Pinguine klauen. Das weiß nur keiner - außer der Echse. Und weil das so ist, nannten sie und ihre Reptilienkollegen die Polarvögel früher scherzhaft "die Südpolen". Für diejenigen, die sich mehr Weisheiten des jahrtausendealten und genau so klugen Reptils wünschen, ist nun die DVD von Michael Hatzius' erstem Soloprogramm "Die Echse und Freunde - das volle Programm" erschienen. Der Berliner Puppenspieler gilt als vielversprechender Comedy-Nachwuchs, der jüngst den Jury-Preis des Prix Pantheon 2012 und den Deutschen Kleinkunstpreis 2013 erhalten hat.
Komödiantisches Puppenspiel und Bauchrednerei feiern seit einiger Zeit eine Renaissance. Losgetreten vom Hype um den US-Comedian Jeff Dunham und seiner Puppe Achmed, der tote Terrorist, entwickelten sich auch die Videos deutscher Komiker wie René Marik oder Sascha Grammel zu viralen Internetphänomenen. Schnell entdeckte das Privatfernsehen das Potential dieser vernachlässigten Humorform und sendete ihre Auftritte so häufig, bis sie niemand mehr sehen wollte.
Abseits des seichten Ulks Grammels oder des nervtötenden Rumgeschnuffels Mariks, bedienen Puppenspieler wie Martin Reinl im Fernsehen (zum Beispiel mit seiner Hundefigur Wiwaldi in der WDR-Sendung "Zimmer frei") oder Suse Wächter am Theater ein anderes Publikum, das sich eher dem originellen und schlagfertigen Witz zugeneigt fühlt. An die gleiche Zuschauerschaft wendet sich auch Michael Hatzius, der als Szene-Neuling momentan die größte Aufmerksamkeit genießt.
Mit seiner Paraderolle der Echse erweckt der 30-Jährige eine menschengroße Klappmaulpuppe zum Leben, die sich weigert, den lustigen Gecko-Kasperl zu mimen. Die grimmigen Augen des Reptils sind also nicht bloß ein artenspezifisches Schicksal, sondern der Spiegel einer rundum verkommenen Seele. Die Echse ist besserwisserisch, sexistisch und egoman - ein echter Grobian eben.
Bestückt mit Zigarre und Jutesack betritt der wechselwarme Schwadroneur die Bühne. Was folgt, ist eine illustre Neuschreibung der Geschichte. So erzählt er, dass Menschen eigentlich schon immer aufrecht gegangen seien. Gekrümmt waren bloß die Skelette derer, die sich fatalerweise am Fischbrötchenstand angestellt hatten. Die dort arbeitenden Zebras verquatschten sich nämlich derart, dass sich die Wartenden vor Hunger wanden und starben. Was die Echse dagegen mit Cleopatra in einer Wanne voller Milch getrieben hat, verrät sie nicht. Nur so viel: Dass Cleopatra an einem Schlangenbiss gestorben sein soll, sei nur die halbe Wahrheit.
"Es soll ja beiden Spaß machen"
Jeder kennt einen Menschen, der sich so gebährdet, vermeintlich Wichtiges mit einem vorgebeugten "Ich sag mal so " und anschließender Pause vorbereitet. Einen, den man beim Lügen und Übertreiben schon längst enttarnt hat, der sich immer tiefer in die Nesseln setzt und zur Lachfigur verkommt. Einen, der überall dabei war, alles gemacht hat und in allem der Beste war.
Diesen Menschenschlag kann der Ernst-Busch-Absolvent Hatzius im Schlaf nachstellen. Die einstudierten Gebärden des altklugen Protzreptils wirken authentisch und treffen den Kern peinlich empfundener Verhaltensformen. Das ist Parodie in Reinform. Doch darin steckt auch das Dilemma der Echse, denn Hatzius vertraut derart auf seine darstellerischen Fähigkeiten, dass er es verpasst, sie mit entsprechend starken Pointen zu stützen.
Ist Hatzius ein guter Puppenspieler? Durchaus! Ist er witzig? Na ja. Und so fällt es nicht nur dem Zuschauer daheim schwer, das zweieinhalbstündige Bühnenprogramm ohne Sekundenschlaf zu absolvieren, sondern auch dem Publikum vor Ort. Eine Dame der Dresdner Audienz möchte der Echse nicht mal ihren Namen verraten, der müde Rest erweckt allein durch geschickt geschnittene Lacher den Eindruck eines amüsierten Haufens. Dass andere Auftritte, wie der beim Kleinkunstfestival 2012, besser getimt und an den richtigen Stellen gekürzt sind, lässt die Umstände der Aufnahme umso ungünstiger erscheinen.
Hatzius' andere Figuren beschränken sich auf die Redundanz einer Phrase. Es gibt da ein überaus hässliches Huhn, dessen Phlegma es zu der schüchtern-lakonischen Feststellung treibt: "Huhn ist okay." Oder das kleine Krokodil, das eine "Fleescherstochter" ist, aber "gar keen Fleesch" essen mag. Oder die sächselnde Kobra, die eine schwerwiegende Stasi-Paranoia umtreibt. Allesamt einseitige Kreationen, die der Echse keine Auszeit gönnen, ihre Pointen auf Effekt zu trimmen.
Schlimmer wird es nur, wenn Hatzius gänzlich auf Puppen verzichtet. In alter Hape-Kerkeling-Manier mimt er einen Brandschutzmeister und wärmt das Publikum auf. Er versucht es zumindest, denn seiner Kunstfigur Jens Schirner will es einfach nicht gelingen, Lacher zu provozieren. Es ist obendrein fragwürdig, ob man Hatzius minutenlang zusehen muss, wie er ein Plüschschaf impft, nur um die Echse später kalauern zu lassen, dass die vermeintliche Speise gespritzt sei.
Zumindest kann man den Verantwortlichen nicht vorwerfen, ein halbgares Produkt auf den Markt geworfen zu haben. Die DVD ist mit viel Liebe zum Detail gestaltet, enthält "viele Echstras" (zum Beispiel Interviews und Making-of) und hat immerhin eine Gesamtlaufzeit von gut drei Stunden. Allerdings verhält es sich wie mit allen enervierenden Quatschköpfen: Einmal kann man sich über deren Geschwafel amüsieren, danach nerven die Typen nur noch.
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