DSDS-Finale Abrissbirne im Redundanzmousse

"Babo, das war supergeil", sagt Juror Heino, und damit ist das Elend des "Deutschland sucht den Superstar"-Finales sehr gut zusammengefasst. Und Severino gewinnt das goldene Instant-Album.

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Heino und Severino: Affengeil
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Heino und Severino: Affengeil


Es surrte, es brummte, dazwischen waren plingende Echolot-Töne zu hören. Und für ein paar lange, wunderschöne Sekunden durfte man sich an die Idee anschmiegen, man befände sich einfach nur in einem wahr gewordenen Science-Fiction-Film. In dem das hochintelligente, empathiefähige, schönstgeistige Alienvolk aus dem All den perfekten Zeitpunkt gewählt hat, um mit ihren Raumschiffen die nachweislich unrettbar marode Erde dann also endlich zu kapern: Den mit Großraumdisco-Lichteffekten untermalten Pompös-Einmarsch der Jury beim Finale der zwölften Staffel von "Deutschland sucht den Superstar".

War dann aber leider doch nichts mit Außerirdischen-Invasion, das Piepsgebrumm versiegte, und die Show nahm ihren planmäßigen Lauf. Vor ein paar Tagen hatte der US-TV-Sender Fox verkündet, die Show "American Idol" - das Vorbild aller weltweiten Starsuche-Ableger - nach der 15. Staffel einstellen zu wollen, und wenn man sich das nicht ohnehin schon fragte, war das natürlich ein guter Anlass, um über die Zukunftstragkraft der deutschen Variante nachzudenken. Ohnehin hatte es die betagte Talentsuche in ihrer 12. Staffel mit einer Magerversion versucht, die absurderweise zur größten Show überhaupt aufgepumpt werden sollte: Statt in wöchentlichen Mottoshows wurden die Kandidaten in drei aufgezeichneten Eventshows dezimiert.

So sehr die Sendung trudelt, so dick wurde ihr das Showrouge aufgespachtelt, wie einer schwindsüchtigen Erbtante fürs vielleicht finale Familienfoto: Alles affengeil, megageil, ultrahyperpremiumsupergeil, oberhammergalaktischbombastischgeil, sagen Kandidaten, Moderator Oliver Geissen und Jurymitglieder. Affengeil, sagt das überhaupt noch jemand außerhalb von DSDS?

Heino wusste die schmerzhaft peinliche Kindersprache-Ranschmeiße sogar noch mit einem an Kandidat Severino Seeger gerichteten "Babo, das war leider supergeil" zu toppen und zeigte wenig später dann deutlich, wo seine wahren Referenzgrößen liegen. Indem er Kandidatin Vivana Grisofi mit Caterina Valente, anno 1955, verglich.

Instant-Musik aus der güldenen Fix-Tüte

Wieviel technische Produktionsökonomie, wie wenig Rest-Seele inzwischen im DSDS-Format steckt, zeigte Jurychef Dieter Bohlen schon gleich bei der Begrüßung der Finalisten, als er drei dünne, leicht verknickte goldene Umschläge schwenkte. In ihnen befänden sich die Debütalben für jeden möglichen Sieger, so Bohlen routinelässig: Titel, Texte, Arrangements, alles schon fertig. Instant-Musik aus der güldenen Fix-Tüte.

Leider keine Alieninvasion
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Leider keine Alieninvasion

Nur die Entscheidung musste noch getroffen werden, wer den Fertigmampf schließlich aufessen sollte. Zur Vorstellung der Kandidaten zeigte man also gleich mal einen Einspielfilm des furzenden Finalisten Antonio Gerardi, dem vermutlich besten Sänger des Wettbewerbs, der folgerichtig als erster gehen musste.

Der verbleibende Gesangswettwerb zwischen Viviana und Severino bestand schließlich aus Wiederholungen in immer kürzeren Abständen: Beide präsentierten ein Lied, das sie schon in einer vorangegangenen Sendung dargeboten hatten: Viviana beispielsweise sang "Wrecking Ball" von Miley Cyrus: "I came in like a wrecking boah / I never hit so hard in loah." Dann kamen Xavier Naidoo samt Söhne Mannheims, um ihrerseits eine olle Kamelle noch einmal weich zu lutschen, ihren Hit "Geh davon aus" nämlich - und wurde der Refrain eigentlich schon immer so oft wiederholt?

