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Adidas gegen Puma im TV-Film: Adi zieht die Stollen auf, Rudi schraubt sie fest

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RTL-Film "Duell der Brüder": Die Geburt von Adidas und Puma Fotos
RTL/ Willi Weber

Zwei Brüder im Wettlauf zum Weltmarkt: RTL erzählt die Geschichte der Dassler-Brüder, die sich überwerfen und konkurrierende Sportschuhfirmen gründen. Ein sehr deutsches Drama mit viel Geschichtskitsch.

Vielleicht sollten werbefinanzierte Sender viel häufiger aufwendige Filme über Firmengeschichten aus der senderfinanzierenden Industrie in Auftrag geben. Denkbar wäre ein Historienschinken rund um eine mysteriöse "Klosterfrau Melissengeist", eine erotische Komödie über die flotte "Frau Antje aus Holland" oder "Duell der Aufstriche - Die Geschichte von Nutella und Nusspli". Natürlich Quatsch, ganz im Gegensatz zum RTL-Spielfilm "Duell der Brüder - Die Geschichte von Adidas und Puma".

Das hat schon deshalb kein "G'schmäckle", weil man diesen Begriff im fränkischen Herzogenaurach gar nicht kennt. Tatsächlich bietet der Aufstieg der Gebrüder Dassler von kleinen Schuhmachern in der Provinz über ihr Zerwürfnis zu konkurrierenden Weltkonzernen genug Stoff für ein sehr deutsches Drama. Richtige Männer, echte Frauen, Handwerk, Faschismus, Krieg, Wirtschaftswunder, Sport - alles dabei.

Am Computer wird zwecks Schauwertschöpfung der Nürnberger Reichsparteitag zum Leben erweckt, ein irrsinnig idyllisches Herzogenaurach und auch das WM-Finale 1954 in Wankdorf. Hier beginnt die Geschichte, mit der Freude eines bärbeißigen Sepp Herberger über das feuchte Fritz Walter-Wetter und seiner Anweisung an den Zeugwart: "Adi, zieh die Stollen auf!" Wie wird das Spiel ausgehen? Wer ist dieser strahlende Zeugwart? Und wer der Mann, der auf der Tribüne gerade missmutig seinen Trenchcoat enger schnallt.

Adolf und Rudolf Dassler sind für die Wirtschaft so etwas wie Thomas und Heinrich Mann, schlimmer noch, einander spinnefeind. Die Arbeitsteilung ist schnell klar, ebenso wie die Sollbruchstelle zwischen den Brüdern. Adolf "Adi" Dassler (Ken Duken) ist leidenschaftlicher Sportler und Schuster, will beides unter einen Hut bringen: "Die besten Sportler der Welt tragen meine Schuhe", so sein Wunsch. Und so sitzt er sinnend in der Werkstatt, während Rudolf Dassler (Torben Liebrecht) mit dem offenen Benz durchs Land fährt, um die Produkte an den Mann zu bringen.

Mit den Gattinnen kommt der Ehrgeiz, der Frust, die Intrige

Hier der Tüftler, da der Verkäufer, beides Genies nach dem Geschmack der Nationalsozialisten, die rasch die Macht ergreifen. Während Rudolf in der aufstrebenden Firma die Preise drückt und die geschäftsfördernde Sympathie entsprechender NS-Größen erwirbt, bleibt Adi bei seinen Leisten und sinnt auf Perfektion. Womanizer Rudolf ehelicht eine bald frustrierte (Nadja Becker), Romantiker Adolf später eine patente (Picco von Groote) Frau.

Erst mit den Gattinnen kommt der Ehrgeiz, der Frust, die Intrige und damit endlich auch Fahrt in die Geschichte. Umso seltsamer, dass mit der (historischen) Mutter der Dassler-Brüder auf eine womöglich spannende weitere Figur verzichtet wurde. Die Jungs machen es unter sich aus. Adolf überzeugt den Läufer Jesse Owens, bei den Olympischen Spielen in Berlin mit seinen Tretern anzutreten. Rudolf, ganz auf Parteilinie, schäumt, Sport diene "der Förderung der arischen Rasse und sonst nichts!"

Beide leiden sie darunter, vom Bruder nicht anerkannt zu werden. Liebrecht lässt seinen Rudolf darauf mit mühsam gedämpfter Aggressivität reagieren, während Dukens Adolf aus jedem Anlass mit fiebriger Dringlichkeit wässrig aus der Wäsche blickt. Warum genau die beiden Männer bald so unversöhnlich sein werden, bleibt lange unausgesprochen. Ist halt so, weiß man doch.

