Theaterexperiment "Past is Present" "Warum drehst du den Scheiß überhaupt?"

Einer der erfolgreichsten Dokumentarfilmer Deutschlands zeigt in Berlin sein bislang außergewöhnlichstes Projekt: Im Theaterstück "Past is Present" macht Shaheen Dill-Riaz seine über die ganze Welt verstreute Familie zum Thema.

MAYALOK-Filmproduktion

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Die Frage aller Fragen für Dokumentarfilmer stellt sich für Shaheen Dill-Riaz am 10. Februar 2009 besonders dringlich: "Warum machst du das? Warum drehst du den Scheiß überhaupt?" Er ist bei seinen Eltern in Bangladesch zu Besuch, als die kleine Schwester aus Australien anruft und dem Vater eine äußerst delikate Botschaft überbringt. Sie hat heimlich, ohne die Zustimmung der Eltern geheiratet - und dann auch noch, wie der Vater es ausdrückt, seinen "Erzfeind". Erst kann der ältere Mann, der in Unterwäsche im Bett liegt, kaum glauben, was er hört. Dann nehmen Wut und Verzweiflung überhand, bis er sich schließlich nicht mehr anders gegen die Neuigkeiten zu wehren weiß, als das Handy auf den Boden zu schmettern. Und der älteste Sohn steht wortlos daneben und filmt.

Sehen Sie einen Ausschnitt aus "Past is Present" sowie den Kommentar dazu von Shaheen Dill-Riaz im Video oben!

Zu sehen ist diese Szene nicht in Dill-Riaz' neuestem Film, sondern am Mittwoch- und Donnerstagabend in den Berliner Sophiensälen. "Past is Present" heißt das Stück und bietet einen einmaligen Blick in eine Familie, die über vier Kontinente verstreut ist. Shaheen lebt seit zwanzig Jahren in Berlin, sein Bruder in New York, die Schwester in Australien, nur die Eltern sind in Dhaka geblieben. Die Dill-Riaz sind somit noch drängender mit der Frage konfrontiert, die alle Familien umtreibt: Was hält uns eigentlich zusammen?

Nach acht äußerst erfolgreichen Dokumentarfilmen wie "Eisenfresser" oder"KoranKinder", für die er unter anderem mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde, ist "Past is Present" Dill-Riaz' erste Arbeit fürs Theater. Und nicht nur das ist außergewöhnlich an dem Projekt: Neben dem Filmausschnitt gibt es noch viel mehr Intimes aus Dill-Riaz' Leben auf der Bühne zu bestaunen. Die Kulisse aus einem ausgebeultem Klappbett, einem unaufgeräumten Schreibtisch sowie einer Parade von Pantoffeln stammt aus seiner Wohnung im Prenzlauer Berg. Die Schauspielerin Anne Haug zeigt dazu, wo Dill-Riaz gern seine schmutzige Wäsche verstaut, wenn er keine Zeit zum Waschen hat, und erklärt, warum er nicht, wie von den Eltern vorgesehen, Karriere beim Militär in Bangladesch gemacht hat: "Shaheen war einfach zu klein."

"Die authentischen und intimen Momente ihres Lebens"

Es ist ein seltsames Projekt, das Dill-Riaz, 44, zusammen mit der Schweizer Regisseurin Corinne Maier entwickelt hat. Seltsam nicht unbedingt, weil hier so Persönliches auf der Theaterbühne aufbereitet wird. Dokumentarisch inspirierte Arbeiten mit Laiendarstellern, die ihre eigene Geschichte aufbereiten und spielen, sind mittlerweile fester Bestandteil der Spielpläne deutschsprachiger Theater. Seltsam ist "Past is Present" vor allem, weil Dill-Riaz ein Filmemacher ist, der zwar in einen Filmen eine unverwechselbare Erzählstimme beweist, aber bislang nie in ihnen zu sehen war. Warum also der Wechsel ins Blickfeld seiner Zuschauer?

Dill-Riaz hat dafür zwei Antworten parat. Die eine ist pragmatisch: "Ich hatte lang genug allein gearbeitet und nun Lust, auch mal im Team etwas zu entwickeln. Einen Film kann ich aus dem Material ja immer noch machen." Die andere Antwort macht deutlich, was Dill-Riaz selbst beim Drehen sucht: "Ich wollte Corinne, der Regisseurin, genau das als Material zur Verfügung stellen, was ich mir bei meinen Filmen von meinen eigenen Protagonisten schon immer gewünscht habe: die authentischen und intimen Momente ihres Lebens."