Schließlich sangen beide Finalisten noch nacheinander dasselbe Siegerlied, "Hero of my heart", komponiert von Dieter Bohlen mit äußerst erwartbarem "goodbye/one more try", "years/fears" und "apart/heart"-Reimschema. Und dann wurden sämtliche Wiederholungen in kleinen Schnelldurchläufen nochmals wiederholt, ein klebriges Redundanzmousse.

Ansprache wie bei der Entlassfeier

Unmittelbar vor der Verkündung des Siegers oder der Siegerin schwadronierte Geissen schließlich eine Zeitschinde-Rede zusammen, die man gerne in Gänze griffbereit als Reclam-Heftchen hätte, falls unser schnelles Leben mal wieder zu aufregend wird.

Als hielte der Rektor die finale Entlassfeier-Ansprache an der Büffeluniversität und müsse diese künstlich in die Länge ziehen, weil nebenan beim Büffet noch hastig die Mayonnaise in die russischen Eier gespritzt werden muss, und zwar ungefähr so: Ihr habt es geschafft, vor einem Jahr hat eurer Traum begonnen, jetzt seid ihr am Ziel, ihr habt euch durchgekämpft, heute steht ihr im Finale, ihr seid Finalisten, ihr seid die besten der Besten, DSDS ist Kult, ihr habt der Staffel euren Stempel aufgedrückt, ihr seid jetzt schon Stars, die Leute lieben euch, heute sind alle eure Freunde und Familien da, ein unglaublicher Weg liegt hinter euch, bald ist er zu Ende, es kann nur einen Sieger geben, Dieter Bohlen kennt sich aus mit Musik, tolle Bilder, tolle Emotionen, jetzt heißt es tief durchatmen.

Irgendwann verkündet Geissen Severino als Sieger, und noch während dessen Krönung veröffentlicht "bild.de" den baldigst anstehenden Termin für seine Gerichtsverhandlung, bei der er sich für EC-Kartenbetrug an älteren Damen verantworten muss. Erst einmal aber gibt es 500 000 Euro und den goldenen Umschlag von Bohlen: "Texte drin, Titel drin und Playbacks, üb' schön, wir sehen uns am Montag." Brummt da nicht irgendwo was?

Severino Seeger: Der Sänger setzte sich im Telefonvoting gegen zwei Finalisten durch
Getty Images

Severino Seeger: Der Sänger setzte sich im Telefonvoting gegen zwei Finalisten durch



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insgesamt 122 Beiträge
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Seite 1
scxy 17.05.2015
1. ...na und?
Das war doch genau die bestellte Ware!
polarwolf14 17.05.2015
2. Analyse
Sehr schön analysiert, hat mir gefallen zu lesen, insbesondere die bissigen Bemerkungen. Nur, welchen Weg das Format Tütensuppenmusik und völlige unkreativität und null musikalische Eigenleistung geht ist fraglich. ..
der_seher59 17.05.2015
3. ich habe gestern nach langen Jahren
mein Lesezeichen für die BILD aus dem Browser entfernt.Habe ich trotz aufsteigender Übelkeit morgens immer einen Blick reingeworfen, um fix informiert zu sein. Gestern dachte ich- es sei jetzt mal genug, weil mich Heidi Klum jetzt nicht sooo interessiert. Und heute lese ich im SPON auch so Kritiken an - nennen wir es mal TV Sendungen - die die Welt nicht braucht. Lasst den Halbaffen doch ihre Unterhaltung und informiert mich über wirklich Wichtiges. Danke
winstonwolfe 17.05.2015
4. Pop Idol...
...ist der Name des weltweiten Vorbilds dieser Grütze, diesmal nicht aus USA sondern aus dem Königreich und von "Mr. Take That you Spice Girls and Beckham" Simon Fuller "erdacht". Auch wenn alle schreiben es wäre der US-Ableger, bleibt es doch falsch. DE und US sind gleich alt. Ist zwar auch redundant, aber passt ja zum Thema. Also gebt ihr euch auch mal mehr Mühe.
Mach999 17.05.2015
5.
Ich frage mich ja schon seit längerem, ob die Teenager heute so viele schwülstige Titel hören, weil das die einzige revolutionäre Möglichkeit ist, ihren headbangenden oder Pogo tanzenden Eltern auf die Nerven zu gehen.
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