aber nicht das unermessliche Leid der Opfer von Gerold Becker und seinen Kollegen.

Zurückspulen, noch mal hören

In der Tat sind jene Szenen am eindrucksvollsten, in denen sich die Naivität der ehemaligen Lehrer und Schulleiter entlarvt und sie ihre anhaltende selektive Wahrnehmung offenbaren. Mitunter möchte man den Film anhalten, zurückspulen, um sicherzugehen, dass man sich nicht verhört hat.

Da ist der ehemalige Lehrer Henner Müller-Holtz, der von den Sechzigern bis 2001 an der Odenwaldschule unterrichtete. Er mutmaßt unter anderem, dass sicher die Hälfte aller Mitarbeiter etwas mit einem oder einer der Schutzbefohlenen gehabt habe - auch er selbst. Aber "Missbrauch", nein, davon könne nicht die Rede sein. Einvernehmlich sei das gewesen. Doch die "professionelle Distanz" habe er wohl überschritten.

Oder der ehemalige Schulleiter Wolfgang Harder, der Becker 1985 ablöste und bis 1999 blieb. Der, als ihn der Brief der beiden Opfer erreichte, vor allem darauf bedacht war, dass die Geschichte "nicht in die Bild-Zeitung" komme und den Opfern vorwarf, den Ruf der Schule untergraben zu wollen. Und der die Arme vor seiner Brust verschränkt und sagt: "Ich habe meine Integrität immer gewahrt."

Um einen Anhaltspunkt für die scheinbar allgemeine Blindheit zu liefern, bauen Schmid und Schilling die Aura der Odenwaldschule nach. Sie schildern eine Atmosphäre sexuellen Aufbruchs, die offenbar bis in die Achtziger konserviert wurde. Sie zeigen alte Bilder, schneiden Super-8-Schnipsel dazwischen, von Kindern, die Feuer machen, Jugendlichen, die rummachen, überall stehen Bierkisten, immer Remmidemmi und Party, als sei die Odenwaldschule eine einzige riesige Hippie-Kommune. Kurz: Sex war überall, die Grenzen fielen, die egalitäre Haltung zwischen Erwachsenen und Kindern, wie sie damals auch Klaus Röhl in "Konkret" als normal darstellte, war weit verbreitet in der linken Szene.

Doch reicht das als Begründung für die Blindheit gegenüber den Übergriffen der Pädagogen? Der Film hinterlässt das Gefühl, es sei nur um den richtigen Umgang mit den Vorwürfen ab 1998 gegangen. Darüber hinaus bleibt der Eindruck, die Stimmung damals sei schlicht sexuell aufgeladen gewesen - aber vom sexuellen Missbrauch der vielen 13- bis 14-jährigen Kinder will keiner etwas gewusst haben. Trotz alldem, was jeder sehen und hören konnten. Was dieser Dokumentation fehlt, ist jemand, der klar ausspricht, dass viele geschwiegen haben, obwohl sie wussten, dass Becker und andere ihre Pädophilie vor aller Augen auslebten.

Einer, der Sätze, die hängen bleiben, ist von Gerold Becker. Neue Schüler begrüßte er mit den Worten: "Hier auf der Odenwaldschule ist alles erlaubt".


Geschlossene Gesellschaft. Der Missbrauch an der Odenwaldschule: Dienstag, 9. August, 22:45 Uhr, ARD



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