Dschungelcamp-Chef Dirk Bach: "Das sind Langzeitarbeitslose"

Mehr Häme geht nicht im deutschen Fernsehen: Moderator Dirk Bach, 50, spricht im Interview über seine Rolle als Gastgeber des RTL-Dschungelcamps, verrät, warum er barmherziger als Harald Schmidt ist - und erklärt die soziale Komponente der zweiwöchigen australischen Promi-Lagerhaft.

RTL-Moderator Dirk Bach: Der Dschungelkönig Fotos
RTL

SPIEGEL ONLINE: Herr Bach, verspüren Sie als Oberzyniker des RTL-Dschungelcamps gelegentlich Mitleid mit einem Ihrer Insassen?

Bach: Das Schicksal von Daniel Lopes geht mir zu Herzen. Er war ja früher schon Kandidat bei "Deutschland sucht den Superstar" und bei "Das Supertalent" und gehört damit fast zum Inventar des Senders. Als er bei uns jetzt unter Tränen von seinen privaten Schulden erzählte und von seinem kleinen Sohn, der nicht bei ihm aufwachsen darf, weil Daniel zurzeit keinen festen Wohnsitz vorweisen kann, hat mich das sehr traurig gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Häme haben Sie trotzdem nicht zurückgehalten.

Bach: Mein Gott, man kann doch mitfühlen und trotzdem professionelle Freude an derartigen Geständnis-Inszenierungen haben. Sonja Zietlow und ich sind nicht Harald Schmidt, der seinen Zynismus der ganzen Welt gegenüber zelebriert. Wir amüsieren uns lediglich ein wenig über elf Menschlein, die hier bei uns im australischen Regenwald zurzeit ein paar Urlaubstage verbringen, und zeigen uns als distanzierte, aber durchaus wohlmeinende Gastgeber.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird im Vorhinein festgelegt, welcher Kandidat im Camp welche Rolle übernimmt: die Zicke, der Proll oder die Heulsuse?

Bach: Da gibt es Vorstellungen, aber die werden von den Kandidaten dann gern vor Ort über den Haufen geworfen. Wir hatten zum Beispiel erwartet, Ramona Leiß würde zur Camp-Mutter werden. Diese Rolle hat jetzt erstaunlicherweise Brigitte Nielsen übernommen, während Ramona sich als vielschichtige Persönlichkeit entpuppt, von zuckersüß bis oberzickig. Und dass Micaela Schäfer ihren Beruf so sehr ins Camp einbringen würde,...

SPIEGEL ONLINE: ...nämlich Nacktmodel...

Bach: ...nämlich Sex-Arbeiterin, konnte niemand ahnen. Mir wäre es lieber, sie würde nicht immer halbnackt durch den Wald laufen. Selbst wenn sie ein Mann wäre, wäre mir das zu viel Haut. Und die vielen Insekten! Micaela ist schon ganz zerstochen! Aber ich kann noch nicht allzu viel sagen über die Bewohner. Die ersten Tage haben sie vorwiegend damit verbracht, sich zu beschweren. Über das Wetter, das Essen, den Dschungel im Allgemeinen. Die wenigsten hatten eine Vorstellung davon, was auf sie zukommt. Verwunderlich, denn das ist nun immerhin schon die sechste Staffel.

SPIEGEL ONLINE: Die öffentliche Empörung zumindest hat im Lauf der Jahre nachgelassen. Anlässlich der Dschungelcamp-Premiere protestierte nur noch der "Bund gegen Missbrauch der Tiere" wegen der Behandlung der Kakerlaken und Mehlwürmer, und ein FDP-Politiker zeigte RTL wegen "dringenden Tatverdachts der vollendeten Körperverletzung" an.

Bach: Die FDP hat sich inzwischen ja fast selbst erledigt. Und wenn jemand die Menschenrechte verteidigen will, soll er Mitglied bei Amnesty International werden. Unseren Prominenten geht es doch blendend. Wir haben sogar viel Dank bekommen in den vergangenen Jahren. Schlagersänger wie Costa Cordalis und Bata Illic etwa waren froh, durch uns wieder das Scheinwerferlicht erblickt zu haben. Auch Sarah Knappik, unsere Nervensäge aus der vorigen Staffel, ist noch gut auf uns zu sprechen, sie hatte nach Verlassen des Camps ja noch eine schöne Karriere als T-Shirt-Produzentin.

SPIEGEL ONLINE: Angeblich bekommen die Kandidaten nichts mit von dem, was in Deutschland passiert. Mancher wird nach seiner Rückkehr womöglich erstaunt sein über sein neues Image.

Bach: Aber das ist doch wunderbar, wenn Menschen durch ihre Teilnahme im Camp noch etwas über sich selbst herausfinden. Andere müssen dafür eine teure Therapie machen. In unserem kleinen Genesungslager gibt es das noch obendrauf. Und bei allen Zumutungen: Es trifft keine Unschuldigen.

