Soziales Engagement? Kann ich mir leisten! Letztendlich ist im Leben ja alles eine Kostenfrage. Egal ob ich mir nun einen riesigen Eigenheimbunker in die Landschaft stelle, oder ob ich ein paar jungen Menschen mit Trisomie 21 ein Freizeitheim schenke. Für Peter Staude (Heino Ferch) liegen Egoismus und Altruismus ganz dicht beisammen, das eine bedingt für ihn sogar das andere. In seiner kleinen Stadt wird der findige Bauunternehmer jedenfalls als großer Wohltäter gefeiert.
Staudes Engagement hat auch persönliche Gründe: Seine Frau Christa (Katja Riemann), eine ehemalige Pädagogik-Studentin, übernimmt die Verwaltung der sozialen Projekte. So fühlt sie sich endlich ausgefüllt, zumindest tut sie so. Andere Gattinnen gehen reiten, sie kümmert sich eben um ihre Behinderten. Und Staude hat seine Ruhe.
Demütigend? Mag sein. Aber die Bauunternehmerfrau findet bald einen Weg der stillen Rache: Als Christa feststellt, dass ihr Mann das neue Supereigenheim mit Spendengeldern finanziert hat, geht sie mit dem Wissen zu ihrem alten Freund, dem Schulleiter Andreas Rogel (Matthias Brandt). Dem ging das Neureichengehabe vom Bauunternehmer schon immer gegen den Strich. Allein diese Rotweingläser, die groß sind wie Wasserkübel. Und diese Unterhaltungselektronik im Eigenheim, mit der man eine ganze Kongresshalle bespielen könnte.
Aus Verantwortung der Stadt und den Menschen gegenüber lanciert der Studienrat den Betrug des anderen an die lokale Presse. Gut möglich, dass Geistesmensch Rogel dabei ein wenig Genugtuung gegenüber dem Geldsack Staude empfindet.
Geld versus Stil, Macht versus Integrität
Drehbuchautor Daniel Nocke und Regisseur Stefan Krohmer sind Meister darin, grobe Aufschneiderei und subtile Demütigungstechniken in Szene zu setzen. So tritt in "Verratene Freunde", ihrer bereits zwölften gemeinsamen Arbeit, hinter der Posse um veruntreute Spendengelder ein knallhartes Egoistendrama hervor, in dem jeder gegen jeden kämpft. Keiner der Protagonisten ist Opfer, jeder zieht hier mit den Mitteln in den Kampf, die ihm zur Verfügung stehen.
Geld versus Stil, Sex versus Selbstbeschränkung, Macht versus Integrität: Letztlich sind das alles Währungen im Kampf um soziale oder zumindest moralische Überlegenheit. Selbst wenn man sich dabei in die Tasche lügt.
Das doppelbödige Spiel mit dem Lug und dem Selbstbetrug, das am Freitag bei Arte Vorpremiere feiert und am Mittwoch in der ARD läuft, ist die beste Arbeit von Nocke und Krohmer seit "Mitte 30" aus dem Jahr 2007. In dem TV-Drama erzählten sie von Mittdreißigern, die sich zwischen dem Wunsch nach Wohlstand und dem Ideal der Selbstverwirklichung verloren. Keine anderen deutschen Filmemacher sind stets so nah dran an ihrer Generation samt deren tragikomischem Ringen um Wahrheit und Ruhm.
Und nun, Mitte 40? Da haben die aktuellen Filmfiguren ihre Selbstzweifel beiseite geschoben und sich eingerichtet in ihren jeweiligen sozialen Festungen. Doch was für ein wunderbarer, was für ein gemeiner Spaß ist es, diese Festungen in "Verratene Freunde" bröckeln zu sehen. Keine Gewissheit, die hier nicht irgendwann in sich zusammensackt.
Der ewig potente Bauunternehmer Staude etwa, der seine Frau ausgerechnet mit der Frau seines Kontrahenten Rogel (Barbara Auer, "Das Ende einer Nacht") betrügt, zeigt Anzeichen von Schwäche. Beim Bedenkenträger Rogel aber, der anfänglich unverwundbar in seiner kulturellen und ethischen Überlegenheit wirkt, blitzt hinter der dicken Hornbrille auf einmal die Lust am Betrug und an der Vorteilnahme auf.
Wie lange der gute Studienrat doch braucht, um zu erkennen: Glücklich sind immer nur die Bösen.
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