Raubkunst-Thriller von Dominik Graf Blutende Leinwände

Kunst als Eros, Kunst als Lebenselixier: Dominik Graf knöpft sich den Fall Gurlitt vor und macht daraus in "Am Abend aller Tage" einen doppelbödigen, sinnlichen und sehenswerten Thriller.

BR/ Hendrik Heiden

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Erinnern Sie sich noch an dieses Klingelschild, das damals durch die Presse ging, weil es keine anderen Fotos gab? Zerkratztes Blech mit dem nachlässig eingestanzten Namen Cornelius Gurlitt drauf. Jenes Gurlitts also, der in seiner Münchner Wohnung mit einem unermesslichen Schatz an Gemälden 2012 für Aufsehen sorgte. Auch in "Am Abend aller Tage" hängt so ein Schildchen vor einem Münchner Nachkriegsbungalow; es ist die Residenz eines greisen Kunstsammlers, der hier in Zimmern voll mit nachlässig gestapelten Gemälden und zwischen Schränken voll mit ungerahmten Malereien haust.

Gurlitt, der 2014 verstorbene Gemälde-Messie und Sammler-Zausel - er ist wieder da. Er ist wieder am Leben. Na ja, fast. Denn die Welt, die Regisseur Dominik Graf hier in Szene setzt, ist eher eine Art Zwischenreich zwischen Tod und Leben, in dem vergessene Bilder ein vitales, stures Eigendasein führen, während sehr, sehr alte Menschen um Kunstwerke ringen, weil sie sich von ihnen neue Kraft einhauchen lassen wollen. Die Macht übers Bild, so scheint es, ist hier auch die Macht übers Leben.

Gleich am Anfang der Geschichte wird der junge Held mit einem halben Dutzend Greise konfrontiert: Die Alten sitzen in einer Kanzlei in einem Büroturm über Frankfurt und wollen den jungen Juristen Philipp Kayser (Friedrich Mücke) dafür einspannen, einem Münchner Sammler namens Magnus Dutt das sagenumwobene Bild eines Impressionisten abzujagen. Man schreibt einen Scheck mit vielen Nullen und verbittet sich jede Nachfrage. Eine Alte sagt mit sardonischem Lächeln: "Sie sehen ja, dass die Zeit, die den Herrschaften und mir bleibt, nicht mehr allzu endlos bemessen sein wird."

Akt des Schaffens, Akt der Liebe

Bald steht der Bilderjäger vor dem Münchner Haus in gediegener Wohngegend, Überbleibsel eines Nachkriegsreichtums, der sich möglicherweise aus Verkäufen von NS-Raubkunstbildern speiste. Drinnen jedenfalls stauben Hunderte von Werken vor sich hin, deren Besitzverhältnisse nicht geklärt sind. Ab und an werden sie abverkauft, so hält sich der Sammler über Wasser. Den jungen Anwalt interessieren allerdings weder moralische noch juristische Implikationen, er will einfach nur seinen Auftrag durchführen und bandelt dafür mit der Großnichte des Sammlers (Victoria Sordo) an, die selber Bilder malt. Allerdings nicht für die Ewigkeit, sondern für den Moment.

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Es geht dieser Künstlerin nicht ums Konservieren, sondern um den Akt des Schaffens - der in Grafs Film denn auch gleich als Geschlechtsakt daherkommt: Bald lieben sich der Bilderjäger und die Bilderproduzentin zwischen feuchten Leinwänden. Die junge Malerin hat Krebs im Endstadium, der steinalte Sammler wartete auf den Tod - man könnte sagen, die Kunst hält die beiden auf sehr unterschiedliche Art und Weise am Leben.

Eine steile These, die Graf und sein Drehbuchautor Markus Busch allerdings auch süffisant hinterfragen. Busch hat einige der besten, bösesten Graf-Filme geschrieben, zum Beispiel "Deine besten Jahre" (1999) oder "Kalter Frühling" (2004); moderne bürgerliche Trauerspiele waren das, in denen es um altes Geld und junge Opfer ging, um morbide Mittelstandsreiche und krankhafte Symbiosen.

Rausch und Reflexion

Die Symbiose ist auch in dem Kunstthriller, geschrieben nach Motiven von Henry James' Novelle "The Aspern Papers", das große Thema. Die Menschen leben hier von den Bildern - aber leben die Bilder auch von den Menschen?

Bald findet der Jurist Einlass beim Einsiedlersammler (großartig gespielt von Ernst Jacobi, der auch im letzten München-"Polizeiruf" einen großen Auftritt hatte). Und der sieht sich nicht als Bilderraffke, sondern als Bilderbewahrer: "Ich gebe acht auf die Bilder, die mir anvertraut sind. Das ist mir zugefallen, ich habe es mir nicht ausgesucht. Und so wie ich auf sie achtgebe, so ernähren die Bilder mich, wenn ich hin und wieder eines verkaufen muss. Bei niederen Lebewesen würde man das Symbiose nennen."

Rausch und Reflexion, Anmaßung und Analyse, es geht in diesem jazzgetriebenen Malerspektakel mit seinen blutenden Leinwänden und tropfende Farbtöpfen drunter und drüber. Wem gehört die Kunst? Dem Maler, der das Bild geschaffen hat? Dem, der es zuerst gekauft hat? Dem, der es versteht? Oder gehört sich das Bild nur selbst und sollte deshalb von niemandem betrachtet oder gekauft werden, weil das unweigerlich einer Misshandlung gleichkäme?

Kunst als Eros, Kunst als Lebenselixier: Für einen juristischen oder moralischen Kommentar zum Umgang mit NS-Raubkunst taugt der Film überhaupt nicht. Als Thriller über die Macht der Kunst über das Leben umso mehr.


"Am Abend aller Tage", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD



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Seite 1
klaus_franke 02.06.2017
1. peinlich, wenn man hier Expressionismus und Impressionismus verwechselt
Ist das Zeitgeist, sich über Themen in Medien auszulassen und nicht einmal die "Basics" zu kennen? Wenn hier Expressionismus und Impressionismus verwechselt werden, kann ich nur sagen peinlich für den Autor und den Spiegel!
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