"Ich bin ein Star...", Tag vier Schaut mir zu, ich bin ein Langweiler

Wenn bei RTL in Zeitlupe Brüste in Büstenhaltern gezeigt werden, ist klar: Hier stimmt was nicht. Nach Dschungel-Logik wäre jetzt der klassische Zeitpunkt, um die üblichen Rollen zu verteilen. Aber keiner will - und Walter hat schon drei.

RTL

Von


Verschwörungstheoretiker und Primatenfreunde aufgepasst! Würde man einen Affen unendlich lange auf einer Schreibmaschine zufällig Buchstaben tippen lassen, käme irgendwann ein Text heraus. Nach der Theorie des Astrophysikers Arthur Eddington könnte so am Montagabend auch die Folge von "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" entstanden sein.

Nun braucht es keinen Udo Ulfkotte um zu wissen, dass RTL das Dschungelbuch nicht von King Louie basteln lässt. Auch für die neue Staffel wurden aus Produktionsfirmen und Gag-Klitschen die besten Mitarbeiter losgeeist, in Geld aufgewogen und nach Australien verschifft. Dort dürften die teuren Storyliner langsam nervös werden. Denn auch nach Dschungel-Tag vier bleiben Fragen: Aus welcher Kandidaten-Asche soll noch echtes Aufreger-Material empor steigen? Wo ist die Dynamik? Oder zumindest gut gespielte Euphorie?

Vielleicht helfen mehr Ekelprüfungen, könnte man denken. Aber die sind schon lange die heimliche Achillesferse der Sendung. Auch diesmal: Nicht mal Camp-Küken Angelina Heger konnte so viel Naivität zusammenkratzen, um sich ernsthaft zu erschrecken, als es darum ging, fünf Wasserkammern mit einheimischen Glibbertieren zu durchschwimmen. Ergebnis: Zehn von elf Sternen. Auf die Frage, wie sie die Prüfung fand, gab sie vermutlich dieselbe Antwort wie ihre Eltern gerade, wenn sie beim Brötchen-holen auf die Playboy-Bilder ihrer Tochter angesprochen werden: "Nicht so schlimm."

Wassertank mit Glibbertier: Da kann sich noch nicht mal Angelina erschrecken
RTL

Wassertank mit Glibbertier: Da kann sich noch nicht mal Angelina erschrecken

Auch wer sein Wissen über die Dschungel-Show in den vergangenen Jahren nur aus Online-Foren und dem Feuilleton der "FAZ" hat, weiß doch, dass die ersten Höhepunkte der Sendung nicht über Kakerlaken-Cocktails, sondern aus den verbalen Entgleisungen der Kandidaten entstehen. Nach Dschungel-Logik wäre jetzt der klassische Zeitpunkt, aus der Gruppendynamik das jährliche Dramolett zu zimmern und die üblichen Rollen zu verteilen.

Den Machern ist dazu bisher erstaunlich wenig eingefallen: Unbeholfen wie eine Rundmail von Bernd Lucke wurde da ein nächtlicher Toilettengang zur Verdauungsscharade von Rolfe Scheider aufgeblasen. Ein harmloses Scharmützel zwischen Walter Freiwald und Aurelio Savina gleich zum größten Kampf um ein Kapitänsamt seit Michael Ballack und Philipp Lahm aufgepumpt.

Überhaupt: Walter Freiwald. Der Mann muss bis jetzt sämtliche gängigen Dschungel-Charaktere alleine spielen. Scheinbar hat man sich aus Mangel an Alternativen dazu entschlossen, ihn gleichzeitig als verrückten alten Mann, vor sich her schwadronierenden Walther von der Vogelweide und besorgten Yogalehrer mit Atemtechnik-Tricks zu präsentieren.

Neben seinem bizarren Bewerbungsvideo, das jetzt schon zu den traurigsten Höhepunkten des Fernsehjahres 2015 gehört, und seinem eigenen RTL-Gründungsmythos, bleibt bisher außerdem seine vehemente Aufforderung hängen, sich mal seine Homepage genauer anzuschauen. Was in etwa so gruselig ist, wie alleine im Büro die nächsten Liveauftritte der Gruppe Pur zu googeln.

