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Dschungelcamp-Finale: Mensch, Menderes

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Dschungelcamp: König Menderes I. Fotos
RTL

Es ist der Sieg des sanften Monchichi-Wesens über die kraftmeierische Kasallahaftigkeit. DSDS-Punchingball Menderes Bagci gewinnt das Dschungelcamp, und wir sagen es mal in seinen Worten: danke!

Er ist der erste Monarch, der schon vor seiner Krönung abdankte. Und abdankte, dankte, vielen lieben Dank, danke, herzlichen Dank, danke! Menderes Bagci gewinnt die zehnte Staffel von "Ich bin ein Star - holt mich hier raus!", und ausnahmsweise kam es damit endlich einmal genau so, wie man es erwartete. Auch mal schön, wirklich.

Menderes war seit dem ersten Tag der Favorit auf den Sieg, ausgerechnet die leiseste, mausigste, höflichste, undrängeligste der zwölf Figuren, und seine Krönung folgte damit genau der vermeintlich paradoxen Logik, die das Dschungelcamp in seinen besten Momenten vom Promi-Zoo zum moralischen Kammerspielchen erhebt. Schlammverschmiert und würdevoll, manchmal geht es doch zusammen.

Gleichzeitig zeigt diese Erwartungserfüllung, wenn man denn doch mal kurz die Dschungelunke spielen möchte, auch eine der Schwächen dieser Staffel auf: Größere Entwicklungen oder persönliche Transformationen gab es nicht, im Grunde verlassen uns alle Dschungler und Dschunglerinnen genau so, wie wir sie beim Einzug kennengelernt haben. Es war die Staffel des "Bleib, wie du bist", auch wenn das für manche Charaktere natürlich eine ungünstige Prognose ist.

"Kasalla, der Zorn Gottes"

Für Helena etwa, die frühzeitig designierte, allgemein akzeptierte Sündenziege, die doch, verglichen mit den großen Bösewichten vergangener Staffeln, eigentlich ganz putzig war. Und der Sophia selbst bei ihrem Rauswurf im Halbfinale noch ein paar Klatscher mit dem verbalen Nasshandtuch mitgab: "Das ist ein Monster!", "Die ist Terror für meinen Kopf!", "Sie hat ne Scheißseele, einfach."

Die Blöden werden also bestraft, wenn sie bleiben, wie sie sind, nachdem sie von den Guten als Blöde ausgemacht wurden. Dafür durften die drei Finalisten gestern in ihren abschließenden, individuellen Dschungelprüfungen noch einmal ihre Paraderollen encore-isieren:

Thorsten durchkroch kinskihafter denn je als "Kasalla, der Zorn Gottes" diverse Viehzeug-befüllte Terrarien.

Sophia gab das hihihi-kicherige Staunemädchen: Waaaas, ich muss hier komischen Ekelkram essen, ihr seid ja gemeeeein!

Menderes verharrte duldsam in der dunklen Schlangengrube, tat dort gezwungenermaßen nicht viel, sondern nur das, was er am besten kann: Menderes sein.

Alles jetzt nicht wahnsinnig spektakulär, aber okay, man wird ja auch bescheidener. "Ich geh' da durch und werde das Mögliche möglich machen", beschied Thorsten beim Aufbruch zur Prüfung, das ist der neue Realismus, das Legat-Relativ. "Ich hab euch lieb", ruft er den anderen noch zu, bremst diese unerwartete Weichwallung aber gleich wieder aus: "Mich juckt mein Popo, ey."

Grenzenloser Legat

"Mach hinne, Legat, Kasalla!" treibt er sich dann selbst durch einen Kriechgang voller Fleischabfälle. "Kenne ich von früher, bei meinem Vatter im Garten", erklärt er knapp, und da fragt man dann lieber nicht noch genau nach. "Ich weiß jetzt, wo meine Grenzen sind: Ich habe keine", jubiliert er am Ende nach erfolgreicher Komplett-Sternen-Abräumung, und man wünscht ihm in diesem Moment sehr, dass das Leben nichts schlimmeres mehr für ihn bereithalten möge als die Durchkrabbelung eines Krebs-Terrariums: "Beißen die mich, knallt's!" Bei seinem Schlussplädoyer schabte er schließlich den Schmalztopf bis zum letzten Pathoskrumen aus: "Es geht um Ehre und Stolz, es geht um mein Herz - hilft mir, die Krone zu holen."

Auf Sophia kam die obligatorische Fressprüfung zu, bis auf lebendes Gewürm verspeiste sie alles, man weiß nicht, ob aus Kameradschaftsgeist oder weil Schwarzpädagogiker Thorsten noch ordentlich Druck aufgebaut hatte. Falls sie je den Hauch einer Chance auf den Titel hatte, vermasselte Sophia ihn mit ihrem abschließenden Softdiss gegen Menderes bei ihren Schlussplädoyers: Entweder gefalle Deutschland nun jemand, der lieb ist und aktiv und eine Superfrau und seine Meinung sagt. "Oder Deutschland gefällt jemand, der einfach nur lieb ist und nichts sagt."

Am Ende wurde Thorsten Dritter, Sophia Zweite, und Menderes, dieses fast schon ans Überdevote grenzende höfliche kleine Tierchen, bestieg den Thron. "Ich hab' noch nie was gewonnen", sagte er, und spätestens da war man so gerührt wie er selbst, für den Moment wollte man ganz fest glauben, durch diesen Sieg könnte sich für ihn wirklich etwas zum Besseren ändern. Sonja Zietlow fand schließlich die schönsten Schlussworte und dankte den Zuschauern für diese Entscheidung: "Respekt, das hätte auch ihm gefallen, unserem Dirk Bach."

