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Dschungelcamp-Auftakt: Die Erotik des Ekels

Micaela Schäfer zeigt Nippel und trinkt Emu-Blut, Rocco Stark baggert, Vincent Raven nervt - "irgendwie müssen wir das Beste draus machen", seufzte Ramona Leiß im RTL-Dschungelcamp. Und das gilt auch für uns: Stefan Niggemeier über den Neustart von "Ich bin ein Star, holt mich hier raus".

Erste RTL-Dschungel-Nacht: Blut, Schweiß und Tränen Fotos
RTL

Aus künstlerisch-kreativer Sicht ließe sich diese Kritik auf drei Wörter beschränken: Alles wie gehabt. Das Camp im Dschungel sieht (nachdem es von den neuen Bewohnern aufgeräumt werden musste) aus wie immer. Die Moderatoren Sonja Zietlow und Dirk Bach machen dieselbe Art Witze wie sonst. Und die Prüfungen, in denen die Kandidaten um ihre Essensrationen kämpfen, sind bloß minimal variierte Varianten dessen, was man Ekliges aus den Vorjahren kannte. Wenn den großen, weißen Witchetty-Maden nicht bei diesen Übungen immer der Kopf abgebissen würde - man könnte schwören, es handelte sich um dieselben Raupendarsteller wie in den Vorjahren.

Aber wenn Sonja Zietlow gleich zu Beginn sagt: "Die Show ist der Star. Theoretisch könnten wir jeden nehmen." Und Dirk Bach ergänzt: "Und genau nach diesem Prinzip haben wir die da unten auch ausgesucht", dann ist das nicht nur eine typische Pointe. Sondern es stimmt exakt.

Auch in der sechsten Staffel funktioniert "Ich bin ein Star, holt mich hier raus" nämlich als soziales Experiment mit offenem Ausgang. Es ist eine abgeschlossene Kurz-Soap, bei der niemand - nicht die Produzenten, nicht die Mitwirkenden, nicht die Zuschauer - eine Ahnung hat, wie sich Handlung und Charaktere entwickeln werden.

Einerseits könnte es natürlich eine Staffel mit besonders offensiver Erotik werden. Der Sender hat die 19-jährige Sängerin Kim Debkowski gecastet, die sich "Kim Gloss" nennt und leider gerade noch an den Ausläufern eines Herpes leidet, dessen Krusten sich schwer von einer halbverunglückten Lippenoperation unterscheiden lassen, sowie Micaela Schäfer, die als Erotik-Model ihr Geld verdient und über die die Moderatoren witzeln, dass nicht klar sei, ob ihr Körper die ungewohnten Textilien noch abstoßen werde. Sie habe zudem etwas Einmaliges gemacht: sich nicht, wie für Kandidaten üblich, für den "Playboy" aus-, sondern für die "Hörzu" angezogen.

Rocco Stark, der 25-jährige Sohn von Uwe Ochsenknecht, scheint auch überaus entschlossen, das meiste aus der Situation machen zu wollen und möglichst viele der Frauen auf seine eigens mitgebrachte übergroße Luftmatratze zu kriegen. Doch wenn man seine überaus durchschaubaren Anbaggerversuche sieht, ahnt man, dass das Ergebnis dieser Konstellation statt Erotik auch Slapstick sein könnte. Dafür spricht auch, dass Micaela Schäfer es nicht dabei belässt, Unterwäsche zu tragen, die bestenfalls aus Nanopartikeln besteht, sondern sicherheitshalber ausführlich daran scheitert, die richtige Position zu finden, um sich im Campteich die Haare zu waschen. Sicher, sie könnte einfach untertauchen, aber dann hätten die Fernsehzuschauer (und Rocco Stark) ja im Zweifel nicht ihren so gut wie nackten Körper aus jeder erdenklichen Position gesehen.

Man weiß genug, um Vorurteile zu haben

Die Auftaktfolge des Dschungelcamps ist, nicht nur wegen ihrer fast dreistündigen Dauer, traditionell eine der zäheren Folgen der Show. Die Konflikte müssen sich erst entwickeln, wobei sich gestern andeutete, dass schon die Doppel-Frage, ob der Reis gerührt wurde und ob er gerührt werden darf, Potential haben könnte, Menschen einander an die Gurgel gehen zu lassen.

Der Reiz des Serienauftakts besteht darin, sich die Charaktere und ihre Entwicklung auszumalen. Die Halb- bis Sechzehntelprominenz der Beteiligten hilft dabei: Man weiß über die meisten Kandidaten gerade genug, um ein Vorurteil über sie zu entwickeln, das es interessant macht zu überprüfen, ob es sich bestätigt.

Ramona Leiß, zum Beispiel, die ehemalige Moderatorin des ZDF-"Fernsehgartens" und der "Knoff-Hoff-Show", scheint anfangs prädestiniert zu sein für die Rolle der patenten Campmutter. Aber dann trifft die Gruppe bei der ersten Ankunft auf ein kalkuliertes Chaos, und Frau Leiß reagiert wie ein Schaf, das in einen Graben gekullert ist und nun rücklings resigniert auf den unausweichlichen Tod wartet: "Ich bin verzweifelt", sagt sie immer wieder. Als andere einfach schon mal mit dem Aufräumen angefangen haben, ringt sie sich unüberzeugt den Satz ab: "Irgendwie müssen wir schauen, wie wir das Beste draus machen."