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Theaterprojekt "Past is Present": Was hält uns zusammen?
Zu der Zusammenarbeit mit Corinne Maier kam es, als die Regisseurin für ein paar Monate bei Dill-Riaz zur Untermiete wohnte. Sie suchte nach neuem Stoff für ein Theaterprojekt, er nach jemandem, der ihn bei der Aufbereitung der Szenen aus seinem Familienleben dramaturgisch beraten konnte. Auf ihre Idee, nicht nur die Filmszenen in ein Theaterstück zu überführen, sondern auch Dill-Riaz selbst auf die Bühne zu holen, sprang er sofort an. "Warum ich als Mensch das so machen konnte, hängt davon ab, wo ich aufgewachsen bin. Ich habe die erste Hälfte meines Lebens in einem Land verbracht, in dem die Privatsphäre und das öffentliche Leben nicht so stark voneinander getrennt sind. In Bangladesch bekommt man sehr viel von anderen Leuten mit, weil sie so vieles auf öffentlichen Plätzen ausleben - zum Beispiel streiten sich Paare häufig laut."

Der Wechsel zwischen den Ländern und zwischen den Kulturkreisen ist Dill-Riaz auf professioneller Ebene so gut wie nur wenigen Filmemachern in Deutschland gelungen. Von seinen acht Filmen spielen sechs in Bangladesch - für das deutsche Fernsehen, das den Großteil der Finanzierung beisteuert, eine kleine Sensation, schließlich ist das Interesse an Entwicklungsländern, wenn sie nicht als Kulisse für Traumhotels oder Traumschiffe genutzt werden, äußerst überschaubar. "Ich mache keine Filme über Themen, sondern über Menschen", sagt Dill-Riaz zu der Frage, warum er die Redaktionen immer wieder davon überzeugen kann, dass auch sein nächster Film in Bangladesch spielen muss.

Plötzlich spricht die Ex-Freundin per Skype mit

Zurzeit sitzt er am Schnitt seines neuen Films. In "Fernglück", so der Arbeitstitel "Fernglück", begleitet Dill-Riaz eine Gruppe deutscher Abiturienten, die für ein freiwilliges soziales Jahr nach Bangladesch gehen. Gezeigt werden soll "Fernglück" im zweiten Halbjahr 2014. Bis dahin möchte Dill-Riaz am liebsten auch einen Termin haben, wann sie "Past is Present" in Bangladesch aufführen können, Gespräche mit dem Goethe Institut in Dhaka gibt es bereits. Über die Reaktionen der Bengalis auf das Stück macht sich Dill-Riaz allerdings keine großen Hoffnungen: "Wahrscheinlich werden es die Leute nicht so besonders finden, weil sie es eben gewöhnt sind, so viel Privates in die Öffentlichkeit zu tragen. Eher werden sie die Machart interessant finden."

Tatsächlich ist bei "Past is Present" nicht der voyeuristische Kitzel entscheidend. Vielmehr bietet das Stück einen reizvollen Einblick in die Mechanismen der Selbstdarstellung: Filmausschnitte wechseln sich mit Monologen und Dialogen ab, mal spricht Schauspielerin Haug über Dill-Riaz, mal nimmt sie - unter seiner Regie - seine Position ein und spricht in der ersten Person über sein Leben. Dann wird plötzlich Dill-Riaz' Ex-Freundin und Mutter seines Sohnes per Skype live auf die Bühne geschaltet. Das "Kaleidoskop lokaler und globaler Familienerfahrungen", das das Stück im Untertitel verspricht, zeigt sich hier ebenso eindrücklich wie unterhaltsam.

Ob man die echte Person Shaheen Dill-Riaz im Verlauf dieses Theaterabends kennengelernt hat, ist damit freilich nicht geklärt. Dazu gibt er sich zu deutlich als geschickter Inszenierer des eigenen Lebens zu erkennen. Doch gerade darin steckt etwas zutiefst persönliches: Genauer kann man einem der interessantesten Filmemacher Deutschlands selten in sein Handwerk schauen.


"Past is Present", 11. und 12. Dezember, Sophiensäle Berlin.



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