Dschungelcamp Der Widerspenstigen Verschmähung

Am Ende siegte die Vernunft, das ist leider urfad: Melanie hat die achte Staffel von "Ich bin ein Star - holt mich hier raus!" gewonnen. Und die kleine Larissa wurde nicht Kaiserin des Dschungelcamps, sondern zweite Siegerin.

Von

RTL

Am Ende siegt patent über pathetisch, geht Strampeln über Straucheln. Fleißbiene Melanie, die sich extra für das Camp von einem Personal Trainer aufmuskeln ließ, einen Schamanen engagierte, der ihre Spinnenangst wegmurmelte, und als Abhärtungsprogramm schon vor dem Dschungel Ekelkram verzehrte, bestieg den Königsthron. Nicht Kaspar-Hauser-Kind Larissa, die durchaus glaubhaft vermittelte, nicht einmal ihren Vertrag gelesen zu haben und vor der Abreise ins Camp schon mit dem Packen ihrer Unterhosen überfordert war. Kein lauwarmer Scheinwettkampf, sondern ein echter Kulturen-Clash.

Dass es auf eine der beiden hinauslaufen würde, war im Verlauf der letzten Camp-Woche schnell klar geworden - spätestens seit Winfried sich im Rahmen der sattsam bekannten Krokodilsfuß-Affäre selbst den Weg zurück ins Hotel bohnerte und abwechselnd behauptete, seine Garstigkeit sei nur meisterlich gespielte Rollenerfüllung oder aber ganz allein den vermaledeiten Camp-Bohnen zuzuschreiben, die sein Bewusstsein getrübt hätten. Winfried in seiner Rolle als böser Mr. Bean hätte wohl als einziger Mitcamper eine Chance gehabt, zumindest am Thron zu rütteln, wäre er frühzeitig ins Büßerhemd geschlüpft.

Dauerbräsige Tanja sinnlos lange im Camp

Für das übrige Teilnehmerfeld hätte man statt des Wendlers manchmal einen erfahrenen Wender gebraucht, der phlegmatische Kandidaten kurz vor dem Wundliegen in regelmäßigen Abständen hätte umlagern können. Eine hübsch-grausame Fußnote der beeindruckend verständigen Zuschauer, ausgerechnet die dauerbräsige Tanja sinnlos lange im Camp zu halten, doch am Ende siegte leider auch hier die Vernunft, man ließ sie schließlich ziehen.

Überhaupt ist Melanies Krönung natürlich der Sieg des Patenten, Vernünftigen, Zielgerichteten. Das kann man angemessen und "verdient" finden, wie es in den Social-Media-Kanälen nun überall zu lesen ist, oder aber sehr langweilig. Natürlich hat sie sich angestrengt, ohne Murren und großes Federlesen alles geschluckt, was es zu schlucken gab, hat zur Räson gerufen, was aus der Reihe stolperte. Am Ende gerierte sich das - darf man das jetzt noch sagen? - Bumsfilmsternchen gar zur Karrierekrittlerin für die deutlich weniger zielstrebige Larissa.

Besonders unterhaltsam oder gar wichtig für die Dramaturgie dieser Staffel war Melanie freilich nicht, abgesehen von großzügiger Blankbusen-Beschau und späten Sentimentalitätstränen. Irgendwie ulkig, dass es selbst in solch einem abstrus-irrealen Setting wie dem Dschungelcamp dann doch die bürgerlichsten, fadesten Leistungskriterien sind, die abschließend belohnt werden.

Dabei zeigte eigentlich gerade das Finale, wie nebensächlich und langweilig die seit Anbeginn der Sendung immer gleichen Prüfungen inzwischen geworden sind. Nur die Poperzen, die zu verspeisen sind, werden immer größer: Galt es in frühen Staffeln, einen zierlichen, bonbongroßen Känguru-Anus zu verzehren, musste Jochen nun einen veritablen Emu-Arsch wegspachteln. Melanie allerdings musste selbst lachen, als sie sich für ihre finalen fünf Sterne durch eine Reihe geheimnisvoller Boxen grabbelte, in denen Fadgetier wie kleine Echsen und Nasenbeutler saß. In der letzten Box lauerte dann gar nur das Patschehändchen eines Camp-Rangers. Für so was bekommt man sonst beim Kindergeburtstag eine Knackwurst als Gewinn. Vorausschauend hatte Melanie diese Fummelprüfung noch mit einem frivolen Witzchen eingeleitet: "Manchmal will man nicht in jedes Loch." Dirty daherreden und sauber abliefern, offenbar ein Erfolgsmuster, natürlich eine Variation der alten Heilige-und-Hure-Chose.