Für Daniel Lopes, einen Menschen, der in der ersten Staffel von "Deutschland sucht den Superstar" den siebten Platz belegt hat und einen ungerechten Stolz daraus bezieht, dass heute niemand mehr weiß, wer damals sechster, fünfter und vierter wurde, haben die Autoren vorläufig die Rolle des sich selbst überschätzenden Weicheis reserviert. Die Moderatoren machen sich vor allem darüber lustig, dass Lopes von Willi Herren gemanagt werde, dem "Olli" aus der "Lindenstraße", inzwischen aber bekannter durch seine Teilnahme am Dschungelcamp 2004 und diverse polizeiliche, gesundheitliche und gesangliche Auffälligkeiten. "Willi Herren ist Daniel Lopes' Manager." - "Und wer ist sein Fahrer? Andrea Bocelli?"

Rocco Starks Rolle in den täglichen Dramen, die die RTL-Leute vor Ort zusammenschneiden, könnte noch die des großen unauffälligen Nichts werden oder die einer phantastischen Nervensäge. Sein Wille, jede Pointe oder das, was er dafür hält, mit einem High-Five zu quittieren, eignet sich ideal als Vorlage für lustige Trinkspiele im Kreis der Familie, in denen um die Wette vorhergesagt wird, wann er das nächste Mal die Hand zum Abklatschen ausstrecken wird.

Andererseits absolvierte er die Zumutungen der ersten Dschungelprüfung mit einer Mischung aus wildestem Gegacker und überraschender Tapferkeit. Er ist offenbar dazu entschlossen, sich hier zu amüsieren - könnte sich dadurch aber natürlich auch für seine Mitstreiter zur wahren Dschungelprüfung entwickeln.

Vincent Raven, ein lächerlicher Möchtegern-Magier, der sonst Zauberstücke mit allerlei Brimborium und einem Raben vorführt (den sie eigentlich ja lieber als Kandidaten hätten haben wollen) ist der vorläufige Kandidat für den Unsympathieträger des Lagers: Seine größte Herausforderung erlebte er noch vor dem Einzug, als er feststellte, dass er - wie alle - rote Einheitskleidung tragen sollte. Rote Kleidung! Obwohl rot doch nicht zu Männern passt! Eine "Tuntenfarbe"! Ein "Schwuchtelfummel"! "Ich sehe rot!" Er kriegte sich gar nicht wieder ein. "Er ist Medium", sagte Dirk Bach später. "Also, mir kommt er eher gut durch vor", antwortete Sonja Zietlow.

Offensive Offenheit bei den Kandidaten

Was für Persönlichkeiten sich, wenn man sich darauf einlässt, herausschälen werden in den nächsten zwei Wochen, ist noch unklar. Aber es wird für viele entlarvend sein. Vielleicht als Lektion aus den spektakulären Psycho- und Laienspiel-Exzessen im vergangenen Jahr (oder dem Drama um den Bundespräsidenten, wer weiß es?) scheinen sich mehrere Kandidaten zur offensiven Offenheit entschlossen zu haben. Martin Kesici sagte auf die Frage, warum er mitmacht, dass er endlich seine Steuerschulden loswerden wolle. Und Micaela Schäfer vermutete mit erstaunlichem Realitätssinn, dass jeder sie wohl eh schon für eine Kandidatin für den Dschungel gehalten habe: "Ich glaube, dafür bin ich prädestiniert." Entsprechend gefasst und unüberrascht nahm sie auch die bereits vorab erfolgte Wahl der RTL-Zuschauer in die erste Dschungelprüfung hin, wo sie tapfer unter anderem einen halben Liter Emu-Blut und pürierte Leber trank.

Kim Gloss wurde in die nächste Prüfung gewählt, in der sie in einen Horror-Aufzug steigen muss; leider nicht Brigitte Nielsen, trotz ihrer Erfahrung "mit Liften".

Als eine besondere Herausforderung für die Zuschauer könnten sich die verschiedenen Sprachrudimente herausstellen, in denen sich die Kandidaten, die fast alle einen Migrationshintergrund haben, verständigen. Über den Fußballspieler Ailton, der bislang als ein teddyhaftes Latino-Maskottchen durchs Camp hüpft, sagte Sonja Zietlow: "Ailton redet auch nicht so viel. Und wenn, dann nur Konsonanten."

Anders als bei den "Bauer sucht Frau"-Bauern verzichtet der Sender noch auf Untertitel. Vielleicht erlernt man ja beim Zuschauen auch noch die Gabe von Ramona Leiß, aus dem Murmelkauderwelsch von Brigitte Nielsen am Lagerfeuer die komplette Ehedramen-Geschichte mit Sylvester Stallone herauszuhören:

"Mussunooof possessiv!"

"Wie im Gefängnis?"

