Dschungelcamp Tag 14 Das Gleichnis von den drei Flachzangenfahrern

Die Männchen des Camps vergeigen eine Auto-Prüfung, die Weibchen bezicken sich: Im Dschungel ist die Genderwelt noch in feinster Ordnung. Und Jürgen muss kurz vor dem Halbfinale ausziehen.

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RTL/ Stefan Menne

Sollten das Dschungelcamp allgemein und die diesjährige Staffel im Besonderen einmal Eingang in die Wissenschaft finden - nicht nur an der Professor-Ortega-Büffeluniversität, sondern auch an anderen zertifizierten Geistesstätten -, dann könnte Tag 14 als Primärquelle dienen, an der sich ein ganzes Kommunikationswissenschafts-Proseminar wundanalysieren würde.

Viel läuft schief im diesjährigen Austausch untereinander, und vielleicht könnte man mithilfe eines elaborierten Wollfädengespinstes ja mal genauer verfolgen, wie die einzelnen Plapperstränge verlaufen. Erste These, gleich mal als Referatsthema vergeben: Die Camper reden nicht wirklich miteinander, aber umso lieber übereinander.

Sophie über Helena: "Die Frau ist der Horror, ich hätte der am liebsten eine geknalllt."

Jürgen über Sophia: "Ich hab gedacht, jetzt hat sie in letzter Zeit zu viel Vakuum gezogen."

Helena über alle: "Vornerum haha, hintenrum blabla." (Obacht, bitte diesen Sinnspruch nicht mit dem Tölpelwarnsatz "Von hinten Blondine, von vorne Ruine" verwechseln, der zu Jürgens festem Liederabend-Repertoire im Bierkönig auf Malle gehört und den er künftig vielleicht der einen oder anderen Mitcamperin widmen könnte. Der einen oder anderen. Oder der einen.)

Aber gut, im Dschungel geht es eben ruppig zu, womit sich Helena ("Ich bin hier ja nicht auf Heidschi Bumbeidschi.") in echsiger Anpassungsfreude offenbar besser arrangieren konnte als Thorsten, der immer noch an seinem gestrigen epic showdown mit der Kaltmamsell formerly known as Furzfürstin laborierte, wie er Jürgen gestand: "Ich habe innerlich so geweint, das glaub mir mal."

Oder, wie er später bei der Dschungelprüfung erklärte: "Ich denke mir einfach, durch das Emotionale bin ich ein bisschen durcheinandergekommen." Gestern mussten alle verbliebenen Camp-Männchen zusammen ran und oldschool-genderig in einem kleinen Brummbrummauto eine Dschungelrallye absolvieren, selbstverständlich ordentlich vorschikaniert: Jürgen, der Fahrer, bekam eine Augenbinde, Menderes, der Lotse, wurde der Mund verklebt, Thorsten, der Mittler, war mit Ohrenschützern versehen.

"Links, links, links - das ANDERE Links, mein Links!"

Der eine hört nichts, der andere sieht nichts, der andere darf nichts sagen. Menderes ist der einzige, der weiß, wo es hingeht. Er kennt den Weg, aber er darf ihn nicht weisen.

Das klingt nun wie ein Stück aus der Sonntagspredigt eines progressiven Pfarrers, der Dschungelcamp-Metaphern benutzt, um damit jugendliche Gammler in die Kirche zu locken. Und dennoch, meine Brüder und Schwestern, müssen wir uns fragen, wenn wir die drei Toren mit ihrer Nuckelpinne so ziellos durch den Parcours (des Lebens?) eiern sehen - bald hier, bald da anecken oder auch mal liegen bleiben - welcher der drei wären wir selbst?

Fühlen wir uns nicht oft wie der einzig Sehende unter vielen Blinden und vermögen es dennoch nicht, ihnen den Weg zu zeigen, weil uns die Worte fehlen? Schreien wir nicht manchmal unsere Meinung in die Welt ("Links, links, links - das ANDERE Links, mein Links! Dein Links ist mein Rechts! RECHTS! Slowly slowly! Hier, da: Rückwärts!"), ohne zu hören, was die anderen sagen? Und lassen wir uns nicht manchmal vom Blöken der Herde mitreißen und manövrieren blind durch unser Leben, auf der wilden Hatz nach Sternen und eitlem Mammon?

Aber über das Gleichnis von den drei Flachzangenfahrern kann man dann vielleicht lieber am Sonntag weiter nachdenken, allzu religiös ist man im Camp ja nicht aufgestellt. "Mit mir ist nicht gut Kirchen essen", beschied Sophia im Dschungeltelefon, und Thorsten redete schon in Zungen, dabei ist Pfingsten noch etwas hin: Eifrig sprach er Türkisch mit Menderes, der nichts von alledem verstand - ist auch eine Fantasiesprache, räumte er später ein: "Diese Quasselei habe ich mir selbst angeeicht." Bleibt die bange Mutmaßung, zu welchen Anlässen er sie spricht, und ob er sich dabei nicht doch wundert, warum ihn niemand versteht.

Am Ende fliegt Jürgen aus dem Camp und verpasst knapp das Halbfinale, was dramaturgieökonomisch voll in Ordnung geht.

(Bonuskalauer: Kein Wunder, dass Menderes immer so höflich ist - er hat schließlich Dankwart gelernt. Okay, eigentlich hat er eine Ausbildung zum Tankwart gemacht, aber in Franken käme man mit diesem Witzchen durch.)

Zur Autorin
  • Anja Rützel, Jahrgang 1973, taucht im Trash-TV-Sumpf nach kulturellem Katzengold. In ihrer Magisterarbeit erklärte sie, warum "Buffy the Vampire Slayer" eine sehr ausführliche Verfilmung der aristotelischen Argumentationstheorie ist. Sie glaubt: "Everything bad is good for you" - und dass auch "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" tieferen Erkenntnisgewinn liefern kann. Seit April 2015 ist sie Autorin für SPIEGEL ONLINE.

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insgesamt 95 Beiträge
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Seite 1
wolli 29.01.2016
1. dankwart
Hier in Franken versteh ich das ??
milchraupe 29.01.2016
2. Wieder einmal
ganz hervorragend zusammengefasst. Ich wünsche mir von Herzen, dass Frau Rützel mal ein Buch schreibt!!!! Der "Dankwart" ist echt ein guter Bonus :-)
fleischzerleger 29.01.2016
3.
Bleibt nur eine Frage: wer fliegt heute und müssen morgen Helena und Legat noch ein gemeinsames Candle-Light-Dinner überstehen. Ich wäre mir sicher, nach dem Motto "Pack schlägt sich, Pack verträgt sich" würden sie dabei zu Letzterem tendieren.
wahmbeck 29.01.2016
4. 2017
Vielleicht sollten sich die Macher des Dschungelcamps für das nächste Jahr überlegen Frau Rützel an den Anfang jeder Sendung zu setzen. Im Sinn von "Was war gestern nochmal?". Wäre äusserst lohnenswert.
wernergg, 29.01.2016
5. Man-in-the-Middle
Thorsten war bei dem Parcours eindeutig der Man-in-the-Middle-Angreifer, der das eigentlich simple Protokoll zwischen Menderes und Jürgen komplett verhackstückte. (Für Nicht-ITler siehe Wikipedia). Das hat er mit Absicht gemacht, um sich durch Männerdemütigung bei der Frauenwelt zu entschuldigen.
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