Dschungelcamp Tag 4 "Die Kugel kam nicht - das war überhaupt die Sensation"

Es brodelt im Camp: Nicht nur in den Gabrielschen Gedärmen, auch zwischenmenschlich rumpelt es gewaltig. Außerdem entdeckt Wunderwesen David seine sprechenden Hoden. Let's getty to - siewissenschon.

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RTL

Schön langsam lohnt es sich, die winterfest weggepackte Schlümpfesammlung hervorzukramen: So viele Streitigkeiten gab es gestern im Camp, dass es sich übersichtshalber anböte, alle Konfro-Herde modellhaft in einer Familienaufstellung nachzuvollziehen. Falls keine Schlümpfe zur Hand sind, geht notfalls auch altes Obst verschiedener Faulheitsgrade. Ding, ding, ding, Ring frei!

Thorsten vs. Die Pottsau

Möglicherweise sahen wir gestern DAS neue RTL-Vorabend-Erfolgsformat. Arbeitstitel: "Die Ausscheider - Legi auf Urinstreife". Irgendwer erleichtert sich nämlich im Camp im Stehen und besudelt solchermaßen die Klobrille, das ruft Hobbyharnologe Thorsten auf den Plan. Sein Hauptverdächtiger ist Rolf. Auch im zweiten Splittercamp geschieht die Verdauung nicht ohne Reibungsverluste. Vor allem bei Gunter scheint mächtig Alarm im Darm, und er synchronisiert dessen Entleerung mit weithin vernehmbaren, wohlig-breiigem Ächzen: "Oh-jaa! Achtung, fertig, los, mmmh! Hörst du die Wälder rauschen? Ahhh!" Ohrenzeuge Ricky flüchtet sich singend in die heile, ausscheidungslose Welt von Schmusepuffel Barry Manilow. Gunter erzählt derweil Jenny von seiner Liaison mit einer Prostituierten, die ihm 'ne Knarre an den Kopf hielt und abdrückte, weil er sie partout nicht heiraten wollte. "Die Kugel kam nicht - das war überhaupt die Sensation."

Thorsten vs. Jürgen

Das war es vorerst mit der erwarteten Bromance im "Big Brasser"-Stil: Jürgen wirft Thorsten übersteigerten Ehrgeiz vor, obwohl der versichert: "Ich bin nicht versteift, Dschungelkönig zu werden! Ich will nur wissen, wo ein Thorsten Legat seine Grenzen hat." Das wollen wir freilich alle gerne wissen, vor allem, weil wir uns in sicherer Entfernung zu ihm befinden. "Der Vulkan kommt nicht raus, das ist das Problem", doziert Legat-Forscher Legat weiter, und bei diesem Bild ist man leider ganz schnell wieder beim Gabrielschen Presskonzert.

Thorsten vs. die Anatomie

Apropos Hintern: "Brauchst du 'ne führende Hand, die dir in den Arsch tritt?", fragt Thorsten bei einer erneuten Menderesschen Seelenausschüttung, und schon beim gedanklichen Nachvollziehen renkt man sich direkt ein paar Wirbel aus. Es geht um eine chronisch entzündliche Darmerkrankung, an der Menderes seit zehn Jahren leidet. "Was würdest du gerne ändern, um glücklicher zu werden?", legattet der Bilderstürmer weiter wie eine Mischung aus Fußgängerzonen-Sparschälerverkaufstandinhaber und windigem Motivationsshow-Impresario, und es würde einen nicht wundern, wenn er sogleich einen Zuber mit glühenden Kohlen hervorzaubern würde, um einen Feuerlaufparcours aufzuschütten.

David vs. Sonja Zietlow

Mimöschen David ist schon wieder beleidigt. Abermals habe Moderatorin Zietlow nach seiner absolvierten Dschungelprüfung ein Witzchen über ihn gemacht, was ihn maßlos kränke: "Meine Cojones sind aktiviert und möchten was sagen." In Kombination mit nachfolgender Werbung für eine neue RTL-Puppenspieler- und Bauchrednersendung entstehen da ganz ungute Bilder im Kopf, aber immerhin wäre durch sein kleinliches Lamento schon mal die Titelwahl für eine mögliche Ortegasche Post-Camp-Single gesetzt: "Pingelingeling, pingelingeling, hier kommt der Eiermann". In welcher Tonlage Davids zu Plaudertaschen erweckte Genitalbeulen wohl sprechen werden, wenn sie nun also bald ihre Stimme zum Testikeltalk erheben? Bassiges Dröhnen oder doch mehr so Meerschweinchenfiepen?

