Dschungelcamp-Finale Veteranen der vertanen Chance

Jenny ist einfach nur Jenny und jetzt auch noch Königin. Das ist okay und vor allem erleichternd, weil damit eines der bräsigsten Dschungelcamps aller Zeiten überstanden ist.

RTL/ Stefan Menne

Die Bilanz von


Es gibt ein Lied, das die Dschungelgeschehnisse dieses Jahres perfekt zusammenfasst.

Es gehört nicht zur teilweise wirklich genialisch zusammengestellten Hintergrundmusik dieser Staffel, es ist gerade vergangene Woche erschienen, und wenn die Band nicht schon ein schönes Video dazu gedreht hätte, hätten sie dafür mit wenig Aufwand einfach auch ein paar der handlungsarmen, ausdrucksschwachen Szenen aus dem Camp nachspielen können. Das Lied heißt "Veteranen der vertanen Chance", es stammt von der fantastischen österreichischen Band Kreisky, und der Refrain dazu geht so:

"Sehr geehrte Damen und Herren

vom Verband der anonymen Loser

ihr Veteranen der vertanen Chance

hiermit ersuche ich um Aufnahme

meiner unglücklichen Person.

Ich gehöre zu euch

Ich gehöre zu euch."

Und wer hat bei diesen Zeilen jetzt nicht sofort mindestens einen der Dschungelcamper von der traurigen Gestalt vor Augen?

Es geht dabei nicht um vergeigte oder halblebig durchgezogene Dschungelprüfungen - die waren, obwohl es in diesem Jahr einige erfrischende, neu ausgedachten Varianten zum altbekannten Schluck-und-Schmodder-Kanon dazukamen, wie immer Nebensache. Es geht um die vielen kleinen Aussparungen in der Erzählung, die die Camper beim Absitzen ihrer Dschungelzeit mit Leben hätten füllen können.

Sie ließen diese Chancen liegen, und so schmeckte diese Staffel so schaumstoffig wie ein fettarmer Trockenkuchen ohne Glasur, Buttercreme, Marmeladenfüllung und Streuselkram obendrauf.

Es gab keine täppisch gespielte Liebelei, keine nach dem dritten Tag nervige Catchphrase, nicht einmal das obligatorische simpelgeistige gemeinsame Liedchen, das durch blanke Penetranz zur Schauderhymne wird.

All das liegt nicht an der mangelnden Prominenz der Teilnehmer, sondern an etwas viel Schlimmerem: Sie haben die Lust am Spielen verloren. Zogen ins Camp wie frisch angeheuerte Profifußballer, die bei ihrem ersten Spiel sagen: "Iih, ein Ball!" und pikiert die bizarre Erwartung von sich weisen, auf ein leeres Tor zu schießen. Erzählten ein paar Tränenschleudergeschichten, aber mehr aus melancholischer Rührung über sich selbst. Am Ende scheiterten die Finalisten daran zu entschlüsseln, welche Bedeutung die Buchstaben R, T und L hatten, mit denen ihre abschließenden Dschungelprüfungen markiert waren. Tina: "T ist Tauchen." Daniele: "Dann wäre L Essen" Jenny: "Und was ist R?"

Die Lösung, ganz einfach: rammdösig, tranfunzelig, lustlos.

Weil seine Bewohner kalte Charakterskizzen blieben, wurde "Ich bin ein Star, holt mich hier raus" zum Potemkin'schen Camp: Die Fassaden stehen, das Format ist da, aber es wurde nicht mit Leben gefüllt. Eine andauernde Kränkung für den Zuschauer, der vor allem einen Eminem-Track aus dem Dschungelsoundtrack gerne mitgesungen hätte: "We're the ones who made you" - jetzt liefert doch, Herrgott, endlich ihr uns auch etwas, dem wir zuschauen könnten.

Wäre Tina, die müde, tapfere, widerwillige Camperin am Ende zur Dschungelregentin gekrönt worden, diese grundsympathische Interpretin des "Wozu? Es lohnt nicht"-Gefühls in uns allen, eine Ikone des Einfach-Liegenbleibens, wäre das ein würdiges, schlüssiges, ächzendes Ende einer 14-tägigen Verstopfung auf allen Ebenen gewesen. "Du musst dir mal vorstellen, ich hab in den ganzen Tagen keine Sekunde Verdauung gehabt. Einmal bei den Weintrauben, ganz kurz", sagt Tina im Finale, und vielleicht ist das die beste Beschreibung des diesjährigen Zuschauergefühls.

Fotostrecke

8  Bilder
Dschungelcamp - Tag 16: Finale, und das ist auch gut so

Nie waren die Anforderungen für die Thronnahme läppischer, für Daniele genügte gar kindische Wüterei wegen entzogener Zigaretten, ganz so, als habe man einem Krabbelkind den Schleckkram an der Supermarktkasse verwehrt, für eine echte Chance auf den Sieg.

Am Ende gewann Jenny, deren Wahlversprechen nicht schlichter hätte ausfallen können: "Ich bin die Jenny, und das ist alles, was ich bin."

