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Dschungelcamp-Dämmerung: Viele Maden, kein Speck

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Dschungelcamp-Finale: Bergab mit RTL Fotos
RTL

Quotenschwund und Pointenschund: Das Dschungelcamp war ein Desaster. Auch wenn sich dies bislang nur in wenigen Marktanteil-Prozentpunkten niederschlägt - es stellt die RTL-Gesamtstrategie des Balzens und Brechens infrage.

Am Ende haben die Dschungelcamp-Autoren dann doch noch eine Pointe gesetzt: "Es war dieses Jahr eine etwas andere Staffel, weniger Boulevard, mehr Feuilleton", sagte Moderatorin Sonja Zietlow bilanzierend in der letzten Folge. Ein Satz, der leuchtete wie zu den schönsten Zeiten des Unterhaltungsformats. Leider war er eine Lüge.

Denn das Dschungelcamp anno 2015 war eben weder Boulevard noch Feuilleton. Es bot keine Unterhaltung, es gab keine ironische mediale Selbstbespiegelung, und zu anthropologischen Studien in der Welt mysteriös zu Prominenz geratener Menschen taugte diese Staffel schon gar nicht. Trotzdem irgendwie reizend, wie Zietlow den nur folgerichtigen schleichenden Quotenverlust schönzureden versuchte.

Natürlich fuhr das Finale von "Ich bin ein Star - holt mich hier raus" auch diesmal locker den Tagessieg ein: 7,43 Millionen Zuschauer schauten die Sendung an, das entspricht einem, zugegeben, "Tatort"-verdächtigen Marktanteil von 32,8 Prozent. In der werberelevanten Gruppe der 14- bis 59-Jährigen erzielte RTL mit 5,47 Millionen Zuschauern sogar einen Marktanteil von 40,7 Prozent. Im Schnitt aber schalteten diesmal nur 6,79 Millionen Menschen ein (28,2 Prozent). Das waren gut eine Million weniger als letztes Jahr. Im Vergleich mit anderen Dschungelcamp-Jahrgängen rangiert diese Staffel nur auf Platz fünf.

Gewürm und Gebein in Masse

Klar, auch beim Dschungelcamp 2016, mit dem die Vermarktungsabteilung beim Kölner Privatsender dem Vernehmen nach schon fest plant, wird sich wieder überdurchschnittlich Werbung zu überdurchschnittlichen Tarifen akquirieren lassen, schon weil man eben die junge Kundschaft vor den Fernseher kriegt, die sonst eher YouTube schaut. Die Gesamtstrahlkraft aber, mit der RTL in den letzten Jahren immer wieder im Januar aus der Schmuddelkindecke heraus Hoheit über sämtliche Medien gewann, wird man nur schwer wiederherstellen können.

Zu ermüdet das Mainstream-Publikum, zu matt die Meinungsmultiplikatoren. Die Verantwortlichen der Berliner Boulevardzeitung "B.Z.", sonst ergebene Ekelcamp-Exegeten, brachen dieses Jahr die tägliche Berichterstattung ab. Wer konnte es ihnen verdenken. Dr. Bob ließ Gewürm und Gebein in Massen auf die Kandidaten niedergehen, die Ereignislosigkeit regierte weiter. Viele Maden, kein Speck.

Philosophisch beschlagene Dschungelcamp-Ausdeuter vom Schlage eines Mathieu Carrière, der die nihilistischen Aspekte des Friss-oder-stirb-Experiments noch von der Pritsche aus kommentierte, suchte man dieses Jahr ebenso vergeblich wie Möchtegern-Models wie Larissa Marolt, die 2014 in heldenhafter Weise über sich hinausgewachsen ist. Sehen wir der Wahrheit ins Gesicht: Die Dschungelcamp-Dämmerung ist angebrochen.

