Neue "DSDS"-Staffel: Bist du dick, sing was von Adele

Von Felix Bayer

Dem Casting-Dino "DSDS" laufen die Zuschauer weg, eine verjüngte Jury soll's nun richten: Und so versprühten die Kaulitz-Zwillinge ein bisschen Bübchen-Charme, verblassten aber neben Radau-Experte Bohlen. Fans der Show konnten sich immerhin über eine neue fiese Falle für die Kandidaten freuen.

DSDS: Bohlens neue Bübchen Fotos
DPA

Die zehnte Staffel von "Deutschland sucht den Superstar" ist eine Prüfung für drei der vier Mitglieder der "härtesten Jury aller Zeiten" (RTL-Eigenwerbung). Als jemand, der stets mit Zahlen argumentiert, mit Verkaufszahlen und Einschaltquoten, muss Dieter Bohlen sich auf dem absteigenden Ast sehen: Branchendienste verkündeten, noch nie habe eine "DSDS"-Finalsendung so wenige Zuschauer gehabt wie die von 2012, es wurde schon die "Dieter-Dämmerung" ausgerufen - die sich durch die ebenfalls bröckelnden Zuschauerzahlen der herbstlichen "Supertalent"-Staffel nicht aufhellte.

Die Reaktion Bohlens: der richtige Verweis auf das hohe Niveau, auf dem hier gejammert werde, das trotzige Betonen historischer Errungenschaften ("die einzige Castingshow in Deutschland, die immer Nummer Einsen generiert hat", dieterte er in der Sendung vom Samstagabend ins Mikrofon).

Und eine komplette Auswechslung des restlichen Personals: Neu sind die routinierte Nazan Eckes und der "GZSZ"-Schauspieler Raúl Richter, die wegmoderieren, was zu moderieren ist, und das ist in den Casting-Zusammenschnitten zum Staffelstart nicht viel.

Bohlens immergleiche Sponsorenhemden

Mit mehr Spannung wurde erwartet, wie sich die Kaulitz-Brüder in der Jury schlagen würden. Seit 2010 hatten sich die Tokio-Hotel-Stars in der Öffentlichkeit rar gemacht und waren nach Los Angeles gezogen. "DSDS" soll nun die Rückkehr ins deutsche Rampenlicht bringen. Von der Neugier darauf, ob die beiden nun 23-Jährigen in Kalifornien plötzlich erwachsen geworden sind, wollen auch Bohlen und RTL profitieren.

Der erste Blick auf die Kaulitze ist vielversprechend: Auf dem roten Teppich, den man der Jury fürs erste Casting hingelegt hat, sieht Sänger Bill im gedeckten Kurzmantel sehr dandyhaft aus, die alte Zweifarbfrisur ist weg, der Schopf steht blondiert nach oben - nur die Piercings in Mund und Nase stören ein wenig den gereiften Gesamteindruck. Bruder Tom ist hingegen den Dreadlock-Zöpfen treu geblieben, sie sind jetzt dunkel.

Dass hier so viel vom Aussehen die Rede ist, hat seine Berechtigung schon deshalb, weil Bill Kaulitz sein Modefaible in der Show sehr auslebt: Die Sendung ist ja bekanntlich zusammengeschnitten aus mehreren Castingterminen, und man könnte sich auch nicht darum herumschummeln, denn wir sehen unter anderem: den Intellektuellenbrillen-Bill, den Straußenfedermantel-Bill, den White-Trash-Jäckchen-Bill - immerhin eine willkommene optische Abwechslung zu Dieter Bohlens immergleichen Sponsorenhemden.

"Verkackt, ne?"

Doch in den Wortbeiträgen kommen die Tokio-Hotel-Zwillinge bisher nicht über den Status von Bohlen-Beisitzern hinaus. Nahezu ausnahmslos werden die Einschätzungen des "DSDS"-Chefs übernommen und bekräftigt, von Bill in niedlich ungelenken Formulierungen wie "Das hat mich komplett erreicht", von Tom mit etwas mehr Schwung und mit einem sehr freundlichen, bubenhaften Lächeln. Alles recht nett - doch sollten die Brüder geplant haben, den großen Imagewandel einzuläuten, so muss man konstatieren: Nein, wer sie früher hasste, wird sie jetzt nicht plötzlich lieben.

Nur der vierte Mann, Mateo von Culcha Candela, kann recht entspannt am Jurybänkchen sitzen, denn die Masse des Fernsehpublikums mag zwar die Hits seiner Band kennen ("Hamma!", "Monsta"), verbindet aber wenig mit ihm persönlich. Da kann er nur gewinnen, der 33-Jährige, man könnte das den BossHoss-Effekt nennen: Seit die beiden Countrysänger als "The Voice of Germany"-Juroren Hitsingles und Werbeverträge an Land ziehen konnten.