"Ich sag: Ich habe dir gelassen. Und er sagt: Du wirst nie so leben. Und ich muss aufpassen."

"Also, er hat dich bedroht?"

"Ja."

"War er ein guter Liebhaber?"

"Nee. Majamanja Rabbit, wie manja?"

"Hase. Ein Rammler."

Frau Leiß erkundigte sich zudem interessiert, ob die Anabolika, wie sie erwartet hatte, bei Herrn Stallone zu Schrumpfhoden geführt hätten und schaffte durch gleichzeitiges Aufreißen des Mundes und asymmetrisches Verziehen der Muskeln eine erstaunlich realistische Impression von dem Operationsunglück, das einmal das Gesicht von Stallone war.

Und so bleibt am Ende, wie immer, die Frage, ob die Kandidaten dort unten ihre Würde verlieren. Ob wir, wenn wir uns schadenfroh über sie amüsieren, ihre Notsituation ausnutzen - und sei es auch nur eine Not, dass jemand über seine Verhältnisse gelebt hat oder nicht mehr die Aufmerksamkeit bekommt, die er braucht. Die Dschungelprüfungen, in denen die Kandidaten sich mit Krabbeltieren und Glibber überschütten lassen müssen, sind schließlich nicht nur Momente der Überwindung für sie, sondern auch für uns als Zuschauer.

Dieses Spiel hat, natürlich, eine Dekadenz, die man abstoßend finden kann. Aber auch in diesem Jahr ist wieder faszinierend zu sehen, in welchem Maße sich die Kandidaten unmittelbar vor dem Einzug ins Camp inszenieren, wie dick sie noch einmal Schminke aufgetragen haben, wie lächerlich sie ihre klassischen Rollen spielen. Der Kontrast zu den ungeschminkten, angestrengten Gesichtern im Camp dann ist schockierend - aber oft auch wohltuend. Es ist nicht immer klar, ob das, was wir dann sehen, nicht würdevoller ist als die Spachtelfassade vorher.

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insgesamt 151 Beiträge
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1. Ich weiss nicht was blöder ist
hartholz365 14.01.2012
Diese Berichte über die Sendung oder die Sendung selbst. Zu "Running man" und "Todesspiel" ist es bald nicht mehr weit.
2. Fernsehverweigerer
pepito_sbazzeguti 14.01.2012
Zitat von sysopMicaela Schäfer zeigt Nippel und trinkt Emu-Blut, Rocco Stark baggert, Vincent Raven nervt - "irgendwie müssen wir das Beste draus machen", seufzte Ramona Leiß im RTL-Dschungelcamp. Und das gilt auch für uns: Stefan Niggemeier über den Neustart von "Ich bin ein Star, holt mich hier raus". http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,809040,00.html
Bereits gestern vermisse ich die abwertenden Beiträge der Seit-Jahren-keinen-Fernseher-mehr-Besitzer, der Vor-dem-Untergang-des-Abendlandes-Mahner und Ausschließlich-Arte-Gucker vermisst. Die intellektuelle Elite unseres Landes wird sich doch nicht gestern am Vorabend auf das Dschungelcamp vorbereitet und dann heimlich geguckt haben?
3. Von was schreiben Sie denn da?
KonsulOtto 14.01.2012
Zitat von sysopMicaela Schäfer zeigt Nippel und trinkt Emu-Blut, Rocco Stark baggert, Vincent Raven nervt - "irgendwie müssen wir das Beste draus machen", seufzte Ramona Leiß im RTL-Dschungelcamp. Und das gilt auch für uns: Stefan Niggemeier über den Neustart von "Ich bin ein Star, holt mich hier raus". http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,809040,00.html
Um was geht es hier überhaupt, habe diesen "Dschigel-Champ" bisher noch nie gesehen! Soll aber ganz doll spannend sein, nach allem was ich immer darüber lese bei SPON und Bild am Sonntag. Isch drücke den Kandidaten mal ganz feschte die Daumen, lasst Euch nicht unterkriegen. :)
4. Micaela Schäfer
verissimus 14.01.2012
Zitat von sysopMicaela Schäfer zeigt Nippel und trinkt Emu-Blut, Rocco Stark baggert, Vincent Raven nervt - "irgendwie müssen wir das Beste draus machen", seufzte Ramona Leiß im RTL-Dschungelcamp. Und das gilt auch für uns: Stefan Niggemeier über den Neustart von "Ich bin ein Star, holt mich hier raus". http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,809040,00.html
kann einem leid tun: eine desaströse Vermarktung in den letzten Jahren, ein Management, das vollständig versagt hat und mit dem Dschungel-Camp auch die letzte Peinlichkeit nicht auslässt. - Traurig und schade, für eine junge Frau, die durch ihre überaus sympathische Ausstrahlung und ihren natürlichen Charakter etwas Besseres verdient gehabt und eindeutig mehr zu bieten hätte, als ihre Brüste.
5. Verstehe
KonsulOtto 14.01.2012
Jetzt kapier ich die Sendung! Der Dschungel-Sieger wird neuer Bundespräsidenten-Lehrling! Na dann mal viel Glück, allen Kandidaten!
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