Mag der Quotenschwund für RTL auf den ersten Blick harmlos aussehen - stellt er doch das gesamte derzeitige Geschäftsmodell in Frage. Zu seinem Amtsantritt erklärte der Geschäftsführer Frank Hoffmann im Sommer 2013 noch, dass man journalistischer werden wolle. Reportagen sind im RTL-Programm jedoch auch heute so rar wie feministische Manifeste in der hauseigenen Unter-die-Haube-Show "Bachelor". Stattdessen setzt RTL eben weiter auf Casting-, Kuppel- und Demütigungsformate.

Doch die Menschen werden langsam müde vom Balzen und Brechen, vom Vorsingen und Vorführen. Der einstige voyeuristische Quotengarant "Deutschland sucht den Superstar" schlingert trotz des vermeintlichen Juroren-Coups Heino dieses Jahr bescheiden dahin, der ebenso voyeuristische "Bachelor" sackte 2015 ebenfalls ab. Keine Gewinner weit und breit.

Obwohl: Einen gibt es doch. Walter Freiwald, der dieses Jahr im Dschungel Sechster wurde und auf eine Karriere als Bundespräsident hofft, bekam angeblich ein Angebot, wieder beim Teleshopping-Kanal pearl.tv aufzutreten. So sehen Sieger bei RTL aus.

Mit Material von dpa

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1. totgeritten
ofelas 01.02.2015
in Deutschland eine Tugend, anderswo werde Formate vorher abgeloest (siehe Wetten Das)
2. Miss Langeweile
immerbesserwisser 01.02.2015
Noch nie wurde so eine langweilige Person als Dschungelkönigin gewählt. Eine brave, alternde Frau ohne Ecken und Kanten. Da muss wohl ein anderes Konzept her. Man hat den Anschein, dass hinter jedem Teilnehmer ein beratendes "Management" steht. Es sieht alles zu professionell aus. Und damit eben langweilig.
3.
Mars82 01.02.2015
Jedes Volk hat die mediale Unterhaltung, die es verdient.
4. Hoffentlich war das der Abgesang
kugelsicher 01.02.2015
Zitat SPON: Die Gesamtstrahlkraft aber, mit der RTL ... Hoheit über sämtliche Medien gewann, wird man nur schwer wiederherstellen können. Das sollte sich SPON wirklich zu Herzen nehmen und nicht nächsten Jahr wieder fast BILD 2 spielen, und jeden Tag groß hinterher hechelt kommentieren. Vielleicht sieht die an sich tolle Seite SPON bald ein, dass Glaubwürdigkeit und ein gewisses Niveau, sich langfristig stärker bezahlt machen, als die paar Mark die man am DC verdient. Wenn selbst die B.Z. das Handtuch wirft, hoffe ich weiß SPON was die Stunde geschlagen hat.
5. Tag Herr Buß,
stevie76 01.02.2015
es handelte sich um das Camp 2015, nicht 2014. Zum anderen ist das Konzept genial, nur ist es 100% abhängig von den Kandidaten. Stimmt da die Mischung nicht geht eben alles den Bach runter. Ich würde behaupten, auch Wetten dass hätte mit einem anderen Moderator eine Überlebenschance gehabt. Das mit Carriere ist völlig richtig, seit 2011 warte ich darauf, dass es im Camp wieder derart "knallt".
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Das Sexsymbol: Tanja Tischewitsch

Wer jetzt den Namen Tanja Tischewitsch googelt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren. Allein der Rapper Kay One hat als Juror bei "Deutschland sucht den Superstar" schon früh das Potenzial von Tischewitsch als klassisches Sexsymbol erkannt und sie konsequent an einer Karriere als Sängerin vorbeigefördert. Doch wie in jeder guten Aschenbrödel-Geschichte durfte nicht etwa Tischewitsch vor der neuen Dschungelcamp-Staffel für ein Herrenmagazin blank ziehen, sondern die bösen Stiefschwester-Kandidatinnen Heger und Kulka.