So weit, so herzerwärmend. Ein paar offene Fragen haben wir trotzdem noch:

Wie groß ist bei der Dschungelprüfung für die Teilnehmer eigentlich die Versuchung, die seit zehn Jahren sattsam bekannte "Some animals do bite. Some of them might attack you. Don't swallow"-Warnrede von Dr. Bob auswendig mitzusprechen?

Ist die von diversen Dschungelschauern im privaten Umfeld geäußerte Unbehaglichkeit, Thorstens Kopf habe beim flüchtigen Hinsehen oft wie eine dritte Sophia-Brust gewirkt, ein unausgesprochener allgemeiner Trauma-Punkt?

Hätte man vor Sophia eigentlich nicht noch mehr Respekt gehabt, hätte sie statt der gemischten Tiergenitalien einfach leger das ihr versuchungsweise ebenfalls angebotene Gulasch oder Wiener Schnitzel verzehrt - wohl wissend, welches dampfende Kasallabad ihr Thorsten dann bei ihrer Rückkehr angesichts der verspielten Essen eingelassen hätte?

Wer ging nach Thorstens Erläuterungen zu seiner Lieblingsnachspeise Mascarpone - "das gibt Tinte auf den Füller!" - ebenfalls still in die Küche, um sämtliche Schmandvorräte zu verklappen?

Schreibt Til Schweiger zur Stunde schon am Drehbuch zu seiner neuen Komödie "Einthorsten-Legats"?

Wirklich nur Zufall, dass das twittersche Anagramm-Orakel die Buchstaben von Menderes vollem Namen zu "MC Siegerabend" und, in Anspielung auf seine Michael-Jackson-Versessenheit, "BAD & nice merges", "böse und nett vereinigen sich", arrangierte?

Müssen im Gegenzug aber nicht alle Namensmystiker aufgeben, die bislang glaubten, der Vorname bestimme den Menschen unbewusst in seiner charakterlichen Entwicklung, wenn sie Helena (Fürst) mit Helene (Fischer) vergleichen?

Warum besitzt Ricky ein Plüschabbild von sich selbst, in welchem Etsy-Shop kann man das bestellen und warum fand das niemand gruselig?

Sollen wir uns nicht doch alle zum Spaß Helenas E-Book-Lebensratgeber "Der Fürst Code" herunterladen?

Wie oft hätten wir das Wort "Kasalla!" noch hören können, ohne legatesk die Nerven zu verlieren?

Gibt es im klassischen, deutschen Linear-Fernsehen aktuell ein zweites Format, das so viele Menschen derart aktiv und auf verschiedenen Sekundär-Kanälen an sich binden kann? Auf Facebook fand man sich zu jeder Sendung in privaten, live mitkommentierenden Kleinglotzgruppen zusammen, auf Twitter wurden wie auf einer riesigen Schnittchenplatte die schönsten Wortspiele präsentiert, als seien sie zu Mäuschen geschnitzte Deko-Radieschen und Ei-Tomaten-Fliegenpilze, in Foren und unter Artikeln kabbelten sich Campliebhaber und -hasser - mehr Kollektiverlebnis geht fast nicht.

Eine Sendung als crossmediale Deutungs-Schnitzeljagd, die die Lagerfeuer-Stärken des alten und die spielerische Wendigkeit des neuen Fernsehens aufs Schönste zusammenführt. Wie lange noch bis zum nächsten Camp?

Zur Autorin
  • Anja Rützel, Jahrgang 1973, taucht im Trash-TV-Sumpf nach kulturellem Katzengold. In ihrer Magisterarbeit erklärte sie, warum "Buffy the Vampire Slayer" eine sehr ausführliche Verfilmung der aristotelischen Argumentationstheorie ist. Sie glaubt: "Everything bad is good for you" - und dass auch "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" tieferen Erkenntnisgewinn liefern kann. Seit April 2015 ist sie Autorin für SPIEGEL ONLINE.

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insgesamt 115 Beiträge
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1. Dank Ihnen, Frau Rützel,
katzengold 31.01.2016
trage ich meinen Namen mit Stolz! Danke für Ihre wunderbare Dschungelbegleitung! Darf ich hoffen, dass Sie uns uns auch noch bei der sicher wie immer hochinteressanten Rijuhnjenn heute Abend zur Seite stehen?
2. Menderes, der Dalai Lama
kaffeemail 31.01.2016
In DSDS wollten die Juroren einem armengescheiterten wenigstens die Fähnchen unterschreiben. Da sehen sie, da hat schon jemand signiert: Menderes
3.
mangostin 31.01.2016
Sieg für Menderes aus Sympathie und einem Hauch Mitleid. Aber zu Recht. Wobei man es am Ende allen drei gegönnt hätte.
4. Sophia zweiter?
pico66 31.01.2016
Sophia ist "zweiter" geworden? War ich bei so viel Schluss-Harmonie tatsächlich bei Geschlechtsumwandlung durch Dr. Bob eingeschlafen? Wobei ich gerne Legats Gesicht gesehen hätte, wenn nach der OP Sophias Hupen in Bizeps recycelt worden wären.
5. Ist doch schön
ugt 31.01.2016
Dem Jungen ist es zu gönnen. War er doch bei der Bohlen Show der Prügelknabe und wurde der Lächerlichkeit preisgegeben. Es sei ihm gegönnt. Sophia hätte ich es auch gegönnt. Frage: Werden müssen die RTL nachher das Camp aufräumen? Nicht dass sich Fürstin Helena zurück schleicht und dort rum geistert. Oder nächstes Jahr und die folgenden Jahre als schemenhafte Gestalt auftaucht.
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