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12. Januar 2013, 10:02 Uhr

Dschungelcamp, Tag 1

Im Gestrüpp der finsteren Seele

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Niemand wollte es so, doch mit dem Verlust Dirk Bachs ist das Dschungelcamp erst vollständig geworden. Lustig, eklig und überraschend war es schon immer. Jetzt zeigt sich: RTL kann selbst mit Trauer große Unterhaltung bieten.

Der Dschungel führt uns bis an die Grenze.

Und darüber hinaus. Wenn Sie mir bitte folgen wollen, wir überschreiten sie gleich. Aufgepasst! Da vorne beginnt der Urwald. Vorher aber noch eine kleine Formalität, wenn Sie bitte hier unterschreiben wollen, direkt unter: "Ich will unterhalten werden." Danke schön. Jetzt muss ich Sie kurz durchsuchen. Doch, das darf ich. Ja, was haben wir denn da? Tut mir Leid, der Sinn darf nicht mit ins Camp, den müssen Sie hier abgeben, aber das macht gar nichts, er würde Sie jetzt sowieso nur stören. Sie bekommen ihn später wieder.

Wir sind zwar noch ganz am Anfang unseres Weges. Aber vor uns, so viel lässt sich bereits nach der ersten Folge dieser siebten Staffel von "Ich bin ein Star. Holt mich hier raus!" sagen, liegen zwei Wochen Privatfernsehen in höchster Vollendung. Viele Sendungen versuchen, die erledigten Erwerbstätigen nach einer harten Arbeitswoche am Feierabend zu unterhalten, keiner gelingt es wie dem RTL-Dschungelcamp. Gesteuert von einer überaus professionellen Produktion ruft die Show eine nahezu komplette Bandbreite von Gefühlen bei den Zuschauern ab.

Zuerst ist da Misstrauen. Wie will, wie kann RTL mit dem Verlust des prägenden Präsentators Dirk Bach umgehen? Wie will der Sender das offenbar unverantwortliche Risiko rechtfertigen, die unberechenbare Schauspielerruine Helmut Berger in den Dschungel geschickt zu haben? Und überhaupt: Haben wir nicht schon genügend Madenverspeisungen, Zickenkriege und Lagerkoller gesehen in den letzten Jahren, kann das überhaupt noch und wieder funktionieren?

RTL lässt Dirk Bach fehlen

Schnell folgt angenehme Überraschung. Das Wort mag im Zusammenhang mit dieser Show unpassend klingen, aber so ist es nunmal: Mit viel Würde tritt Sonja Zietlow zunächst alleine vor die Kamera, ihr neuer Kompagnon bleibt noch hinter einem Vorhang versteckt, es ist das angemessene erste Bild. Da steht nicht einfach ein Ersatz neben ihr für den genialen Komödianten Bach, sondern: RTL lässt ihn fehlen. Und Zietlow bittet die Zuschauer um ihren Beistand ("Das wird nicht leicht"), auf so eine angenehm ehrliche, dabei aber doch lustige Weise, dass man gar nicht anders kann, als sie zu mögen.

Die zweite Überraschung des Abends ist Helmut Berger. Hatte man doch befürchtet, der gealterte Weltstar würde es kaum ohne Zusammenbruch vom Flughafen bis zur Hotelbar schaffen, zeigt sich schnell: Berger ist längst nicht so kaputt wie erwartet. Er hält es offensichtlich sogar zeitweise ohne Alkohol aus.

Und schnell stellt sich die Erkenntnis ein: Es wird auch dieses Jahr wieder funktionieren. Das einmal mehr teuflisch gute Casting hat diesmal eine selbst für Dschungelcamp-Veteranen erstaunlich bizarre Besetzung hervorgebracht. Schon von der ersten Minute des ersten Zusammentreffens der Teilnehmer an sind die Rollen klar verteilt. Es sind drei wohlproportionierte Zicken vertreten, die sich vor Kakerlaken ekeln, ihre Körper zur Schau stellen und sich ansonsten gegenseitig anfeinden werden. Ihren Gegenpart bilden zwei junge Männer, Mucki-Figuren aus dem Trash-TV-Universum. Das ist alles Routine, die Namen und sogenannten Berufe soweit völlig unspektakulär.