"Ich weiß nur, dass ich einen Bikini anziehen soll": Tanja auf Schatzsuche
RTL

"Ich weiß nur, dass ich einen Bikini anziehen soll": Tanja auf Schatzsuche

Der Rest der Dschungeltruppe verschwimmt ziellos zu einem undefinierbaren Knäuel aus Blond und Brünett und egal. Weil alle so erschreckend normal sind und bisher nicht mal das Verlangen hatten, sich splitternackt unter den künstlichen Wasserfall zu stellen, musste die gebeutelte RTL-Regie sogar schon auf Zeitlupenaufnahmen von Brüsten in Büstenhaltern ausweichen.

Selbst GZSZ-Schönling Jörn Schlönvoigt fragte sich völlig zu Recht, wer ihm beim gepflegten Nichtstun eigentlich zuschauen will: "Es kann schon sein, dass die Leute nicht merken, dass ich im Camp bin. Was mache ich schon? Ich polarisiere nicht. Mache das Feuer und das Wasser." Nachdem seine Mitkandidaten ihn dafür hinter vorgehaltener Kamera einstimmig zum größten Langweiler des Camps auserkoren hatten, durfte Schlönvoigt bei der ersten Dschungel-Schatzsuche gegen Ende noch ein paar extra Fernsehminuten sammeln.

Begleitet von Tanja Tischewitsch ("Ich weiß nicht, was mich erwartet. Ich weiß nur, dass ich einen Bikini anziehen soll."), wurde Schlönvoigt dann konsequenterweise mit verbundenen Augen auf einer leeren Wiese durch einen imaginären Parcours gelotst.

Mühsam wurde damit in bester Laien-Theater-Tradition auch die restliche Sendezeit gefüllt, bevor Sonja Zietlow und Daniel Hartwich die nächsten Kandidaten für die Dschungel-Doppel-Prüfung bekannt gaben. Neben Schlaftablette Schlönvoigt muss diese Aufgabe wieder einer übernehmen, der sowieso schon alles macht: Walter Freiwald.

Das Sexsymbol: Tanja Tischewitsch
RTL

Wer jetzt den Namen Tanja Tischewitsch googelt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren. Allein der Rapper Kay One hat als Juror bei "Deutschland sucht den Superstar" schon früh das Potenzial von Tischewitsch als klassisches Sexsymbol erkannt und sie konsequent an einer Karriere als Sängerin vorbeigefördert. Doch wie in jeder guten Aschenbrödel-Geschichte durfte nicht etwa Tischewitsch vor der neuen Dschungelcamp-Staffel für ein Herrenmagazin blank ziehen, sondern die bösen Stiefschwester-Kandidatinnen Heger und Kulka.

Der Herzensbrecher: Aurelio Savina
RTL

Wäre Aurelio Savina ein Vogel, er hätte die Anmut eines Pfaus, den Schnabel eines Pelikans und den Charakter eines Raben. Der Italiener aus dem nordrhein-westfälischen Hagen wurde durch die Fernsehshow "Die Bachelorette" auf ewig mit dem Trash-TV verkuppelt und von findigen RTL-Redakteuren auf die Rolle des Herzensbrechers reduziert. Der Titel "Modello più bello d'Italia" (schönstes Model in Italien) lastet auf ihm so schwer wie die Gewichte, die er als Frauenschwarm pflichtschuldig im Fitnessstudio heben muss. Ob es zum Absturz des Übermütigen kommt oder die Zuschauer wie Wachs in seinen Händen sein werden, entscheidet sich im Outback.

Die Zirkuskünstlerin: Rebecca Siemoneit-Barum
RTL

Aufgewachsen unter Schaustellern und Akrobaten blieb für die Tochter eines Zirkusdirektors lange nur die Rolle des traurigen Clowns. Mit ihrer Rolle als Iffi Zenker wuchs sie vor der nachgebildeten Stadthäuserfassade der "Lindenstraße" auf, was sie sicher schon als Kind total verwirrte: Die Handlung spielt in München, Drehort war Köln-Bocklemünd, dressiert wurde sie von WDR-Mitarbeitern. Keine Überraschung, dass sie nach dem Erwachsenwerden im öffentlich-rechtlichen Dschungel nun überprüfen möchte, ob nicht die ungehemmte Affenbande von RTL ihre wahre Heimat ist. In jedem Fall bleibt sie dem Zirkus treu.