Selten war eine Heldenreise kürzer, bequemer asphaltiert und besser ausgeschildert als ihre: Von Mutter Iris wurde sie in Ermangelung eines Schweizer Internats in den Dschungel geschickt, um "erwachsen zu werden", gerierte sich zunächst als weinende Trümmerfrau mit Opfer-Abo und beschloss irgendwann, sich zusammenzureißen. "Ich muss nur aushalten?", fragte sie, als sie für ihre finale Prüfung in einem Glaskasten fixiert wurde. "Ja, du musst nur aushalten", antwortete Sonja Zietlow, und dann wurde Jenny mit Tieren überschüttet, die sie bissen, zwickten, grausten, und die sie mit verhaltenem Jammern ertrug. Transformatiönchen zur "Kämpferin" abgeschlossen.

Auch die anderen beiden erbrachten pflichtschuldig ihren Leistungsnachweis. Daniele aß Bullenpenis, dachte dabei nach eigener Aussage sentimental ans eigene Genital, trank pürierten, fermentierten Schlammfisch, verzehrte angebrütetes Entenei und verzichtete aufs Nachspülen: "Ich hab Eigeschmack in meinem Mund, und das ist geil." Tina legte sich wie geheißen in eine unterirdische Kammer, ließ sich von 20 Schlangen umkriechen und demaskierte den gespielten Horror dieser Szene, indem sie dabei lockeren Smalltalk betrieb: "Sonja? Du siehst fantastisch aus in dieser Staffel."

Am Ende wird Tina Dritte, Daniele erlebt, sichtlich enttäuscht, sein "Deutschland sucht den Superstar"-Zweitplatz-Déjà-vu.

Und Jennys Sieg schmeckt wie ihr Lieblingsgetränk, das man ihr nach bestandener Prüfung zur Belohnung servierte: "Es ist Eistee!", hatte sie glücklichst ausgerufen. Süße Fruchtigkeit ohne herben Beigeschmack, kein bitterer Abgang. Sicher sprach sie bei ihrer Krönung rührende Worte, aber mit den Gedanken und dem Herzen ist man da schon längst wieder beim Ex-Camper und genereller Super-Knalltüte Rolf Zacher, der gestern starb.

Er hatte seine Dschungelzeit als näselnder Fitzcarraldo absolviert, eine tolle Show. "Ich erwarte nichts. Wenn du was erwartest im Leben, bis du sowieso schon angeschissen", hatte er damals bei seinem Einzug gesagt. Ein Motto für die Ewigkeit. Und für das nächste Dschungelcamp.

Mehr zum Thema


insgesamt 52 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
fleischzerleger 04.02.2018
1.
So, Jenny hat also gewonnen? Ist das nicht die Schwester von.. von wem eigentlich? Also, die diesjährigen Rumlieger werden wohl nicht mal 3 Monate lang Baumärkte eröffnen können. Tina darf vielleicht in einem 3.Programm mal ein Medley ihrer besten Lieder singen - also genau eins - und das wars dann wohl.
reflexxion 04.02.2018
2. Es ist vollbracht!
Endlich vorbei mit Sieg einer Namenlosen und Unbekannten. Warum kann RTL ein so ausgelutschtes Format nicht einfach einstellen - ohne den Spaßvogel Dirk Bach R.I.P. ist die Sendung halt auch tot.
jelenpivo 04.02.2018
3. The air was away
Das war das langweiligste Dschungelcamp ever, ever, ever! Schuld daran ist das Personal. Die Dschungelprüfungen waren teilweise ekliger als sonst. Vermisst habe ich die lustige Prüfung mit den Autos und dem blinden Fahrer, der erklärt bekommt wohin die Reise geht. Vermisst habe ich auch so glanzvolle Kandidatinnen und Kandidaten wie Knappik, Marolt, Fleur, Fürst, Nick oder Heindle, Legat, Küblböck, Zacher, Gabriel. Abgegrast ist er, der "Promi"pool. Keine Ahnung wie das RTL da wieder rauskommt. Ich gönne Jenny den Sieg. Konsequenterweise hätte natürlich Tina Yorck gewinnen müssen. Die Kolummnen von Frau Rützel waren (wie immer) die Highlights. Danke, war diesmal echt schwer, diese Prüfung
pamhalpert 04.02.2018
4. Lernt man denn was draus?
Bin ja gespannt, inwiefern RTL Konsequenzen aus dem diesjährigen Camp zieht. Mittlerweile wäre eine Live-Berichterstattung über die Geschehnisse im Versace und den involvierten Begleitpersonen wohl interessanter, als das Camp selbst. Übrigens: RTL hat dke Abstimmungsergebnisse der letzten Sendung veröffentlicht (ich habe sie etwas old-school im Viddotext nachgeschaut): besonders deutlich hat Jenny nicht gewonnen: 54% für sie, 46% für Daniele. Ich werde den anrufenden Plebs nie verstehen. Wie kann man dieses kleine, dauer-wütende und dauer-nervende Individuum voller jugendlicher Selbstüberschätzung so gut finden, dass man dafür tatsächlich einen Hörer in die Hand nimmt?!
issernichsüss 04.02.2018
5. Wo waren die Promis?
Ich habe keine einzige Folge dieses Camps gesehen. Denn ohne Promis macht dieses Format doch gar keinen Sinn. Ein Helmut Berger war da schon ein Grund einzuschalten. Boris Becker wäre auch ein Grund reinzuschauen. Mal sehen ob die RTL-Macher nächstes Jahr mal wieder echte Promis auftreiben können...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.