Beschleunigt wird die Entzweiung der gegensätzlichen Brüder nicht nur durch ideologische Differenzen und amouröse Fehltritte, sondern auch durch den Krieg. Eingezogen wird Rudolf, der kriegswichtige Adolf soll im Betrieb billige Panzerfäuste produzieren. Er macht sich nicht gemein, bleibt sauber - bis unter dem Druck der US-Besatzung dann doch alles in die Brüche geht.

Spaltung der Heimatstadt in Adidas- und Puma-Anhänger

Bis heute ist nicht klar, ob und welcher der beiden Brüder den jeweils anderen als Mitläufer belastet hat. Im Film ist dieser Vorwurf der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Voller Groll agiert manisch Rudolf, stiehlt eine Idee seines Bruders und bringt mit "Puma" (angeblich weil er immer "den Frauen hinterherspringt") die ersten schraubbaren Stollen auf den Markt. Die folgenden Prozesse und gegenseitigen Klagen werden nur am Rand abgehandelt, desgleichen die Spaltung der Heimatstadt in Adidas- und Puma-Anhänger.

Wichtiger ist die Engführung der Unternehmensgeschichte mit der deutschen Geschichte und damit die Frage, wer die deutsche Nationalmannschaft ausstatten darf. Adidas oder Puma? Die mit dem Herz am rechten Fleck? Oder die mit dem Geldbeutel? Spätestens hier hat sich der Film ein wenig in seiner Tendenziösität verheddert.

Am Ende müsste Rahn aus dem Hintergrund schießen, und nachdem er geschossen hat, ist Adolf am Ziel seiner Träume angelangt. Die besten Sportler der Welt, die besten Schuhe der Welt. Rudolf, auf der Tribüne, kann da nur Respekt zollen. Immerhin. Die Unternehmen bleiben dennoch getrennt. Unklar bleibt, warum das sein musste.

Und deswegen wird sich spätestens beim nächsten Besuch im Sportwarenladen wieder die Frage stellen und gleich selbst beantworten, ob man lieber dem sympathischen Idealisten oder dem geldgeilen Egomanen sein Schuhwerk abkauft. Schwierig. Aber die von Nike sollen ja auch nicht schlecht sein.


"Duell der Brüder - Die Geschichte von Adidas und Puma", Freitag, 25.3., 20.15 Uhr, RTL

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insgesamt 6 Beiträge
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1. tststs
mimas101 25.03.2016
das RTL sich die Wahrheit quotengerecht zusammenbiegt ist doch ein alter Hut. Man schaue sich mal nur das Machwerk "Götz von Berlichingen" an. Da mußte ich schon meine US-Diskussionsgruppe beruhigen, zweifelten die doch plötzlich an allen Geschichtsbüchern dieser Welt. Aber warum erwähnt SPON nicht stattdessen das heute abend Reis und Wunderkerzen angesagt sind (wenn auch nur auf einem privaten Sender der manchmal einen gewissen Lichtblick nur schwer verbergen kann)?
2.
georg_weihn 25.03.2016
Warum nuscheln die alle immer so und sprechen so schnell? Gibt es keine Sprechausbildung mehr für Schauspieler? Die Special Effects sind nicht sehr special. Teilweise sehen Gebäude eher wie heute aus als wie 1920. Und ich glaube nicht, dass man damals schon "Schön´n Tag noch" sagte oder "Whoo-hooo!" rief!
3. Eventuelle Ungenauigkeiten...
Tom steeger 25.03.2016
.... liegen wahrscheinlich daran, dass RTL sonst eher "Zickenalarm am roten Teppich - auf Streife mit Frauke Ludowig" produziert. Da kommt es aufs Detail nicht an. Im Ernst. Wirkt wenig innovativ. Sondern eher wie eine 90er "wir können auch Tricks" Nummer.
4. Grandios
cm1 26.03.2016
Unterhaltung und anschließend Doku. Das erste Mal, dass es sich lohnte, RTL zu schauen. Eine Unternehmergeschichte spannender als ein zweitklassiger deutscher Krimi oder ein Hollywood-Blockbuster. Noch dazu eine wahre Geschichte. Außerdem hat jeder Zuschauer eine Beziehung zu der Story, was bei Actionhelden und Agenten eher nicht der Fall ist. Oder gibt es jemand, der noch keinen Schuh aus Franken trug?
5.
irina_petersen 26.03.2016
Im Vergleich zum sonstigen Program hat RTL doch mal gute Abendunterhaltung gezeigt. Die anschließende Doku hat das ganze abgerundet.
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