Der Schiffbrüchige: Walter Freiwald
RTL

Was ist von einem Walter Freiwald zu erwarten, dessen Standardsatz bei der Dauerwerbesendung "Der Preis ist heiß" stets lautete: "Bitte nicht überbieten"? Jahrelang hing er am Haken von Harry Wijnvoord - und nun? Das Gesicht vom rauen Wind der Fernsehindustrie zerfurcht, die letzte Würde beim Teleshopping-Kanal verloren, resignierte Freiwald jüngst in einer Boulevardzeitung: "Mit 60 will mich doch kein Schwein mehr haben." Freiwald bindet sich an das Rettungsboot Dschungelcamp und hofft auf eine Rückkehr ans Fernsehfestland. Der Fisch, den er mit seinem Auftritt an der Angel hat, wird hoffentlich einen guten Preis erzielen und ihn für die Zukunft satt machen.

Die zweite Marolt: Sara Kulka
RTL

Die ehemalige "Germany's Next Topmodel"-Kandidatin und Gewinnerin der Reality-Show "Wild Girls - Auf High Heels durch Afrika" ist eine gewagte Personalie. Sicher wurde sie einem zuständigen RTL-Redakteur als neue Larissa Marolt verkauft. Stichworte: hübsch, taff, unberechenbar. Dann ist Dschungel-Gag-Autor Micky Beisenherz vielleicht noch ein lustiges Namenswortspiel eingefallen, und schon saß Kulka im Flieger. Das Problem: Oft sind Fortsetzungen eine Katastrophe. Siehe "Faust II", "Beverly Hills Cop", die Große Koalition, diese Dschungel-Kolumne. Manchmal passiert natürlich genau das Gegenteil und der Zuschauer erkennt, dass hinter dem kalkulierten Fernsehmodel in Wirklichkeit eine knallhartes Model aus dem Fernsehen steckt.

Die Grinsekatze: Rolfe Scheider
RTL

Wer in die traurigen Augen von Rolfe Scheider blickt, erkennt, dass man als Mann an der Seite von Heidi Klum einfach nicht glücklich werden kann. Als Jurymitglied von "Germany's Next Topmodel" traf Klum auf Scheider. Nun ist dieser dazu verdammt, als ewige Grinsekatze für andere Leute den Tee zu kochen, während sie mit anderer Jury munter weitertopmodelt. Geblieben sind "Rolfe aus Köln" nur seine Ausbildung zum Großhandelskaufmann im Butter-, Eier- und Käsesektor, ein alberner Spitzname und ein französischer Akzent. Oder, wie Ex-Klum-Mann Seal einst sang: "A change is gonna come." Dringend!

Die Hundeliebhaberin: Patricia Blanco
RTL

Dieser Frau kritzelte das Schicksal schon früh einen Satz aus dem literarischen Dadaismus ins Poesiealbum: "Komik ist Tragik in Spiegelschrift." Patricia Blanco ist als Tochter des Schlagersängers Roberto Blanco grenzwertige Unterhaltung gewohnt und tingelte deshalb durch die "Big Brother"-Container dieser Republik. Seit Jahren nutzt sie das Sprachrohr des poetischen Realismus "RTL Exklusiv", um ihre Nicht-Beziehung zum Vater und die Nicht-Ehe nach der Scheidung zu verarbeiten. Nur die Liebe zu ihrem Hund scheint ihr Halt zu geben.

Der Verstellungskünstler: Jörn Schlönvoigt
RTL

Kulturpessimisten könnten denken: Wieder so ein Soap-Darsteller, der es zwischen aufgenötigter Musikkarriere und dem Aktualisieren des Beziehungsstatus auf Facebook verpasst hat, etwas Anständiges zu lernen. Dabei parodiert "GZSZ"-Akteur Jörn Schlönvoigt seit zehn Jahren erfolgreich das klassische Handwerk eines Schauspielers. Im Vorabend von RTL entlarvt Schönling Schlönvoigt, wie nachhaltig sich die Wahrnehmung einer Gesellschaft manipulieren lässt, wenn man nur lange genug vorgibt, Talent, Charisma oder wenigstens Interesse an seinem Beruf zu haben. Nun hat Schlönvoigt mit seinen Täuschungsmanövern den nächsten Coup gelandet: Er hat sich nach Australien geschmuggelt, um in höhere Gesellschaftskreise aufzusteigen.

