Wahlsendung mit Klaas Heufer-Umlauf Demokratie für Dummies

Der Anti-Strunz: Mit seiner Sondersendung "Ein Mann, eine Wahl" will Klaas Heufer-Umlauf die ProSieben-Zuschauer an die Wahlurne treiben. Pluralismus als Wohlfühlprogramm, geht in Ordnung.

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Sorry, wir müssen reden. Wer darauf gehofft hat, nächsten Montag bei ProSieben während eines komplett mit alten und neuen "Big Bang Theory"-Folgen zuprogrammierten Abends der deutschen Wahlwirklichkeit zu entkommen, wird empfindlich gestört. Die anderen Sender haben ein opulentes Programm zur Bundestagswahl aufgefahren wie noch nie, populistische Ausfälle, peinliche Abgänge inklusive. Nur bei ProSieben konnte man sich bislang am schier endlosen Comedy-Montag aus der Realität feixen.

Damit ist nun Schluss. Zumindest für die nächsten beiden Montage. Da ist Klaas Heufer-Umlauf zurück bei seinem Haussender, und er will reden. Über Demokratie, über Teilhabe, über Visionen für das Jahr 2027.

Das Gesicht ist dem ProSieben-Publikum ja bestens bekannt, Heufer-Umlauf ist die besser frisierte, rhetorisch begabtere Hälfte von Joko und Klaas, die bis vor Kurzem auf dem selben Programmplatz am Montag, zwischen alten und neuen "Big Bang Theory"-Folgen, ihren "Circus Halligalli" zur Aufführung brachten. Wer Sheldon aus "Big Bang Theory" mag, findet irgendwie auch Klaas in Ordnung, hat sich über die Jahre so ergeben. Die Hoffnungen der Verantwortlichen, dass der ProSieben-Zuschauer nun seine Lieblingscomedy nicht einfach auf Netflix weiterschaut, sind also nicht ganz unbegründet.

Jens Spahn ist nicht Quentin Tarantino

Zumal Heufer-Umlauf seinen Demokratieeinführungskurs sehr niedrigschwellig hält. Er selber geht während der vorproduzierten Sendung, die Mittwochabend in Berlin vorgestellt wurde, schon mal fünf Minuten aufs Klo, um da Politiker aus der zweiten Reihe zu googeln, die er angeblich selbst nicht kennt.

Das Googeln reicht, um Jens Spahn nicht mit Quentin Tarantino zu verwechseln. Der Politiker muss dann gleich die gesamte CDU vertreten, da trotz mehrmaliger Anfragen kein anderer aus der Partei vor die ProSieben-Kamera wollte. Und wenn es komplizierter wird, dann kritzelt Heufer-Umlauf gelbe Zettel voll, die er dann überall anklebt. Demokratie für Dummies.

Das ist nicht abwertend gemeint. Heufer-Umlauf weiß, dass er sein Pluralismus-Einführungsseminar fluffig auspolstern muss, damit die Leute dranbleiben. Dafür hat er sich einen Erzählkniff ausgedacht, der auch gut in eine Sitcom passen würde: Klaas wohnt mit zwei Wiedergängern seiner selbst in einer WG, wo er sich ständig mit ihnen über Politik balgt. Der eine raucht unentwegt, der andere futtert Pizza, Burger und Wurstsalat, die beiden scheinen nur in der Fantasie des echten Klaas zu leben.

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ProSieben-Politshow: Klaas mal drei

Ein Herz in der Brust, das links schlägt. Zwei Männchen im Kopf, die das Herz aus dem Takt bringen wollen. Es ist bekannt, dass Heufer-Umlauf den Kanzlerkandidaten Martin Schulz als Bundeskanzler favorisiert, durch das Showkonzept kann einerseits der echte Klaas seine Meinung kundtun, gleichzeitig kommen alle anderen Positionen in der Sendung vor. Der Fresssack und der Kampfbarzer, die Hirngespinste im Kopf von Klaas, vertreten liberale und konservative Positionen. Meinungsvielfalt als Schizophrenie, die man aushalten muss - eine hübsche Pointe, um den harten Weg zum Demokraten unterhaltsam zu machen.