Beim Staffeldebüt bleibt der Glatzkopf von Culcha Candela allerdings eher blass, er fällt vor allem durch ein mit tiefster Charmeur-Stimme vorgebrachtes "Hallöchen!" auf, mit dem er ein aufgedonnertes Kandidatinnen- und Schwesternpaar begrüßt. Ach ja, genau, gesungen wird ja auch: Dieter Bohlen hatte im Vorfeld ein "Kandidaten-Problem" beklagt, doch stellt ja "Deutschland sucht den Superstar" schon seit langem die spezielle Schicksalsgeschichte vor das Sangestalent.

Bei den Kurzcharakterisierungen der gleich zu vernichtenden Kandidaten hat es die Show zu einer zynischen Meisterschaft und Routine gebracht, und so ist absehbar, was mit dem Leipziger Libanesen los ist, der Xavier Naidoos "Dieser Weg" ohne jedes Rhythmusgefühl auf sich selbst umdichtet, und mit dem Hamburger, der sich mit seiner jugendlichen Delinquenzkarriere brüstet, dann aber nicht mal Xavier Naidoo auf seinem MP3-Player findet und mit einem trockenen "Verkackt, ne?" abtritt.

Neue Qualität der Fiesheit: Ab in die Schleuse

Auch Bohlens Spottsprüche bewegen sich im üblichen Fäkalmilieu. Eine neue Qualität der Fiesheit hat allerdings die zur zehnten Staffel eingeführte "Schleuse", ein kleiner Raum, in dem die Kandidaten vor ihrem Gang in den Jurysaal noch einmal kurz allein sein dürfen. Jedoch: Natürlich ist die Kamera dabei. Und während die Kandidaten versuchen, sich den letzten Schliff zu geben für einen guten ersten Eindruck vor der Jury - sehen die Juroren schon feixend die Bilder aus der Schleuse.

"Ein bisschen spooky ist das ja", sagt Nazan Eckes noch, bevor die Nichtsahnenden beim Zurechtruckeln des Dekolletés vorm Spiegel, bei albern aussehenden Lockerungsübungen oder beim Handstand (mit verpixelter Schampartie) gezeigt werden - natürlich begleitet von einem hämischen Off-Kommentar.

Umso menschenfreundlicher versucht man sich hingegen bei den Kandidaten zu geben, deren Äußeres nicht so ganz dem Popstar-Standard entspricht. Ob es nun Daniel aus dem Schwarzwald ist, der von Mutti ein heiliges Wässerchen mitbekommen hat. Ob es Micha aus Kassel ist, ein stämmiger Lagerfeuersänger, der seine eigene Stimme nicht mag. Oder ob es Gilbert aus der Mosel-Gegend ist, der schon als 13-Jähriger in einer Luxemburger Castingshow verspottet wurde: Es ist schon auffällig, dass seit dem Welterfolg von Adele die Dickeren eher durchgewunken werden - meistens singen sie dabei Lieder von Adele. So groß allerdings ist der Veränderungswille von RTL wohl nicht einzuschätzen, als dass mehr als allerhöchstens ein oder zwei von ihnen die Recall-Runden überstehen werden.

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insgesamt 51 Beiträge
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1. gibt es das noch?
roki007 06.01.2013
das rtl hier noch weitermacht. dachte dsds ist seit letztem jahr endlich geschichte.
2. optional
silberstern 06.01.2013
Der Autor sollte den Text nochmal eindringlichst Korrektur lesen (lassen)...
3. Stilfrei und gnadenlos: DSDS
BettyWuth 06.01.2013
Erstaunlich, dass hier noch selbst über ein Fernsehformat geschrieben wird, dass eigentlich längst das Zeitliche gesegnet haben müsste. Die Beliebtheit von DSDS liegt selbst weit hinter der ehemals von Gottschalk moderierten "Wetten dass...?"-Sendung. Eine Sendung, die sich seit vielen Jahren stilfrei und gnadenlos auf die Fehler und kleinen Unebenheiten der Gesangskandidaten stützt und jugendliche Energien lediglich für den eigenen Profit im Kapitalismus Deutschlands verheizt, ist es wahrlich nicht wert, auch nur noch annähernd erwähnt zu werden.
4. Wie 'ne explodierte Kuh...
eichefranz@googlemail.com 06.01.2013
...sah der eine Kaulitzbube zu Anfang aus. Und präsentierte sich bei jeden neuen Beitrag im neuen Altkleider-Container-Outfit.Mein guter Geschmack litt bei dieser Sendung an Auge und Ohr.
5. Warum
thilosc 06.01.2013
Soll man sich das noch ansehen? Ist eh immer das Gleiche. Friseurinnen mit Migrationshintergrund hoffen auf eine dreimonatige Karriere und werden dabei von einem ältlichen Herren beschimpft. Das kann ich auch im Wohnblock im Treppenhaus haben.
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