Doku-Reihe "Kulturkrieger": Die Guerilla fürs Gute

Von Simon Broll

Wenn Blut fließt und Menschen sterben, schert sich niemand um die Kultur, oder? Stimmt nicht ganz. Die Doku-Reihe "Kulturkrieger" stellt Menschen vor, die trotz Kriegen und Katastrophen an die Macht der Kunst glauben - und sie als Waffe gegen Ungerechtigkeit einsetzen.

Kobalt Productions/ Michael Pohl

Das erste Opfer des Krieges ist häufig die Kunst. Wenn Bomben fallen und Menschen sterben, leidet auch das kulturelle Leben eines Landes. Wer denkt in solchen Situationen noch an Malerei, Musik oder Architektur?

Am wenigsten die Gewaltverursacher selbst, die oft genug historische Bauten vernichten, weil diese ihren Ideologien widersprechen. In Mali zerstörten Islamisten die jahrhundertealten Mausoleen der Oasenstadt Timbuktu und zündeten eine Bibliothek mit wertvollen Manuskripten an, in Syrien brannte bei Gefechten der antike Basar von Aleppo aus.

Und dennoch: "Sobald die Waffen schweigen, fangen die Menschen wieder an, sich mit Kunst zu beschäftigen", sagt Katrin Sandmann. Die Journalistin weiß, wovon sie spricht. 15 Jahre lang hat sie als TV-Korrespondentin von den Krisenherden der Welt berichtet. Sie war im Nahen Osten, in Sri Lanka, im erdbebenzerstörten Haiti. Und traf bei ihren Recherchen auf Menschen, die inmitten der Ruinen ihr Leben aufs Spiel setzen, um Kunstwerke zu erschaffen.

Diesen Männern und Frauen hat die Reporterin eine außergewöhnliche Dokumentarreihe gewidmet. "Kulturkrieger" heißt das 30-minütige Format, in dem Sandmann junge Graffiti-Sprayer in Bagdad interviewt oder ein Tanzensemble in Kinshasa begleitet. Nach Beiträgen zu Afghanistan, dem Kongo, Irak und Haiti startet jetzt die zweite Staffel auf ZDFkultur, diesmal mit Künstlern aus Somalia und dem Gaza-Streifen (ein exklusives Trailer-Video finden Sie oben).

Vorreiter für Menschenrechte

Sandmanns Ziel ist es, mithilfe ihrer Sendung ein neues Bild der ehemaligen Kriegsorte zu vermitteln. "Städte wie Kabul sind dem westlichen Zuschauer fremd", sagt die Journalistin im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Man kennt sie nur durch das Auge der Bundeswehrfotografen oder der Reporter, die zumeist von Anschlägen berichten." Dabei hätten gerade Dritte-Welt-Länder eine kleine, dafür umso mutigere Kunstszene vorzuweisen.

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"Kulturkrieger": Kunst im Krisenherd
Zehn Tage verbrachte die gelernte Kunsthistorikerin jeweils an Schauplätzen, die als Unruheherde bezeichnet werden. Genügend Zeit, um die "Kulturkrieger" kennenzulernen. Die Aufnahmen, die sie von ihren Reisen mitbringt, erstaunen: Da gibt es doch tatsächlich Nationalgalerien in Ländern, die für ihre Bilderfeindlichkeit bekannt sind. Straßenkünstler prangern in Theatershows Missstände an, eine afghanische Sängerin tritt in einer Fernsehsendung mit Make-up und Highheels auf. Sandmann porträtiert Menschen, die ihre Überzeugungen lautstark vortragen - und gegen Anfeindungen kämpfen müssen.

Immer wieder tritt die Journalistin selbst in ihren Filmen auf. Man sieht sie mit Sicherheitskräften verhandeln, gut bewacht an der Seite von Bodyguards oder mit geistlichen Führern diskutieren. Das macht ihre Geschichten noch authentischer. Man merkt: Es geht hier nicht um eine geheuchelte Objektivität. Vielmehr bezeugt der persönliche Bericht, dass die Länder, in die die Reporterin fährt, ihr etwas bedeuten und sie an die friedensstiftende Macht von Kultur glaubt.

Denn dass die Künstler eine wesentliche Rolle in der Gesellschaft spielen, davon ist Sandmann überzeugt. "Diese Männer und Frauen kämpfen dafür, dass ihr Land progressiver, gerechter und lebenswerter wird", sagt sie. "In meinen Augen sind sie Vorreiter für fundamentale Menschenrechte." Und genau deshalb müsse man sie würdigen, auch wenn ihre Werke nur Randerscheinungen seien.

Guerilla-Maler in Somalia, Parkour-Sportler in Gaza

In der zweiten Staffel betritt Sandmann unbekanntes Terrain. Zum ersten Mal reist sie nach Mogadischu - und zeigt sich von der westafrikanischen Metropole überwältigt. "Ich habe noch nie eine Stadt gesehen, die so kaputtgeschossen worden war wie in Somalia", sagt sie. Der 20-jährige Bürgerkrieg hätte viele Gebäude in Ruinen verwandelt, so dass die Reporterin gar nicht wusste, "ob man hier überhaupt noch Kunst finden kann".

Man kann. Sandmann lernt Moderatoren kennen, die trotz Mordanschlägen auf Journalisten ein Kulturradio leiten. Gemeinsam mit dem Menschenrechtler Jabril Rajoub betritt sie ein zerstörtes Theater, in dem schon bald Musikwettbewerbe stattfinden sollen. Und sie begegnet Guerilla-Malern, die ihre Gemälde mit Friedensbotschaften in Garagen anfertigen, um sie später in nächtlichen Aktionen vor das Regierungsgebäude zu hängen; Kultur als Mahnmal für die Politik.

Viele brauchen aber auch nur eine Art Ventil. Wie die Jugendlichen aus Gaza, die ihren Alltag inmitten hoher Mauern meistern, indem sie dem westlichen Trendsport Parkour nachgehen. Das Klettern über Wände und Häuser wird hier zu einer symbolträchtigen Freizeitbeschäftigung, die über den reinen Sport hinausgeht. Plötzlich scheint der Gaza-Streifen nicht mehr als "größtes Gefängnis der Welt", sondern als Hindernis-Park, in dem selbst hohe Hürden überquerbar sind.

Weitere Folgen sollen im Mai laufen. Sandmann plant Berichte aus Pakistan und Tschetschenien. Und auch für eine dritte Staffel hat die Journalistin bereits Ideen. "Am liebsten würde ich nach Mali oder nach Syrien reisen", sagt sie. "Gerade dort dürften jetzt die mutigsten Kulturkrieger im Einsatz sein."


"Kulturkrieger. Mogadischu", 01. Februar, 22.45 Uhr, ZDFkultur
"Kulturkrieger. Gaza", 08. Februar, 22.30 Uhr, ZDFkultur

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