Unken, Aale, Krebse

Nur Larissa quiekte und schrie bei ihrer letzten Prüfung wie eh und je, mit dem Kopf im Aquarium steckend, das sich immer mehr mit Wasser, Unken, Aalen und Krebsen befüllte. Kaum vorstellbar, wie die Staffel ohne sie gelaufen wäre. Wie ein Brandbeschleuniger kitzelte sie bei ihren Mitcampern schon in den ersten Tagen finstere Seiten hervor, die bei normaler Nervenbelastung erst nach veritabler Bohnen-Zermürbung in der zweiten Camp-Woche langsam ans Tageslicht kreuchen. Ob wir den herrischen Gemma-gemma-Mola, Wahnfried-Winfried und den geschmeidig zwischen Emo-Berater und Diskret-Mobber hin und her mäandernden Jochen ohne sie auf diese Weise zu sehen bekommen hätten? Die Entlarvung des inneren Sausacks mancher Teilnehmer, das war Larissas Leistung.

Natürlich war sie anstrengend, ganz sicher zerrte sie gehörig an den Nerven, niemals würde man auch als Larissa-Sympathisant mit ihr zu einer mehrwöchigen Rucksackreise durch Marokko aufbrechen wollen. "Bei ihr vermischen sich so Sachen wir Alpträume, Zeichentrickfilme, Heimatromane und ihr normales Leben zu einem ganz großen Film. Und den erzählt sie dann ganz einfach", sagte Jochen einmal über Larissa. Der ganz große Film, die übertriebene Geste, das immer eine Schippe zu Schrille und zu Dramatische: Mit Larissa war das Dschungellager Camp im doppelten Wortsinn.

Denn "Camp" ist nicht nur ein Zeltlager, sondern auch ein ästhetisches Prinzip, das die Schriftstellerin Susan Sontag in ihrem Essay "Notes on Camp" bekannt machte und das sich vom französischen "se camper" ableitet. Was so viel bedeutet wie "sich in übertriebener Pose präsentieren". Camp ist all das Überzogene, das Künstliche und Anstrengende, das so lustig sein kann, wenn man es aushält. Siegfried und Roy, Neuschwanstein, Benny Hill und "Twilight" sind Camp. Und eben auch Larissas slapsticksartige kleinen Unfälle, ihr beständiges Plumpsen, ihre wirren Einfälle und höchst verschrobene Bonmots. Für den Zuschauer lauter kleine Fluchtmomente aus seinem in der Regel ganz und gar un-campy Alltag. "Seht doch, was wir durchgemacht haben! Seht unsere Körper an!", rief sie in den letzten Minuten des Telefonvotings den Zuschauern zu. Herrlicher Pathos, den man in der Kantine, am Bankschalter, in der U-Bahn nur ganz selten erlebt.

Aber sicher: Das muss man mögen. So gewann also mit Melanie das genaue Gegenteil von Camp. Belohnt wurde die Normalisierung der Schrillnudel, des früher mal, es kommt einem schon ewig vor, grotesk aufgerüschten Porno-Madamchens, das sich im Camp abschminkt und alle dabei zusehen lässt. Und zeigt, dass es unter der Spachtelfassade ja ganz "nett", ja sogar, hurra, "normal" ist. Obwohl im Showbiz diese Qualität üblicherweise am wenigsten nachgefragt wird, brachte sie Melanie hier doch die Krone. Die Rückführung der Gestrauchelten in die bürgerliche Gesellschaft ist zumindest vorläufig geglückt.

War aber eh klar, dass alles so ausgeht. Immerhin war Larissas goldener Glücksbringer von der Oma, wie man nun erfuhr, kurz vor ihrer Abreise in den Dschungel noch unwiederbringlich hinter die Heizung gerutscht. Und so stolperte die Fallsüchtige dann also ein letztes Mal, kurz vor der Thronbesteigung. Macht nix. Hausbursche Engelbert wird die Kette alsbald aus der Heizung angeln, notfalls das ganze Ding dafür zerlegen, sagte Larissa - in einem letzten, die Nerven der Ordnungsmenschen nochmals auf Schönste reizenden Camp-Monolog.

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insgesamt 348 Beiträge
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Seite 1
volker_morales 02.02.2014
1. Frauenpower
mal anders.
meisterschlau 02.02.2014
2.
schade, jetzt muss ich wieder arte und 3sat gucken. :(
quanik 02.02.2014
3. Faszinierend
dass man über eine so sinnlose und hirnlose Sendung so viel heisse Luft produzieren kann. also wenn das mittlerweile das Niveau von Spiegel online ist, weiß ich zumindest warum ich die App wieder deinstalliere. ..
diegorivera 02.02.2014
4. Fair?
Fair, was ist das schon? Ich kann mir die dauernde Berichterstattung über diese sinnfreie Sendung nur mit finanziellen Zuwendungen erklären. Diese niveaulose Unterhaltung wäre normalerweise keine Zeile wert.
wolbek 02.02.2014
5. Wohl eher
Die Köningin der Verdammten
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