"Donnerstalk" und "Kessler ist..." Die Dunja-Hayali-Festspiele

Einen ganzen Abend lang Dunja Hayali: Erst moderiert sie im ZDF den "Donnerstalk" über Amok und Terror, dann gibt es als Zugabe noch eine Homestory. Doch bei aller Liebe - so viel hätte man gar nicht wissen wollen.

Moderatorin Hayali
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Moderatorin Hayali


Theoretisch ist der "ZDFdonnerstalk" in Vertretung von "Maybrit Illner" als geräumige Wundertüte fürs Sommerloch konzipiert. Ein Magazin wie früher einmal der "Stern", mit den härteren Themen vorne und dem weichen Quatsch nach hinten raus, Trends, Produktinformationen, und das funktioniert dann auch alles als Paket. Praktisch musste die erste Sendung "in den letzten zwei Wochen mindestens drei Mal umgeworfen" werden, wie Hayali einleitend einräumt: Amok, Terror, nochmal Terror, Irrsinn und Hass.

Darüber müsse geredet werden: "Ich gehe raus, aber auch tief rein in die Themen", und schon spaziert Hayali durch "München, vier Tage nach dem Schrecken". Will wissen, wie die Stadt sich verändert hat nach den Morden. Lässt sich vom Wirt einer Weinstube vom Zusammenhalt unter den Gästen erzählen. Begleitet den Unfallchirurgen auf der Visite, das Opfer hockt auf dem Bett und ist schon wieder ganz fidel: "Ich nehm' ja auch Tabletten."

Aus der Klinik geht es zum "Besuch bei jenen, die die 110 der Gesellschaft sind", also zu den Helden der Social-Media-Abteilung der Polizei. Zwei Sätze, zack, schon sitzt Hayali im Gespräch mit dem ehemalige Münchner Oberbürgermeister Christian Ude im Restaurant, der noch von der "Weltstadt mit Herz" schwärmt, als Hayali schon einen anderen Gast ins Visier nimmt und den werdenden Vater nach seiner Stimmung befragt. Der sagt, man dürfe sich "nicht einkriegen lassen", und Hayali wünscht zum Abschied alles Gute mit dem Baby.

Nun wäre Hayali nicht Hayali, wenn sie nur Schönwetter verbreiten würde. "Bayern ist getroffen, die Nation ist getroffen." Am Stachus trifft sie Leute, die den Täter auf den "elektrischen Stuhl wünschen oder in die Gaskammer, wie sie es in Amerika machen". Eine Bürgerin bringt ihren Verdruss auf den üblichen Nenner: "Es ist nicht mehr unser Deutschland."

Zack: Von München nach Ansbach

Gerade wünscht man sich als Zuschauer eine besonnene Gegenstimme mit Gewicht, irgendeine moralische Autorität mit Argumenten, zack, da hockt schon der ehemalige Bundesminister und heutige Bürgerrechtler Gerhart Baum (FDP) im Studio und erklärt Staatstragendes: "Der Terror und die Flüchtlinge, das sind zwei verschiedene Sachen."

Hayali geht von München nach Ansbach, diesmal im Studio nur, wo sie die Kulturdezernentin von Ansbach nach dem Anschlag befragt, dessen Zeugin sie geworden ist. Die Frau beschreibt die Bürger ("Mittelfranken eben") als "bodenständig und besonnen". Hayali erwähnt den Aufmarsch von Neonazis vor Ort, die Attacken auf ehrenamtliche Flüchtlingshelfer und präsentiert ein paar Tweets, betont sachlich, eine Meinung darüber können sich die Zuschauer selbst bilden.

Hayali (M.) mit ihren Gästen
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Hayali (M.) mit ihren Gästen

Es folgt die entscheidende Passage aus der jüngsten Erklärung von Angela Merkel und, zack, sitzen da bereits Cem Özdemir von den Grünen und Markus Feldenkirchen vom SPIEGEL auf dem Sofa. Feldenkirchen stellt fest, dass die Kanzlerin "zugewartet und sich dadurch auch manches Fehlurteil erspart" habe. Allerdings sei der Terror "in Deutschland angekommen", worauf FDP-Politiker Baum von der Seite interveniert: "Aber wieso denn? Der IS hat doch den Terror gar nicht gesteuert." Er wolle den Einfluss des IS "nicht kleinreden, aber auch nicht großreden".