David vs. Menschenverstand

Eigentlich pöbelt David gegen den mit vorzeitiger Campflucht liebäugelnden Gunter, doch das fordert Kollateralschaden. "Warum reflektierst du mit einer Meinung, die in dir ist", fragt er, und zu Hause muss man sich ein paarmal langsam "Desoxyribonukleinsäure" und die ersten drei Strophen der Ballade "John Maynard" vorsagen, um beruhigt sichergehen zu können, dass das eigene Hirn durchaus noch vorschriftsmäßig funktioniert.

Höllena vs. Jenny

"Ich hab Sendezeit, ich hab Aufmerksamkeit, ich hab Presse" - so nonchalant kommentierte Höllena vor ihrer Prüfung noch ihre beständige Wiederwahl, wobei ihre Stimme dank mangelhafter Modulation und poröser Fernet-Branca-Anmutung zunehmend an Homer Simpsons Schwägerinnen Patti und Selma in ihren besonders fatalistischen Momenten erinnert. Die sehr lange, eher fade Dschungelprüfung, bei der die übliche Schlangen-Krebse-Spinnen-Mischung über Höllena und Duellantin Jenny ausgeschüttet wird, kann man dann bestens überbrücken, indem man sich vorstellt, die Fürstin sei wirklich eine reale Person, und es gebe irgendwo eine Parallelwelt, in der sie WIRKLICH Anwältin ist und mit dieser Frisur und Gossensprache regelmäßig vor Gericht auftritt. Aus ihren Haaren kann sie sich nach dem Camp übrigens eine hübsche Makramee-Hängeampel für Zimmerpflanzen klöppeln, die sind wieder im Kommen.

Basecamp vs. Snake Rock

Und dann holt sie einen nach fast zwei Stunden behaglicher Realitätsflucht doch noch ein, die komplizierte, bedrückende, außercampliche Wirklichkeit, weil der Dschungel plötzlich zu einer Parabel wird. Nach anfänglicher Trennung in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft werden nun nämlich beide Splittercamps zusammengelegt. Die Benachteiligten, von schmaler Reis-Bohnen-Kost schon leicht Ausgemergelten und Zerrütteten ziehen zu den Campkameraden, die derweil ein gutes Auskommen hatten und bislang täglich eine ausreichende Essensportion erhielten.

"Dass wir jetzt da sind, damit müssen die erst einmal klarkommen", sagen die Neuankömmlinge besorgt. "Bleiben die jetzt für immer?", fragen sich die Alteingesessenen entsetzt. Und beginnen sofort mit der Bestandssicherung: Natürlich werde man nichts von dem Essen abgeben, das Jenny im Duell mit Helena gewonnen hat, sagt Ricky, plötzlich gar nicht mehr grinsig: "Ja, die haben Hunger, aber das ist unser Essen, das haben wir uns verdient." Wobei er dazu genau genommen noch keinerlei Beitrag leistete. "Ab morgen sind wir dann ein Team. Die werden jetzt schon nicht sterben an ihren Bohnen und Reis." Sicher nicht, denn glücklicherweise hat Thorsten für sein Hungerteam schon einen schönen heißen Topf Kasalla-Suppe aufgesetzt. Vielleicht kennt Menderes als ausgewiesener Brechtfan ja auch dieses Zitat aus der Dreigroschenoper: "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral."

Zur Autorin
  • Anja Rützel, Jahrgang 1973, taucht im Trash-TV-Sumpf nach kulturellem Katzengold. In ihrer Magisterarbeit erklärte sie, warum "Buffy the Vampire Slayer" eine sehr ausführliche Verfilmung der aristotelischen Argumentationstheorie ist. Sie glaubt: "Everything bad is good for you" - und dass auch "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" tieferen Erkenntnisgewinn liefern kann. Seit April 2015 ist sie Autorin für SPIEGEL ONLINE.

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insgesamt 161 Beiträge
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asdfred 19.01.2016
1.
Langsam läufts doch. Die Staffel hat Potenzial.
bundesjogi 19.01.2016
2. Herrlich...
... So fängt ein Morgen gut an. Danke Frau Rützel! PS: Patty und Selma sind Homers Schwägerinnen, nicht seine Schwestern.
fleischzerleger 19.01.2016
3. Morbus Cerebrum
Nach der erschütternden Geschichte von Menderes warte ich darauf, wann David uns sein trauriges Leben mit Morbus Cerebrum erzählt.
caone 19.01.2016
4. marge
das sind die schwestern von marge simpsons. homers schwägerinnen also.
abu_simpel 19.01.2016
5. lucky punch verpasst
Chance verpasst liebe "base camper" : Hätte einer von euch sein Essen großherzig an die Bedürftigen des snake camps weitergereicht, dann hätte er schon mal fürs Finale buchen können. Brigitte, das wäre dein lucky punch gewesen.
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