Dschungelcamp Tag 8 Nach vorne, nach vorne, nach VORRR-NEEE!

Schwere Verluste sind zu Beginn der Abwahlphase zu beklagen: Hirnchen David und Kunstpfeifer Rolf verlassen den Dschungel. Der Zuschauer bleibt in bangem Zweifel zurück: Ist das Restcamp noch psycho genug?

Von

RTL

Wie sang Udo Jürgens schon 1978 so (oder ähnlich) in visionärer Vorausschau auf Rolf Zachers Campauszug, kaum 38 Jahre später: "Der Mann auf der Pritsche geht nach Haus / Die lange Zeit des Liegens, sie ist aus."

Dr. Bob habe den 74-Jährigen aus der Sendung genommen, verkünden die Moderatoren am Ende recht lapidar, und man kann daraufhin herumraten, ob Rolfs Gesundheitszustand diese Akutmaßnahme nötig machte, oder ob sie eher prophylaktisch geschah - immerhin hatte der am Ortega-Klinikum praktizierende Scheinarzt Bob dem scheidenden Gunter Gabriel noch beste Gesundheit attestiert, bevor der doch noch überraschend mit einem Schwächeanfall in eine Klinik eingeliefert wurde.

Egal, Rolfs Abschied ist ein Verlust, weil da nun ein unerfüllter Konjunktiv bleibt: Wozu wäre der rätselhafte Grandseigneur noch fähig gewesen, was hätte er noch entwickeln, welche Strippe mit Tatterhand ziehen können?

"Wenn ich eine Traumrolle hätte, dann wäre es bestimmt Till Eulenspiegel", ist der letzte Satz in Rolfs Lebenserinnerungen "Endstation Freiheit", und es wäre herrlich gewesen, wenn seine bisherigen Tage im Camp nur das Vorspiel dazu gewesen wären.

"Mann-mann-mann-mann-MANN-MANN-MANN" orgelte er gestern noch wie ein startschwacher Autoanlasser, weil ihm das Sprachgetöse im Camp zu laut wurde, streifte dann alleine durchs Gebüsch, rief, brüllte, schluchzte nach seinem "Babe". Wie toll wäre es gewesen, wenn da aus dem Unterholz ein rosiges Schweinchen zu Rolf gerannt gekommen wäre!

Rolf ist raus und, es kam noch dicker, David auch - abgewählt von den Zuschauern, eine für den Balla-Balla-Faktor der diesjährigen Staffel desaströse Entscheidung.

Mit den beiden wurden zwei unberechenbare Elemente aus dem Format genommen, das nun eine Gleichung mit zu vielen Bekannten zu bleiben droht. Denn David, da war man beim Zusehen quasi nonstop von allen guten Geistern betroffen, wie er es formulieren würde, konnte jedem Gespräch einen erratischen Drall geben, eine irrationale Wendung. Selbst simple Unternehmungen wie ein Flirt mit Blasshuhn Nathalie drifteten bei ihm verlässlich ins wattige Nichts ab:

David: Gehst du in die Sauna?

Nathalie: Welche Sauna?

David: Allgemeine Sauna! Sauna, weißt du nicht, was Sauna ist?

Um im nächsten Moment vom "sanften Wind" zu romantisieren, der nach Erdbeeren riecht.

Hatte er eine Ahnung, dass er gehen muss?

David: Wir haben schon langsam das Ende der Sendung. Wem würdest du den Sieg gönnen?

Nathalie: Dir.

David: Hammer. Gute Antwort!

Zuletzt gab sich der beherzte Kopfkühler, Fast-Architekt, Pflanzenwisperer, Hilfslama, VIP-Kellner und Eros-Sachverständige noch als Gastrosoph zu erkennen. "Ich weiß aus ganz vielen Berichten, dass viele Manschen nicht auf Fasern stehen, im Fleisch", gab er beim Benagen eines allzu zähen Känguruschwanzes zu bedenken. Später brachte er noch wichtige Impulse für die Zukunft des Frauenfußballs und die Genderforschung generell: "Der Ball wird da so unkontrolliert durchs Feld geschlagen. Er wirkt verwirrter als bei den Männern. Vielleicht müsste einfach der Ball verändert werden für die Frauen!"

Warum muss ein solcher Prachtsimpel als Erster gehen? Die einzige plausible Erklärung: Man braucht den modernen da Vinci anderswo, vielleicht knirscht es irgendwo im Quantengebälk, womöglich ist ein neuartiges Raketen-Fluggerät zu konstruieren, um irgendeinen neumodischen Planeten davon abzuhalten, auf die Erde zu stürzen, eventuell hat der Daller-Lama (oder der internationale, weltwurzelumspannende Pflanzengeheimdienst) durchgebimmelt und braucht einen Rat.

David und Rolf werden fehlen, weil nun lähmende Vorhersehbarkeit droht, der betäubende Mehltau, der über dem letztjährigen Camp lag.

Panikartig entwickelt man da schon vor lauter Verzweiflung leichte Sympathien für Helena, wobei sie sich tatsächlich würdevoller hielt als üblich, als sie gestern abermals zur Prüfung gebeten wurde. Man hatte schon eine weitere eisige Verweigerung nach Fürst-Drückler-Art erwartet, doch dann überwand sie sich doch dazu, die Larissa-Mola-Gedächtnisprüfung, einen Plankenlauf-Balanceakt in schwindelnder Höhe, zu absolvieren, noch dazu blind.

Sonja Zietlow: Du hast dabei die Augen verbunden.

Helena: Was?

Sonja: Ricky wird dich durchlotsen.

