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Echo 2010: Muntermacher mit Mittelfinger

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Kriegt Pocher eine gelangt? Kann Moderator Opdenhövel wirklich englisch? Was war der Trostpreis für Westernhagen? Und zieht Raab inzwischen auch bei der ARD die Fäden? Nach den öden Veranstaltungen der Vorjahre kam der Echo 2010 ungewohnt unterhaltsam daher.

Echo 2010: So sehen Sieger und Verlierer aus Fotos
REUTERS

Ist die ARD das neue ProSieben? Bei der Verleihung des Echo am Donnerstagabend hatte man jedenfalls das eine oder andere Déjà-vu, das die öffentlich-rechtliche Anstalt in die Nähe des Privatkonkurrenten rückte. Schuld daran war vor allem das Moderatorendoppel, das durch die live übertragene Gala führte: Sabine Heinrich und Matthias Opdenhövel.

Die beiden hatten sich in den letzten Wochen ja schon recht flott durch den deutschen Eurovision-Song-Contest-Vorentscheid "Unser Star für Oslo" geschnattert, deren meiste Ausgaben eben beim Stefan-Raab-Haussender ProSieben zu sehen waren. Die öffentlich-rechtliche Radiofrau Heinrich lernte dabei unter anderem, wie man auf Highheels über Kabel tänzelt; der ewige Raab-Sidekick Opdenhövel, eine Art enthemmter Sparkassenkundenberater, machte sich derweil viele Gedanken um seine eher bescheidene Haarpracht. Klar, Glamour geht anders, Unterhaltung aber eben genau so.

Da darf man ruhig mal ein bisschen nerven - und lieber freundlichen Provinzialismus verbreiten, anstatt Weltläufigkeit vorzutäuschen. Das Interview, das der gebürtige Detmolder Opdenhövel am Anfang mit dem internationalen Jazzpopsuperstar Sade führte, war für diese neue Richtung bezeichnend: "Ich verstehe Sie nicht!", barmte die Sängerin nur immer wieder auf seine deutschen Fragen - bis das ProSieben-Gewächs Opdenhövel, nun endgültig den Raab machend, mit seinem überschaubaren Englisch nachhakte, welches Shampoo sie denn benutze.

Die Mischung aus fröhlichem Desinteresse, lapidarer Anteilnahme und dann doch immer mal wieder aufblitzendem musikalischen Knowhow (Heinrich und Opdenhövel sind ja wirklich nicht blöd, auch wenn sie so tun) tat der Veranstaltung jedenfalls durchaus gut.

In den Vorjahren war die Echo-Verleihung häufig wie die Vergabe des Bundesverdienstkreuzes dahergekommen. Der Plattenmarkt insgesamt schrumpfte stetig, der Anteil deutsch singender Interpreten aber stieg. Da wurde hiesiger Pop von der Deutschen Phono-Akademie, dem branchengestützten Echo-Ausrichter, gelegentlich zu einer Art industriellem Rettungsprogramm erhoben und seine Interpreten zu Nationalheiligen.

Okay, auch diesmal wurden die unvermeidlichen Silbermond für ihr heulsusiges Krisenlied "Irgendwas bleibt" als beste nationale Gruppe Rock/Pop ausgezeichnet. Kriegen ja jedes Jahr irgendeinen Echo. Aber ansonsten war der ganze Betrieb mal ein wenig durchgemischt worden - ganz im Sinne der seit einigen Wochen bei ProSieben und in der ARD verbreiteten "Unser Star für Oslo"-Stimmung: Das ganze Leben ist eine Vorentscheidshow. Heute bist du ein Nobody, morgen ein Star - oder umgekehrt.

Beerdigt in der "Echo Hall of Fame"

Da müssen sich denn auch alte Recken wieder hinten anstellen - so wie Marius Müller-Westernhagen, der mit seinem Wendejubelsong "Freiheit" ja einst zu einer Art musikalischen Staatsakt erstarrt war, bevor er wegen sinkender Verkaufszahlen beleidigt aus dem Musikbetrieb schied. Letztes Jahr meldete er sich mit einem unerträglich prätentiösen Album auf die Bildfläche zurück. Beim Echo nun war Westernhagen in der Kategorie nationaler Künstler Rock/Pop nominiert - und ging leer aus.

Zuvor hatte er aber noch einen fürchterlich eitlen Auftritt als Laudator, bei dem er metaphernselig zwischen kulinarisch wertvoller Musik und Fast-Food-Ware unterschied. Das Imbissfutter, klar, stellten für Westernhagen Castingshow-Musiker dar. Und während er da etwas ungelenk seine altväterlichen Klagen ausstieß, wurde schnell auf die Casting-Band Monrose, noch ein ProSieben-Gewächs, im Zuschauerraum geschnitten. Die zeigten ihm dafür zu Recht genervt den Mittelfinger.

Wo die Monrose sind, da ist natürlich ihr Entdecker Detlev D! Soost nicht weit. Auch er saß im Auditorium. Zuvor aber hatte der ProSieben-Castingshow-Einpeitscher für die ARD eine etwas irre Choreographie zu Ehren des 2009 verstorbenen Michael Jackson mit ganz vielen drolligen Jacko-Lookalikes einstudiert. Der Großkünstler wurde posthum in die "Echo Hall of Fame" aufgenommen; eine zweifelhafte Ehre, hatte man von dieser Ruhmeshalle doch zuvor noch nie etwas gehört. Ist das nun lustig - oder einfach nur pietätlos?