Im Muscle-Car mit Christian Lindner

Allerdings kommt die Inszenierung von "Ein Mann, eine Wahl" nicht immer dem ambitionierten Erzählkonzept hinterher. Es gibt ein paar sehr holprige Stellen, man vermisst die Brillanz von "Circus Halligalli", wo der größte Schabernack aus dem Stegreif mit extrem gutem Timing vor die Kamera gebracht wurde. Ausgerechnet das Interview mit Heufer-Umlaufs Favorit Schulz kommt völlig aus dem Takt. Während die drei unterschiedlichen Klaas-Versionen ein albernes Verwechslungsspiel treiben, verfällt der verwirrte Kanzlerkandidat immer mehr in sozialdemokratische Stanzen.

Das Gespräch mit FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner, das der Moderator nach Manier des "Unnötig komplizierten Interviews" bei "Halligalli" in einem liberal funkelnden gelben Muskel-Car führt, ist da trotz des bescheuerten Settings effizienter. Auch Tarantino-Lookalike Spahn macht bei Heufer-Umlauf einige Punkte.

Man darf also glauben, dass Heufer-Umlauf es ernst meint mit der Aussage, dass er die ProSieben-Demokratieeinsteiger nicht in eine bestimmte Partei, sondern an die Wahlurne treiben will. Der Schizo auf Stimmenfang: eine Rolle, die im deutschen Fernsehen so noch nicht zu sehen war. In dem gesamten Senderverbund ProSiebenSat.1 Media ist ja eh weit und breit kein politischer Kopf zu finden - außer Claus Strunz, der beim Schwestersender Sat.1 einen Talk mit rechtspopulistischer Ausrichtung in Szene gesetzt hat. Klaas ist da eine Art Anti-Strunz: Wo der andere spalten will, da versöhnt er. Wo der andere übergriffig wird, da geht er auf höfliche Distanz zu seinen Talk-Gästen.

Sehr sympathisch, aber manchmal auch ein bisschen sehr auf Schongang programmiert. Denn, auch das sollte man den Polit-Novizen bei ProSieben vermitteln: Manchmal muss Demokratie richtig wehtun.


"Ein Mann, eine Wahl": Montag, 11. September und Montag, 18. September, jeweils c.a. 22 Uhr, ProSieben

insgesamt 3 Beiträge
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polemiak 07.09.2017
1. Wie jetzt, Tarantino?!
Spahn sieht vielleicht aus wie der Steuerberater von Sesamstrassen-Bert oder wie Bernd das Brot beim Vorstellungsgespraech -- aber Tarantino?? Ich bitt' euch.
bhang 08.09.2017
2. Na ja,
sagen wir mal, "er sieht aus wie eine Mischung aus Woody Harrelson und Quentin Tarantino".
kochra8 10.09.2017
3. Schund, Tand oder Schande?
Demokratie für Dummies? Wie nennt man dann dies: A. Gauland will nur eins: Die AfD soll als Pendant zur AKP 'D.-Wähler' beeindrucken. Punkten kann er damit; um ihm nicht genehme Aktivisten in Frage zu stellen. Seine Rede im 'Eichsfeld' über die Integrationsbeauftragte Aydan Özoguz bezweckt die Konkretisierung (s)einer Nachfolge für Frau Merkel. Es ging nicht um die Blossstellung! Gauland zweigt damit die Sicht der Rechtskonservativen zu seinen Gunsten ab. Auch hofiert er damit Erdogan. Insbesondere in Zeiten von den Türkeiplänen Schulzes & Merkels um den Abbruch der Beitrittsgespräche, sind aus der Sicht Erdogans entsprechende Bünsnispartner gesucht. In 4 Jahren scheint Gauland, kann er damit Erdogan ebenbürdig sein. Das Motiv: Gleichenfalls mit Links-Multi-Kultis zu verfahren, wie Erdogan dies schon praktiziert: Ausschluss aus der Gemeinschaft, in eine Verbannung dorthin, wo sie einer 'verdienten' Strafe nicht entgehen können. Outgesourct in die Totalitarität, solange die hier im EU-Identitarismus noch nicht aktiv ist. Gauland will so Erdogan beeindrucken, damit auch türkische Wähler in Deutschland den Gauland lieben. AfD-Gaulands Ziel: So sein werden wie das Pendant Erdogan. Gleichfalls mächtig und alleinherrschend in Deutschland. Man halte die Augen, Ohren und Gehirnzellen offen...
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