Der Herzensbrecher: Aurelio Savina

Wäre Aurelio Savina ein Vogel, er hätte die Anmut eines Pfaus, den Schnabel eines Pelikans und den Charakter eines Raben. Der Italiener aus dem nordrhein-westfälischen Hagen wurde durch die Fernsehshow "Die Bachelorette" auf ewig mit dem Trash-TV verkuppelt und von findigen RTL-Redakteuren auf die Rolle des Herzensbrechers reduziert. Der Titel "Modello più bello d'Italia" (schönstes Model in Italien) lastet auf ihm so schwer wie die Gewichte, die er als Frauenschwarm pflichtschuldig im Fitnessstudio heben muss. Ob es zum Absturz des Übermütigen kommt oder die Zuschauer wie Wachs in seinen Händen sein werden, entscheidet sich im Outback.

Die Zirkuskünstlerin: Rebecca Siemoneit-Barum

Aufgewachsen unter Schaustellern und Akrobaten blieb für die Tochter eines Zirkusdirektors lange nur die Rolle des traurigen Clowns. Mit ihrer Rolle als Iffi Zenker wuchs sie vor der nachgebildeten Stadthäuserfassade der "Lindenstraße" auf, was sie sicher schon als Kind total verwirrte: Die Handlung spielt in München, Drehort war Köln-Bocklemünd, dressiert wurde sie von WDR-Mitarbeitern. Keine Überraschung, dass sie nach dem Erwachsenwerden im öffentlich-rechtlichen Dschungel nun überprüfen möchte, ob nicht die ungehemmte Affenbande von RTL ihre wahre Heimat ist. In jedem Fall bleibt sie dem Zirkus treu.

Der Schiffbrüchige: Walter Freiwald

Was ist von einem Walter Freiwald zu erwarten, dessen Standardsatz bei der Dauerwerbesendung "Der Preis ist heiß" stets lautete: "Bitte nicht überbieten"? Jahrelang hing er am Haken von Harry Wijnvoord - und nun? Das Gesicht vom rauen Wind der Fernsehindustrie zerfurcht, die letzte Würde beim Teleshopping-Kanal verloren, resignierte Freiwald jüngst in einer Boulevardzeitung: "Mit 60 will mich doch kein Schwein mehr haben." Freiwald bindet sich an das Rettungsboot Dschungelcamp und hofft auf eine Rückkehr ans Fernsehfestland. Der Fisch, den er mit seinem Auftritt an der Angel hat, wird hoffentlich einen guten Preis erzielen und ihn für die Zukunft satt machen.

Die zweite Marolt: Sara Kulka

Die ehemalige "Germany's Next Topmodel"-Kandidatin und Gewinnerin der Reality-Show "Wild Girls - Auf High Heels durch Afrika" ist eine gewagte Personalie. Sicher wurde sie einem zuständigen RTL-Redakteur als neue Larissa Marolt verkauft. Stichworte: hübsch, taff, unberechenbar. Dann ist Dschungel-Gag-Autor Micky Beisenherz vielleicht noch ein lustiges Namenswortspiel eingefallen, und schon saß Kulka im Flieger. Das Problem: Oft sind Fortsetzungen eine Katastrophe. Siehe "Faust II", "Beverly Hills Cop", die Große Koalition, diese Dschungel-Kolumne. Manchmal passiert natürlich genau das Gegenteil und der Zuschauer erkennt, dass hinter dem kalkulierten Fernsehmodel in Wirklichkeit eine knallhartes Model aus dem Fernsehen steckt.

Die Grinsekatze: Rolfe Scheider

Wer in die traurigen Augen von Rolfe Scheider blickt, erkennt, dass man als Mann an der Seite von Heidi Klum einfach nicht glücklich werden kann. Als Jurymitglied von "Germany's Next Topmodel" traf Klum auf Scheider. Nun ist dieser dazu verdammt, als ewige Grinsekatze für andere Leute den Tee zu kochen, während sie mit anderer Jury munter weitertopmodelt. Geblieben sind "Rolfe aus Köln" nur seine Ausbildung zum Großhandelskaufmann im Butter-, Eier- und Käsesektor, ein alberner Spitzname und ein französischer Akzent. Oder, wie Ex-Klum-Mann Seal einst sang: "A change is gonna come." Dringend!

