"Ich bin ein Star...", Tag sieben Macht endlich was für euer Geld, ihr TV-Schmarotzer

Alle wollen Geld, keiner unterhält. Im Dschungelcamp verweigern die Kandidaten die ihnen zugedachten Rollen und schmollen über die angeblich miese Entlohnung von RTL. Da möchte man lieber von Walter Freiwald allein in den Schlaf gegrummelt werden.

Von

RTL

Walter Freiwald, selbstverschuldetes und selbstgefeiertes Enfant terrible des Camps, musste zum dritten Mal antreten zur Dschungelprüfung - und zum ersten Mal alleine, bislang hatten Kompagnons den grummeligen Arbeitslosen auf mittelmäßiges Erfolgsniveau gehievt. Die Aufgabe heute: In einer kriechtierbewohnten Küche Schlüssel finden, mit diesen Mülltonnen voller Altfleisch entriegeln, das Fleisch auf eine Waage schaufeln.

Walter lauschte den Anweisungen mit der wachen Aufmerksamkeit eines Kindes in der Trotzphase, das wirklich wohlinformiert entscheiden will, ob es gleich ausrastet oder nicht - und wählte dann doch die passive Verweigerung: Der Ex-Moderator schleifte sich durch die Küche wie ein Butler auf Valium, identifizierte Skorpione als Frösche, suchte nach Sternen statt Schlüsseln, begutachtete in aller Ruhe interessiert einen Mini-Waran.

Begleitet wurde das Ganze von gewohnt wirrer, aber durchaus selbstbewusst vorgetragener Selbstmoderation; heute flötete Walter etwas von Gammelfleisch und Himmelwiegen und titulierte Flusskrebse als "Onkels". Nach den sechs Minuten sah der 60-Jährige, rotgesichtig und das Haar wie durch einen Jumbo-Lockenwickler zauselnestig aufgetürmt, trotzdem so hinüber aus wie nach einem Triathlon. Das Ergebnis seines Scheiterns in Seelenruhe: ein Stern.

Yeah, ein Stern! Auf Walter Freiwald  ist als Entertainer Verlass
RTL

Yeah, ein Stern! Auf Walter Freiwald ist als Entertainer Verlass

Das war alles heiter; nur kamen leider auch die anderen Dschungelbewohner zum Zug, bei denen sich - ausgenommen Rolfe, der eine tatsächlich berührende Geschichte über den Tod seiner Eltern erzählte - immer mehr der Verdacht auf übelstes TV-Sozialschmarotzertum einschlich; weil alle Knete wollen, ohne irgendwas dafür zu tun.

"Ich entertaine halt Leute und bekomme dafür mehr Geld", sagte Bachelorette-Relikt Aurelio. Zumindest der erste Teil des Satzes ist glatter Unfug, beschränkte sich sein Entertainment im Dschungelcamp doch bislang darauf, eine einzige Prüfung mit dem anbiedernden Engagement eines Klassensprechers mittelmäßig zu meistern. Heute sagte er gar: "Ich versuche, mich aus den Dingen immer ein bisschen rauszuhalten."

Da möchte man als Zuschauer instinktiv die GEZ-Karte ausspielen und ihm zurufen, man habe ihn dafür aber nicht bezahlt - aber das hat man ja auch nicht, sondern RTL, die den lahmen Deeskalations-Italiener rundfunkbeitragsfrei engagiert haben. Genauso, wie die mit jeder Folge enttäuschter aussehende Patricia Blanco: "So eine Volksverarsche", grantelte der Schlagersprössling. Und meinte nicht in einem Anflug von Selbstreflektion das Camp an sich, sondern ihre Entlohnung durch RTL. DSDS-Sternchen Tanja Tischewitsch fand Kellnerjobs "ätzend", und weil das Augenbrauenhochziehen nicht reichte, um ihren Ekel vor richtiger Arbeit auszudrücken, ließ sie gleich das ganze Gesicht mimisch eskalieren.

Will mehr Geld von RTL - aber wofür? Patricia Blanco beim Schlammbad
RTL

Will mehr Geld von RTL - aber wofür? Patricia Blanco beim Schlammbad

Es ist schade, dass RTL diesem Haufen - wenn schon nicht den Lohn - nicht wenigstens die Aufmerksamkeit der Kameras entzog. Die Zuschauer immerhin wussten, was sie an Walter hatten, und wählten ihn abermals in die nächste Dschungelprüfung.