Hayali, hellwach wie beim "Morgenmagazin", kann das nicht so stehen lassen. Moooment, "drei von den vier Tätern" seien doch Flüchtlinge gewesen! Özdemir erzählt etwas vom Herrgott, der das Gute und das Böse gleichmäßig verteilt habe, die Flüchtlinge seien auch nicht alle Heilige, bevor Baum es auf den Punkt bringt: "Die Bayern machen etwas, das ich verabscheue, sie machen Politik auf dem Rücken der Opfer… und das geht nicht."

In den Applaus hinein schüttelt Feldenkirchen den Kopf und bedauert mit Blick auf Baum, "dass Botschaften wie Ihre" nicht mehr ankommen bei den Leuten. Baum beharrt: "Hören sie mal, in der RAF-Zeit waren 64 Prozent für die Todesstrafe", wir dürften die Menschenwürde "nicht zur Disposition stellen".

Zack: In der Türkei

Es gibt konzentriertere Talkrunden, die in einer Stunde nicht so grundsätzlich werden und, zack, sind wir auch schon in der Türkei. Cem Özdemir wird vergleichsweise markig und rät Demonstranten, sie sollten sich in Deutschland an geltendes Recht halten: "Wer damit ein Problem hat, der soll sich fragen, ob er hier richtig ist." Vehementes Solo-Klatschen, das Hayali aufgreift: "Das war nicht der Pressesprecher von Cem Özdemir, der hier einsam geklatscht hat!"

Yahya Kilicaslan, Bauunternehmer aus Stuttgart, verehrt Erdogan wegen der Infrastruktur, dem Bildungsetat, der Arbeit und sagt: "Man muss den Staatsapparat jetzt säubern." Als sich Özdemir dieses "Säubern" verbittet, wechselt der Bauunternehmer auf "umbauen", bleibt aber unversöhnlich. Zeit für einen sehr harten Cut.

Zack: In der Virtual Reality

"Wir machen jetzt tatsächlich eine sehr harten Cut", entschuldigt sich Hayali und greift nach einer "Virtual Reality"-Brille, das sei "der neue heiße Scheiß". Wir sind beim Blättern im Magazin also bei den Trends und den Produktinformationen angekommen, die Hayali im 24-Stunden-Selbstversuch präsentiert: "Plötzlich stehe ich in der Originalzelle von Al Capone in Alcatraz. Das könnte den Schulunterricht der Zukunft revolutionieren!"

Das könnte es vielleicht, sieht aber trotzdem so blöde aus, wie es eben aussieht, wenn jemand mit einer Brille vorm Kopf kichernd in der Gegend herumfuchtelt. "Wie bekloppt muss man eigentlich sein, um das 24 Stunden lang zu machen?", fragt Hayali so rhetorisch wie kokett. Der neue heiße Scheiß bleibt ganz affirmativ der neue heiße Scheiß, und dann ist, zack, die Sendung schon vorbei… - um, gewissermaßen in Zeitlupe, gleich noch einmal von vorne zu beginnen.

Zack: Im Privatleben von Hayali

Diesmal allerdings ohne die anderen aufregenden Themen, nur mit Hayali. Eine Homestory als Bonusmaterial. In "Kessler ist... …Dunja Hayali" umkreist der Schauspieler Michael Kessler die Moderatorin wie ein sehr sanfter Stalker, befragt Kollegen, Verwandte und Freunde.

Aus wenigen Mosaiksteinchen erstellt er ein Küchenpsychogramm, in das er - verkleidet als Dunja Hayali - am Ende hineinkriecht, sodass sich gleich zwei Hayalis gegenübersitzen. Direkt nach dem "Donnerstalk" mag ein solches Format zwar absichtlich, aber ein wenig unglücklich programmiert sein.

Hayali, erfahren wir und wussten es schon, "liebt das Risiko". Sie ist, wir ahnten es bereits, "sehr für Gerechtigkeit". Sie setzt sich, wir sahen es soeben, "intensiv mit dem Hass im Internet auseinander". Verdammt, wir wussten sogar schon, dass ihre geliebte Hündin Emma heißt.

Sich selbst beschreibt Hayali auf Zuruf als "jemand, der sehr viel Glück gehabt hat in seinem Leben, aber auch sehr viel dafür getan hat". Auch ist sie, man glaubt es nicht, tief in sich drin noch immer dieses Kind auf dem Foto dort: "So bin ich immer noch, tief in mir drin, das glaubt immer keiner."

Spätestens, als Kessler zu hingetupften Pianoklängen sinniert: "Wie ist Dunja Hayali wirklich? Wie denkt sie? Wie fühlt sie wirklich?", will man das, bei aller Liebe, gar nicht mehr so genau wissen - und ist ein wenig erleichtert, dass sie im Anschluss nicht auch noch die Spätnachrichten moderiert.


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