Die Hundeliebhaberin: Patricia Blanco

Dieser Frau kritzelte das Schicksal schon früh einen Satz aus dem literarischen Dadaismus ins Poesiealbum: "Komik ist Tragik in Spiegelschrift." Patricia Blanco ist als Tochter des Schlagersängers Roberto Blanco grenzwertige Unterhaltung gewohnt und tingelte deshalb durch die "Big Brother"-Container dieser Republik. Seit Jahren nutzt sie das Sprachrohr des poetischen Realismus "RTL Exklusiv", um ihre Nicht-Beziehung zum Vater und die Nicht-Ehe nach der Scheidung zu verarbeiten. Nur die Liebe zu ihrem Hund scheint ihr Halt zu geben.

Der Verstellungskünstler: Jörn Schlönvoigt

Kulturpessimisten könnten denken: Wieder so ein Soap-Darsteller, der es zwischen aufgenötigter Musikkarriere und dem Aktualisieren des Beziehungsstatus auf Facebook verpasst hat, etwas Anständiges zu lernen. Dabei parodiert "GZSZ"-Akteur Jörn Schlönvoigt seit zehn Jahren erfolgreich das klassische Handwerk eines Schauspielers. Im Vorabend von RTL entlarvt Schönling Schlönvoigt, wie nachhaltig sich die Wahrnehmung einer Gesellschaft manipulieren lässt, wenn man nur lange genug vorgibt, Talent, Charisma oder wenigstens Interesse an seinem Beruf zu haben. Nun hat Schlönvoigt mit seinen Täuschungsmanövern den nächsten Coup gelandet: Er hat sich nach Australien geschmuggelt, um in höhere Gesellschaftskreise aufzusteigen.

Die Buchstabenumdreherin: Maren Gilzer

Für die frühere hauptberufliche Buchstabenumdreherin vom "Glücksrad" wird es nun langsam ernst. Lange musste Maren Gilzer um Anerkennung kämpfen. Trotz Darstellung der Schwester Yvonne in der ARD-Krankenhausserie "In aller Freundschaft", einer Theaterrolle in der Ballett-Komödie "Schwanensee in Stützstrümpfen" und einer eigenen Mode- und Schmuckkollektion beim Shopping-Sender QVC blieb eine Würdigung ihrer Arbeit zu Lebzeiten bisher aus. Einerseits hat Gilzer das Dschungelcamp also gar nicht nötig, andererseits designt sie laut RTL-Pressetext bereits trotzig weiter an ihren Kollektionen. Künstlerin eben.

Der Boyband-Bandido: Benjamin Boyce

Benjamin Boyce stand mal als Sänger einer dieser längst vergessenen Boybands aus den Neunzigerjahren auf der Bühne: Caught in the Act. Wie bei einem Porträt von Dorian Gray wird Boyce in vielen ehemaligen Teenie-Herzen noch immer der schöne und eingeölte Dancer sein, obwohl sich in seinem Gesicht schon längst die Spuren eines sündigen Boyband-Bandidos eingeschlichen haben. Der Hochmut seines Gebets um ewige Jugend könnte im Dschungel nun zum Verhängnis werden. Vielleicht hat er auch längst das McFit-Abo gekündigt.

Die Kulleräugige: Angelina Heger

Da kann man mal sehen, wohin einen so eine ausgeprägte Naivität führt: Nur "just for fun" meldete sich Heger für das RTL-Format "Der Bachelor" an, scheiterte knapp im Finale, ließ sich jetzt für den "Playboy" fotografieren und das auch noch nackt. Wenn man wie die gebürtige Berlinerin doch später eigentlich beim Kindernotdienst arbeiten will, muss man bei dieser Karriere sicher häufig ungläubig die dunklen Kulleraugen verdrehen. So ängstlich und unsicher auf den Beinen hat man zuletzt Bambi gesehen, als der zierliche Weißwedelhirsch versuchte, das Kaninchen Klopfer und das Stinktier Blume als neuen Freunde zu gewinnen. Aber Schluss mit dem Zynismus: Bambi wird am Ende ja auch Fürst des Waldes.



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