TV-Film über Kunduz-Bombardement: Der Oberst und der Tod

Von

Kunduz-Film in der ARD: Gekommen, um zu bomben Fotos
NDR

Es war die blutigste deutsche Militäraktion seit 1945: Der TV-Film "Eine mörderische Entscheidung" rekonstruiert die Bombardierung zweier Tanklaster in Kunduz, bei der weit über 100 Menschen starben. Ein Doku-Drama über den Krieg im Namen der Menschlichkeit - und seinen moralischen Preis.

Wie sprechen Politiker und Militärs über Krieg, wenn nicht gerade Protokoll geführt wird? Vielleicht ja so wie Wolfgang Schneiderhan, der bis zu seinem Ruhestand vor drei Jahren Generalinspekteur der Bundeswehr war. In den Interviewpassagen für das Doku-Drama "Eine mörderische Entscheidung" führt er vor der Kamera ein offenes Wort, das gelegentlich auch ins Kraftmeierische kippt.

Unverblümt erzählt er, wie Berlin ihm 2009, als sich die Lage für die Bundeswehr in Afghanistan zuspitzte, Druck macht. Militärische Erfolge sollen her; die Politiker spotten hinter vorgehaltener Hand, man habe sich da im Norden Afghanistans wohl ein Ferienlager eingerichtet. Von den Verbündeten gibt es ebenfalls Kritik. Da dürfe man, so der General a.D., nicht als "Weichei" dastehen.

In dieser Lage übernimmt Oberst Georg Klein im April 2009 das Kommando über die in Kunduz stationierten Bundeswehrsoldaten und erteilt am 4. September den Befehl, zwei von den Taliban entführte Tanklaster zu bombardieren. Bis zu 142 Menschen sterben, zum Großteil Zivilisten. Die blutigste deutsche Militäraktion seit dem Zweiten Weltkrieg.

Das Doku-Drama, das Ende August auf Arte und im September in der ARD läuft, rekonstruiert die Ereignisse aus der Perspektive von Oberst Klein. Erzählt wird vom politischen Drängen aus Berlin, das Generalinspekteur Schneiderhan ungefiltert an Klein weitergibt. Von der Häme der Offiziere, die beim kleinsten Zögern Kleins, militärisch zuzuschlagen, lästern: "Wer schickt uns eigentlich immer diese Gutmenschen?" Und erzählt wird auch von den afghanischen Verbündeten, die ihrerseits Druck auf Klein ausüben. Im Film schreit der Gouverneur von Kunduz den deutschen Oberst an: "Ihr seid Bauern, ihr schießt nicht, die Taliban verstehen nur den Tod."

Menschliche Kollateralschäden

Das Gute am ARD-Film ist, dass die Hauptperson eben kein Kommisskopp ist, der stur zuschlägt. Oder zuschlagen lässt. Matthias Brandt spielt Oberst Klein als nachdenklichen Strategen, der versucht, die unübersichtliche Lage zu verstehen - und dem Druck zur Gewalt zu widerstehen. Anfänglich zumindest. Die Situation vor Ort: Taliban geben in Interviews die Devise "Deutsche finden und töten" aus. In den Wasserstandsmeldungen des Bundesnachrichtendienstes (BND) wird immer wieder vor neuen Eskalationsstufen gewarnt. Die ersten deutschen Soldaten sterben in Feuergefechten.

Im Film sieht man Oberst Klein mit einem Feld-Geistlichen darüber sprechen, wie der Tod von Zivilisten im Kampf gegen Taliban zu bewerten sei. Aber der Seelsorger will ihm keine Absolution für menschliche Kollateralschäden geben. Später dann - statt vom "Stabilisierungseinsatz" wird auch in Berlin immer offener vom Krieg am Hindukusch gesprochen - gibt der Oberst den Befehl aus: "Wenn die Situation es erfordert, dann schießen sie. Und zwar nicht nur auf die Beine."

Was ging in dem Mann vor, als er gezielte Tötungen anwies? Der Film wurde vom NDR gegen viele Widerstände auf den Weg gebracht: Georg Klein wollte kein Interview geben, er verweigert sich damit auch dieser Frage. Die Bundeswehr mauerte ebenfalls weitgehend, die Ereignisse werden unter anderem mit Hilfe der Aussagen im Kunduz-Untersuchungsausschuss und der SPIEGEL-Berichterstattung zum Thema rekonstruiert.

Der BND und sein Mephistopheles

NDR-Fernsehspielchef Christian Granderath sorgte schon 2010, damals noch Produzent und im Auftrag des ZDF, mit dem Kriegsdrama "Kongo" für Aufsehen, in dem er von einem fiktiven Einsatz von deutschen Blauhelmsoldaten in Afrika erzählt. Auch dort lagen humanitärer Einsatz und Kriegsverbrechen dicht beieinander. Autor und Regisseur Raymond Ley hat mit Filmen wie "Eichmanns Ende", der von der Flucht des NS-Massenmordlogistikers in Argentinien berichtet, die Form des Dokudramas perfektioniert.