SPIEGEL ONLINE: Zeigen die Kandidaten im Dschungel ihr wahres Ich? So wie unter Alkoholeinfluss?

Bach: Mit einem Rausch hat das hier nichts zu tun. Im Gegenteil. Es ist ein Erlebnis von höchster Ernüchterung.

SPIEGEL ONLINE: "Star" bedeutet laut Duden: "gefeierter, berühmter Künstler". Wie verhält sich das mit Ihren sogenannten Stars?

Bach: Das sind Langzeitarbeitslose, denen wir auf freundliche Art bei der Wiedereingliederung ins Berufsleben behilflich sein wollen.

SPIEGEL ONLINE: Dass Sie selber diese Show moderieren und nicht zu den Kandidaten gehören - ist das Glück oder Zufall?

Bach: Ich finde die Sendung geil. Aber ich würde mich niemals als Kandidat in den Dschungel begeben. Von einer Kamera möchte ich mich niemals länger beobachten lassen als notwendig. Ich mache ja nicht mal Homestorys für die bunten Illustrierten. Das würde mein Mann auch gar nicht mitmachen.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn Sie einmal so in Not geraten sollten wie manche der ehemals prominenten Kandidaten, die mit dem Dschungel-Honorar häufig hohe Schulden abstottern müssen?

Bach: Dann müsste ich wohl in Armut sterben. Oder mein Mann würde arbeiten gehen.

Das Interview führte Alexander Kühn

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insgesamt 69 Beiträge
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1. Dschungelcamp
Revarell 22.01.2012
Das ist die mit Abstand kränkste Sendung im TV und Dirk Bach mit Sonja Zietlow sind die Oberkranken!
2. ...
kimba2010 22.01.2012
Zitat von sysopMehr Häme geht nicht im deutschen Fernsehen: Moderator Dirk Bach, 50, spricht im Interview über seine Rolle als Gastgeber des RTL-Dschungelcamps, verrät, warum er barmherziger als Harald Schmidt ist - und erklärt die soziale Komponente der zweiwöchigen australischen Promi-Lagerhaft. Dschungelcamp-Chef Dirk Bach: "Das sind Langzeitarbeitslose" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,810345,00.html)
Dirk Bach ist die personifizierte Degeneration des Privatfernsehens.
3. Nö
optaeck 22.01.2012
Zitat von RevarellDas ist die mit Abstand kränkste Sendung im TV und Dirk Bach mit Sonja Zietlow sind die Oberkranken!
Nö, da gibt es weitaus Schlimmeres. Und wie Bach sagt: Es trifft Medienprofis und nicht - wie bei DSDS - Leute, die keine Ahnung haben, worauf sie sich in den Castings mit Dieter Bohlen einlassen.
4. ..das geniale am Sendekonzept
insider finance 22.01.2012
Zitat von sysopMehr Häme geht nicht im deutschen Fernsehen: Moderator Dirk Bach, 50, spricht im Interview über seine Rolle als Gastgeber des RTL-Dschungelcamps, verrät, warum er barmherziger als Harald Schmidt ist - und erklärt die soziale Komponente der zweiwöchigen australischen Promi-Lagerhaft. Dschungelcamp-Chef Dirk Bach: "Das sind Langzeitarbeitslose" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,810345,00.html)
...des Dschungelcamps ist die Integration der Grundzüge des Primatencharakters 'Mensch' in das Spiel: Alle Beteiligten fühlen sich dem Spiel 'überlegen' > die Zuschauer, weil sie ihr Grundbedürfnis nach Voyeurismus und und Häme befriedigen dürfen (zusehen, ohne selber gesehen zu werden, das eigene Dasein in die Teilnehmer des Camp einspiegeln und hochwerten können) > die Teilnehmer, weil sie das Honorar (dringend) brauchen und die sich anschließende Publizität genießen und nutzen wollen (dabei die damit verbundene Prostitution verdrängen können) > Herr B. und Frau Z. und ihre Entourage,weil sie inzwischen zu Junkies ihrer Hämesucht geworden sind, und gleichzeitig die oa. Teilnehmeraspekte mitabgreifen > der Sender, weil er Werbezeit zu Spitzenpreisen vermarkten kann > die Macher, weil sie das Konzept pausenlos weltweit vermarkten und keine nennenswerten Produktionskosten aufwenden. Das nenn ich mal ein echtes Win/Win/Win/Win Konzept
5.
der_diskutant 22.01.2012
Zitat von RevarellDas ist die mit Abstand kränkste Sendung im TV und Dirk Bach mit Sonja Zietlow sind die Oberkranken!
Und trotzdem schaut sich's jeder an! :) Ich geh dann mal Mittagessen. Wie wäre es mit gedünstetem Schweineanus? ;-)
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