Erste Maden werden verspeist

Erhofft interessanter, aber bisher völlig farblos geblieben sind die Promi-Tochter Allegra Curtis, der Kaufhaus-Erpresser Arno Funke sowie die Katzenberger-Mutter Iris Klein. Erwähnenswert ist immerhin Joey Heindle, ein 19-Jähriger Castingshow-Dropout, der sich durch unkontrolliert dummes Geschwätz auffällig macht und damit wahrscheinlich in kürzester Zeit seine Mitbewohner in den Wahnsinn treiben wird. Ungläubig lachend hört man ihm zu: Wie kann einer so doof sein?

Bemerkenswert von Beginn an: Olivia Jones, eine gefühlt zwei Meter zwanzig große Reeperbahn-Transe, die sich sofort als emotionales Zentrum des Camps etabliert, als Vertraute und Helferin von Helmut Berger ebenso wie als Stimme der Vernunft für die anderen Teilnehmer. Selbstredend wird sie zur ersten Teamchefin gewählt. Noch nie war so schnell klar, wer den Dschungelthron besteigen wird, und sollte es bei "Ich bin ein Star. Holt mich hier raus!" tatsächlich nur darum gehen, dann könnte diese Staffel nach der Auftaktfolge beendet werden.

Aber es geht natürlich wieder um sehr viel mehr. Um nichts weniger nämlich als um die Frage, was sich verbirgt hinter den Masken dieser sogenannten Prominenten, noch grundsätzlicher: Was den Menschen ausmacht, wie weit er geht in der Ausnahmesituation des australischen Dschungels. Vor der Kamera und vor dem Fernsehgerät. Wie weit wird uns RTL diesmal bringen?

Folgen Sie mir bitte noch weiter, wir sind bald da. Vorsicht, es könnte rutschig werden. Wir schlittern jetzt immer tiefer hinein. Routiniert nimmt die Show ihren Lauf, erste Maden werden verspeist, erste Verwerfungen und Allianzen im Camp kündigen sich an. Über allem thront Helmut Berger, "unser Bürgermeister" (Olivia Jones). Selbst im Liegen ist er interessanter als die herumhüpfenden Hampelmänner, die sich mit den Worten "Dieter Bohlen wäre stolz auf dich" zu Höchstleistungen anspornen. Berger muss nur schauen, ab und zu auflachen, eine geradezu weise Bemerkung fallen lassen. Das ist ein wahrer Star. Nur zu gerne wüsste man, was Berger nachts am Feuer über Klaus Kinski erzählen könnte. Schon allein deswegen würde es sich lohnen, diese Sendung weiter anzusehen.

Wir heulen Rotz und Wasser

Ein vielversprechender Jahrgang, wir bleiben dran. Und am Ende, man denkt sich gerade, hat er doch ganz gut gemacht, der junge Daniel Hartwich, nicht zu aufdringlich ist er Dirk Bach nachgefolgt, das Zusammenspiel mit Zietlow wird sich weiter entwickeln, das haben sie jetzt schon sehr ordentlich hinbekommen, es war nicht leicht - da erwischt uns RTL mit voller Wucht. Zietlow und Hartwich haben sich verabschiedet, da sehen wir Dirk Bach, einen Zusammenschnitt aus seinen Moderationen, wir sehen, was für ein großartiger, liebenswerter Komödiant Bach gewesen ist, und wir erkennen, wie sehr er fehlt. Und wir heulen Rotz und Wasser.

Auf eine Art und Weise, die niemand gewollt hat, ist das Dschungelcamp durch den Verlust Dirk Bachs erst vollständig geworden. Es war schon immer lustig, eklig, überraschend. Jetzt ist es auch noch traurig. Nicht über das Schicksal Pola Kinskis weinen wir, über die Lage in Syrien oder die der SPD, sondern es ist eine Trash-TV-Sendung im Privatfernsehen, die uns knackt. Sie haben es oben unterschrieben, Sie wollten es nicht anders: So werden Sie unterhalten.

Hut ab, RTL. Willkommen im Herzen der Finsternis.

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