An seiner Seite: Angelina, die RTL durch viele unschmeichelhafte Szenen in die kommende Prüfung brachte: "Mit meinen Kräften wird es sehr, sehr eng", informierte die zunehmend fahlhäutige und liegenlägrige Ex-Bachelor-Aspirantin. Was seltsam ist, denn auch sie scheint seit Tagen gar nichts zu machen, außer die eigene Befindlichkeit zu hegen und nach Schokolade zu geifern (die ihr auch heute verweigert wurde). Das fanden auch die anderen, Benjamin Boyce bescheinigte ihr "Divamäßigkeit", Maren Gilzer kramte gar Erziehungswortschatz aus den Sechzigerjahren hervor: "Ich würde dem Mädchen die Ohren langziehen."

  Fratzenalarm: Maren Gilzer will Angelina die Ohren langziehen
RTL

Fratzenalarm: Maren Gilzer will Angelina die Ohren langziehen

"Man munkelt, Walter wäre der erste, der sich reingekauft hatte", sagte Sonja Zietlow irgendwann in der Sendung. Falls das stimmt, kann man nur sagen: Gott sei Dank. Tatsächlich ist er der einzige, dem man wirklich gönnen würde, aus dieser Staffel Kapital zu schlagen. Am besten wäre es, alle anderen rauszuschmeißen, und Walter im Dschungel bis in alle Ewigkeit grummeln zu lassen: Am liebsten über die gute, alte Zeit des Privatfernsehens, als er dort selbst noch Sakkos mit Schulterpolstern und breitgemusterte Krawatten trug, und es noch gar keine abgestellten und mittellosen Promis gab, weil bei GZSZ noch nicht genügend ausgestiegen waren und Big Brother nur in Holland lief.

Das wäre dann aber vermutlich kein werbeeinnahmenträchtiger Quotenrenner mehr, sondern eher so eine Sendung, die man guckt, wenn man nachts nach vier Gin Tonic nach Hause kommt und noch ein bisschen Berieselung braucht. Bisher ließ man sich von "Deutschlands schönsten Bahnstrecken" einlullen oder von Bob Ross. Walter würde einen eben in den Schlaf nörgeln. Schön wäre das.



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insgesamt 176 Beiträge
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Seite 1
chagall1985 23.01.2015
1. Dem Kommentar gibt es nichts hinzu zu fügen
Einfach treffend und auf den Punkt. Was soll man noch sagen? Sie hat 100% meine Meinung zum Ausdruck gebracht. Das schlechteste Casting Ergebnis ever, ever, ever, Punkt
Khaled 23.01.2015
2. Mir wurde beim Ansehen dieser gestrigen
Episode wieder klar, wie fantastisch das Dschungelcamp im vergangenen Jahr war... nämlich natürlich das beste ever, ever und so kulturell wertvoll wie mindestens 10 französische Problemfilme oder zwei Grassromane (nur spannender) oder ein paar Seiten von Thomas Mann. Larissa Marolt und Wilfried Glatzeder sind leider nicht so schnell zu toppen...
Hosni 23.01.2015
3. Nett...
.. sind sie ja, die "ich möchte auch mal ran" Kritiken, aber , aber, an die "Mutti allen Bösen" kommen sie leider nicht ran.... Anja!!!! Ihr kurzer Block rocknruetzel entschädigt......
icr 23.01.2015
4. RTL inszeniert
die unerträgliche Leichtigkeit des Seins - aber nicht selbige von Milan Kundera sondern Walter Freiwalds Interpretation nach Gerhard Polt. Der Spass vorheriger Staffeln - die hemmungslose Gegen- und Selbstzerfleischung der Dschungeldarsteller - entgleitet trotz unmotiviert rumzappelnd singender Sonja Zietlow. Dirk Bach, wir vermissen Dich!
Peter Lublewski 23.01.2015
5. Nach zehn Minuten Camp
von einer halb aufrechten, herum lungernden Position auf dem Sofa in eine bequemere, horizontale Position gewechselt, nach einer weiteren Minute ins Land der Träume gelangt, gegen 00.30 Uhr wie gerädert aufgewacht. Danke für die Spannung, Dschungelbewohner.
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