Die Buchstabenumdreherin: Maren Gilzer
RTL

Für die frühere hauptberufliche Buchstabenumdreherin vom "Glücksrad" wird es nun langsam ernst. Lange musste Maren Gilzer um Anerkennung kämpfen. Trotz Darstellung der Schwester Yvonne in der ARD-Krankenhausserie "In aller Freundschaft", einer Theaterrolle in der Ballett-Komödie "Schwanensee in Stützstrümpfen" und einer eigenen Mode- und Schmuckkollektion beim Shopping-Sender QVC blieb eine Würdigung ihrer Arbeit zu Lebzeiten bisher aus. Einerseits hat Gilzer das Dschungelcamp also gar nicht nötig, andererseits designt sie laut RTL-Pressetext bereits trotzig weiter an ihren Kollektionen. Künstlerin eben.

Der Boyband-Bandido: Benjamin Boyce
RTL

Benjamin Boyce stand mal als Sänger einer dieser längst vergessenen Boybands aus den Neunzigerjahren auf der Bühne: Caught in the Act. Wie bei einem Porträt von Dorian Gray wird Boyce in vielen ehemaligen Teenie-Herzen noch immer der schöne und eingeölte Dancer sein, obwohl sich in seinem Gesicht schon längst die Spuren eines sündigen Boyband-Bandidos eingeschlichen haben. Der Hochmut seines Gebets um ewige Jugend könnte im Dschungel nun zum Verhängnis werden. Vielleicht hat er auch längst das McFit-Abo gekündigt.

Die Kulleräugige: Angelina Heger
RTL

Da kann man mal sehen, wohin einen so eine ausgeprägte Naivität führt: Nur "just for fun" meldete sich Heger für das RTL-Format "Der Bachelor" an, scheiterte knapp im Finale, ließ sich jetzt für den "Playboy" fotografieren und das auch noch nackt. Wenn man wie die gebürtige Berlinerin doch später eigentlich beim Kindernotdienst arbeiten will, muss man bei dieser Karriere sicher häufig ungläubig die dunklen Kulleraugen verdrehen. So ängstlich und unsicher auf den Beinen hat man zuletzt Bambi gesehen, als der zierliche Weißwedelhirsch versuchte, das Kaninchen Klopfer und das Stinktier Blume als neuen Freunde zu gewinnen. Aber Schluss mit dem Zynismus: Bambi wird am Ende ja auch Fürst des Waldes.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 224 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
AndreHa 20.01.2015
1.
Hallo Spon, Sie wollen wohl mit allen Mitteln versuchen, diesem Schwachsinn einen Kultstatus zu verleihen. Haben Sie nichts besseres zu tun?
lace 20.01.2015
2. Was soll dieser Mist hier?
Von mir aus verbannt die Berichterstattung in ein Unterforum. Was bitte hat dieser Schund jeden Tag auf der Hauptseite zu suchen? Liebe Spiegel Online Redakteure, in der Welt passiert so viel interessantes, schlimmes, Dinge über die Ihr schreiben solltet. Aber ihr verschwendet eure Zeit ausgerechnet damit? Ihr wollt zu denen gehören, die diesen pubertären Mist zum Volksevent erheben? Schade, dass Ihr euch vor so einen Karren spannen lasst.
l3x0 20.01.2015
3. warum?
Warum gibt spon dieser niveaulosen Sendung überhaupt eine Bühne? Das Dschungelcamp wird doch nur so gehyped, weil die aktuellen Folgen überall und von allen Medien diskutiert werden. Sogar eigentlich seriöse Zeitungen lassen sich auf das RTL Niveau ein und schreiben in Ihrem Feuilleton über das Dschungelcamp.
helianthe 20.01.2015
4. Den Ernst
der aussichtslosen Lage, super auf den Punkt gebracht.Hoffentlich reißen die sich mal alle zusammen und merken es endlich, _dass die Sendung schon seit paar Tagen läuft.
Peter Lublewski 20.01.2015
5. Erster?
Das soll etwas mit Kultur zu tun haben?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.