Helena: Mich?

Eine schöne Wer?-Sie!-Ich?-Ja!-Nein!-Doch!-Ooooch-Anleihe, doch es bleibt nicht lange heiter, weil Höhenphobiker Ricky, kaum hat er die eigene Schwindel-Panik überwunden, zum Brüllmann mutierte: "Einfach laufen, ein foot nach vorne, einfach nach vorne, kommkommkomm, groooßer Schritt, nach vorne, nach vorne, nach VORRR-NEEE! Tue es, verdammt noch mal, weiter, WEITER! TU ES!" - "Ich seh doch nix", antwortete Helena sehr ruhig. "Ich bin blind, ich bin blind, ich zitter!"

Ricky aber brüllte weiter, beängstigend über-schauspielernd und am Ende scheinbar kurz davor, sich mit einem "Ich kann fliegen!" irre lachend in den Abgrund zu stürzen. Nachdem Höhenangst-Helena die Prüfung unverrichteter Dinge abgebrochen hatte, trippelte er ohne Not trotzdem noch über die Planke, um nach vollendeter Mutprobe vollends die Nerven zu verlieren: "Ich bin der KÖNIG!" Ein bisschen so, als stünde seine Bude in hellen Flammen, und er will beim Eintreffen der Feuerwehr noch fix die Chaka-Gelegenheit zum Glühende-Kohlen-Lauf nutzen. Alle anrufen für Helena, wählt sie in jede Prüfung, forderte er danach die Zuschauer fies auf, die Änderung ihm Wahlmodus verkennend, und wurde nach der Rückkehr ins Camp trotz geheilter Höhenangst erneut zum Schwindler - eine Ahnung von Adebisi war da zu spüren. "Red' mit deiner Unterhose", beschied ihm die Fürstin: "Psychocamp, aber echt: Psychocamp!"

Ist das Rickys fall from grace, der dem Camp zur Halbzeit eine neue Richtung geben kann? Viel Überraschendes scheint bei der Resttruppe sonst nicht zu holen: Jenny und Brigitte haben in vorherigen Formaten schon alles gezeigt, Menderes seine Geschichte bereits erzählt, auch Jürgen bleibt blass. Und Sophia legt am nächtlichen Lagerfeuer stets dieselbe Läster-Platte auf - was allerdings nicht verwunderlich ist, da sie ja schon jahrelang die größte internationale DJ-Schule besucht, wie sie gestern erzählte. Fünf Jahre dauert die knallharte Ausbildung, "So viele Knöpfe und so, du musst halt die ganzen Stecker wissen" - ein Jodeldiplom ist da ein Witz dagegen,

Es bleibt nur eins: Legat muss umstellen.

Der Trainer, der sich in vorauseilendem Darbe-Gehorsam schon 28 Wochen vor dem Camp mit einer strengen Omega-3, -6, und -9-Diät kasteite (oder kastaneite, wie man zu Davids Ehren schreiben möchte), hatte an Tag acht mit einer sensationellen taktischen Aufstellung brilliert: Links Jenny Elvers, "sie kann laufen wie Arjen Robben", Menderes rechts, "so'n Zahnstocher", auf der 10 "brauch ich so ne Nathalie. Ob sie laufen kann, weiß ich nicht, aber sie kann fummeln." Als Hängespitze sieht Legat, der Feinhumorige, übrigens "Sophia mit ihren Lufttüten". Man muss dankbar sein für diese Versuche, wir haben gerade nicht mehr.

Zur Autorin
  • Anja Rützel, Jahrgang 1973, taucht im Trash-TV-Sumpf nach kulturellem Katzengold. In ihrer Magisterarbeit erklärte sie, warum "Buffy the Vampire Slayer" eine sehr ausführliche Verfilmung der aristotelischen Argumentationstheorie ist. Sie glaubt: "Everything bad is good for you" - und dass auch "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" tieferen Erkenntnisgewinn liefern kann. Seit April 2015 ist sie Autorin für SPIEGEL ONLINE.

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insgesamt 124 Beiträge
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Seite 1
weem 23.01.2016
1. ++eilmeldung++
++Neues Scharrützel aus dem Australischen Dschungel++
gogo yubari 23.01.2016
2.
ich fürchtete schon, Sie haben samstags frei.
junge23 23.01.2016
3. Frau Rützel ...
spät dran heute! Aber macht nichts, hatte ja noch zu zehren … resting bitch face … lachlach … danke dafür.
napoleon2006 23.01.2016
4. Absichtliche Blockade durch Helena
Die hatte keine Angst - Ihr einziges Ziel war, keinen Stern zu holen und dabei das Konzept der Prüfungen zu gut wie möglich zu torpedieren. Hat sie ja auch mit der Schauspielleistung eines Til Schweigers gut hinbekommen. Der (sicher überdrehte) Schlussauftritt des echt Höhenkranken Ricky, der ja nicht umsonst für gerade diese Prüfung gesperrt war, hat ihr dabei überhaupt nicht geschmeckt.
k.k.laake 23.01.2016
5. Auf den Punkt gebracht
Nach Rolf und Davids Verlust sind Sie, Frau Rützel, nun noch mehr unter Druck, denn ich befürchte auch, dass da die im Camp ein wenig die Luft raus ist. Wie soll man da eine tägliche Kolumne abliefern, wenn man sich den Rest des Camps so ansieht? Dieser Ricky ist ein Fake, seine Höhenangst war m.E. so mies geschauspielert, dass es weh tat. Warum ist so ein Unsympath noch im Camp und David raus?
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