Immerhin verzichtete Oliver Pocher, der hier als Präsentator für das beste Video fungierte, auf eine seiner unlustigen Jackson-Imitationen. Überhaupt gab sich der junge Vater sehr kleinlaut, weil er den Preis ausgerechnet an Sido aushändigen musste, der gerade von der Pocher-Freundin Sandy Meyer-Wölden eine Beleidigungsklage angehängt bekommen hatte und dementsprechend übellaunig seinem Laudator entgegentrat. Pocher, so sah es aus, hatte wohl Angst vor Prügel und duckte sich weg: "Ach, hätten sie mir doch den Wendler hingestellt!", seufzte Sido nur. Dann ignorierte er den verschämten Witzbold und dankte seinem Anwalt. Zuvor meldete er aber noch Zweifel an der Qualität seines prämierten Videos an. Das sei eigentlich nicht richtig gut geworden.

Ach herrlich: Musiker, die ihr eigenes Werk nicht mögen. Großkotze, die Angst vor Prügel haben. Deutschrocksuperstars, die vergeblich auf einen Trostpreis warten. So geschmackvoll geschmacklos wie bei dieser ARD-goes-ProSieben-Veranstaltung darf die Selbstbeweihräucherungs-Chose namens Echo ruhig jedes Jahr daherkommen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 23 Beiträge
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1. Schauspieler
matze_wehlau 05.03.2010
Der arme Sido kann einen leid tun. Muss immer seine Rolle spielen. Kotzt ihn bestimmt jeden Tag mehr an. Hatte zumindest das Gefühl. Aber die Zielgruppe wills sehn...
2. Kann zwar dieser volksverblödenden "populären Musik" nicht das Allergeringste…
Zauberlehrling 05.03.2010
…abgewinnen, aber diesen Spiegel-Artikel war's wert. Danke! :-) Toll geschrieben. Ein wahrer Spiegel der ebenso krankhaft eitlen wie unausstehlich ekelhaften Promi-Gesellschaft. Jeder einzelne, Männchen wie Weibchen, der da glaubt, seine Fresse in die Kamera halten zu müssen (ja, auch Nur-Tagesschau-Sprecher), hat eine gut abgehangene und ausgewachsene Profilneurose – und ist eigentlich längst ein Fall für den Psychiater. (Der große Jammer kommt dann eh automatisch, wenn die Popularität dieser Möchtegern-Witzfiguren nachlässt.) Ich kenne ein paar davon: Lauter falsche Propheten! Tun so, als ob sie etwas Besonderes wären, und hängen dann doch jeden Tag hauptsächlich wie alle ab sechs vor dem Fernseher; quälen ihre Angehörigen damit, sich jede einzelne Sendung, wo sie auftauchen, mehrmals anzusehen! Habe gestern nur drei Mal für je zehn Sekunden vorbeigezappt (genauer: ich war praktisch unausweichlich in der Nähe, als jemand vorbeizappte): Lauter von Spezialisten in stundenlangen Sessions aufgetakelte CD-Verkäufer mit schlechten Angewohnheiten, die wie Heilige von den Verirrten angehimmelt werden. Richtig dramatisch wird's, wenn Emotionen – unsere diffizilste und wertvollste Energieform – mit im Spiel sind. Ein falsches und scheinheiliges Getue, sonst nix. Somit verwerflich, wenn dann nicht diese heiteren Spiegel-Artikel wären… Was für ein Dilemma! Dank nochmal an Christian Buß, den Autor des Spiegel-Artikels, dass er sich dieses ARD-Machwerk für uns komplett angesehen hat, dass er mir erspart hat, es selbst zu tun, und dass er es dennoch geschafft hat, darüber so trefflich zu räsonieren. Tadel an die Chefredaktion: Mit "Kultur" hat das eigentlich nichts zu tun, ebensowenig wie "Wetten, dass..?"
3. Was will der Autor uns eigentlich sagen?
chrisgau 05.03.2010
Ich bin mir noch nicht im Klaren darüber, ob uns der Spiegel-Autor diese Form der Preisverleihung als ernsthaft als leidlich gute Unterhaltung verkaufen will, oder ob hier Ironie nur allzu geschickt worden ist. Diese ganzen unterträglich Preisverleihungsshows sind sowieso immer ein Drama. Die ganzen Säue, die in letzter Zeit durch's Dorf getrieben wurden, versammeln sich und die Stallbesitzer wählen das Schwein des Jahres. Herzlichen Glückwunsch... und was waren das doch für süße Kringelschwänzchen. Ach ja... persönliche Geschmacksache... ich fand' Westernhagen's Williamsburg nicht unerträglich "prätentiös". Ich hatte eigentlich den Eindruck, daß sich der Patient auf dem Weg der Besserung befindet... aber vielleicht werde ich einfach nur alt. Grüße, Christian Gau
4. Xavier Naiduh
CargoPeer 05.03.2010
Hatte mich beim Lesen des Artikels die ganze Zeit auf Buß` Behandlung des Erfinders des "Jammerpop", des unerträglichen Xavier Naiduh gefreut; ihn ganz zu ignorieren ist aber auch okay. Cargopeer
5. .
frubi 05.03.2010
Zitat von matze_wehlauDer arme Sido kann einen leid tun. Muss immer seine Rolle spielen. Kotzt ihn bestimmt jeden Tag mehr an. Hatte zumindest das Gefühl. Aber die Zielgruppe wills sehn...
Er muss ja nicht. Aber wer Geld verdienen will mit der Masse der muss sich auch der Masse anpassen. Einfach nur noch peinlich. Ist aber schon öfter vorgekommen, dass Künstler sich wegen des Geldes umorientiert haben.
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