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05. Mai 2012, 23:58 Uhr

"DSDS Kids"

Fugenlos belanglos

Von Arno Frank

Es funzt nicht mehr im Casting-Zirkus von RTL, das Flaggschiff "Deutschland sucht den Superstar" ist auf Quoten-Talfahrt. Die ganz Kleinen sollen es jetzt richten. In "DSDS Kids" trifft ein weichgespülter Dieter Bohlen auf niedliche Jungsänger. Muss man das sehen?

Die Kindheit ist eine Erfindung aus dem 18. Jahrhundert. Vorher war ein Kind nicht mehr als ein kleiner Erwachsener, den man beispielsweise im Bergwerk in besonders flache Stollen schicken konnte. Inzwischen sind die Kinder in gewissen Kreisen wieder verschwunden, da ist nur noch von "Kids" die Rede.

"Kids" im Plural sind im Spätkapitalismus vollwertige Kunden. Sie sollen sich bei RTL die vier geplanten Folgen der maßgeschneiderten "DSDS Kids" anschauen und damit dem nach neun Staffeln reichlich fußlahmen Casting-Format wieder auf die Quotensprünge helfen. Und sie sollen für ihre Favoriten anrufen, denn so verdient RTL sein Geld.

"Könnt ihr mir die einpacken, so als Geschenk?", fragt irgendwann ein leutseliger Dieter Bohlen, als er ein besonders niedliches Exemplar Jungsänger bestaunt, und trifft damit mal wieder den Nagel auf den Kopf.

Auch die Kleinen beherrschen die "Anrufen!"-Geste professionell

Das war's aber auch schon mit der Ausbeutung, die hier, anders als im Vorfeld befürchtet, nicht über das übliche Maß hinausgeht.

Hier gibt es kein grausam zubereitetes Glotzfutter für Voyeure, wie damals in der berüchtigten "Mini Playback Show". Es obwaltet das Kindchenschema, sauber und klinisch getestet. Nur ganz normal zugerichtete Kinder, pardon: Kids, die "gerne singen, tanzen und auf der Bühne stehen" und auch diese "Anrufen!"-Geste schon professionell beherrschen, bei der der abgespreizte Daumen und der kleine Finger neben dem Ohr wackeln.

Kleine Erwachsene eben - keine Kinder, die sich als Erwachsene verkleiden. In dieser Hinsicht hat RTL sich in alle Richtungen abgesichert. Bei der Schule, bei Psychologen, beim Jugendamt, bei den Eltern sowieso. Zu gewinnen gibt es ein Ausbildungsstipendium und ein moderates Preisgeld für die Schule. Eine Karriere ist - anders als bei den postpubertären Kandidaten - gar nicht erst in Aussicht gestellt.

"Och Gott, och Gott, komm mal her du!"

Und so schiebt Dieter Bohlen, flankiert von Michelle Hunziker und der Unternehmerin Dana Schweiger, eine ruhige Kugel und lobt nach Kräften das Blaue vom Himmel. Als Michael Schanze freilich funktioniert Bohlen nur sehr eingeschränkt.

Vor einer achtjährigen Kandidatin geht er ungelenk auf die Knie, eine Zehnjährige nimmt er sich mit den Worten "Och Gott, och Gott, komm mal her du!" knuddelnd zur Brust - was ein wenig grotesk wirkt, als überkäme Godzilla ein zärtliches Gefühl. Kinderquatsch mit Dieter? Man nimmt's ihm nicht ab, zumal er nicht aus seiner Haut kann und freimütig sein Kalkül ausplaudert: "Was soll es Emotionaleres geben als Kinder, die singen?"

Und genau hier hakt es im Konzept. Auf Schadenfreude und Fremdschämen, die beiden wichtigsten Bestandteile der Originalsendung, wurde aus einleuchtenden Gründen so vollkommen verzichtet, dass am Ende nicht einmal die Ausgeschiedenen im Bild zu sehen waren. Wenn Tränen fließen, dann bitte nur solche der Rührung, alles andere könnte Jugendschützer auf den Plan rufen.

Und so war die Premiere von "DSDS Kids" vor allem von fugenloser Belanglosigkeit. Ob es damit gelingen wird, die klassische Zielgruppe für ihresgleichen zu interessieren statt für die nur unwesentlich älteren Identifikationsobjekte der übrigen Staffeln, darf sehr bezweifelt werden. Denn wenn es etwas gibt, was Kinder wie Kids gleichermaßen wittern und verabscheuen, dann ist es Langeweile.

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