Historische Akuratesse und psychologische Konsistenz funktionierten beim Eichmann-Film gut zusammen. Für das Kunduz-Werk geht Ley in der Verdichtung allerdings weiter: So führt er die (nach Aktenlage nicht existente) Figur eines BND-Mitarbeiters ein, der dem verunsicherten Oberst Klein immer neue Gefahrenlagen einflüstert. Axel Milberg spielt ihn als eine Art Geheimdienst-Mephistopheles. Außerdem suggeriert die Spielfilmhandlung ein Komplott von Seiten der afghanischen Verbündeten; eine Hypothese, die bisher nicht bewiesen werden konnte.

Das spekulative Moment macht den Film in seiner Aussage nicht schwächer, aber womöglich wäre das Format des gut recherchierten Spielfilms besser gewesen als die gut nachgespielte Recherche. Denn außer Schneiderhans markigen Einlassungen gibt es in den Interviewpassagen wenig Erhellendes. Die Brisanz und die Brillanz von "Eine mörderische Entscheidung" liegt eindeutig in den Spielszenen.

Der Film taucht hier tief in die Komplexität moderner Kriegsführung ein, so hat man das im deutschen Fernsehen noch nicht gesehen. Es werden die Mängel eines Systems gezeigt, das sich im humanitären Einsatz wähnt, während es längst Krieg führt - und gleichzeitig offenbart sich das individuelle Schuldigwerden des Oberst Klein.

Besonders in der letzten halben Stunde werden die Entscheidungsabläufe der fatalen Nacht in einer Detailgenauigkeit wie in Kathryn Bigelows Osama-Jagdszenario "Zero Dark Thirty" nachgestellt. Wobei die deutschen Terroristenjäger im "Search and destroy"-Modus einer fatalen Mixtur aus Täuschung und Selbsttäuschung unterliegen: Erst sendet eine B-1 mangelhafte Bilder von den Tanklastern; der Pilot klassifiziert die Menschen um die beiden Fahrzeuge herum als "80 Aufständische". Eine falsche Einordnung, der Oberst Klein nach anfänglichem Zögern folgt, obwohl die Piloten von zwei angeforderten F-15-Bombern deutliche Zweifel äußern. Deren mehrfach gestellte Frage, ob man nicht erst die Personen in einer "Show of force"-Attacke auseinandertreiben sollen, um dann die Fahrzeuge auszuschalten, beantwortet er schließlich mit einem klaren Nein.

Statt eine 500-Pfund-Bombe abwerfen zu lassen, so wie es die Piloten empfahlen, lässt Oberst Klein gleich zwei abwerfen.


"Eine mörderische Entscheidung", Freitag, 30. August, 20.15, Arte + Mittwoch, 4. September, 20.15 Uhr, ARD

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 94 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Sinn
Zores 16.08.2013
Zitat von sysopEs war die blutigste deutsche Militäraktion seit 1945: Der TV-Film "Eine mörderische Entscheidung" rekonstruiert die Bombardierung zweier Tanklaster in Kunduz, bei der weit über 100 Menschen starben. Ein Doku-Drama über den Krieg im Namen der Menschlichkeit - und seinen moralischen Preis. "Eine mörderische Entscheidung": ARD-Film über Kunduz-Affäre - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/eine-moerderische-entscheidung-ard-film-ueber-kunduz-affaere-a-915712.html)
Verstehe nich ganz, was der Thread soll. Über den Film kann man schlecht diskutieren, da er erst am 30. August ausgestrahlt wird. Und die Thematik an sich ist erquicklich behandelt, in Afghanistan wird Krieg geführt und unter diesen Gegebenheiten waren Oberst Klein keinerlei Vorwürfe zu machen. Punktum.
2. unpassend
Oscar Madison 16.08.2013
Der Vergleich mit dem 2. Weltkrieg, einem von Deutschland begonnenen Vernichtungskrieg, ist vollkommen unpassend - ja zynisch. Hauptsache superlativistisch.
3. Oberst, jetzt General Klein...
Tristan@yours 16.08.2013
... hat sich unter Berücksichtigung der damaligen Situation und seines Kenntnisstands nichts vorzuwerfen. Das ist ein Fakt, oftmals überprüft und nicht widerlegt. Ein Kommandeur seines Formats radikalisiert sich auch nicht, nur weil die Alliierten oder die Locals das wünschen. Nichts ist einfacher, im Nachhinein mit Steinen nach einem Soldaten zu schmeißen und ich hoffe, das dieser Film nicht in diese populäre, von Unwissenheit geprägte Kerbe schlägt.
4. .
Christ 32 16.08.2013
dazu fällt mir nur ein dass bis heute nicht zweifelsfrei geklärt werden konnte wer oder was alles unter den Opfer war. Fakt ist nur das naheliegende Dorf galt als Talibanhochburg und die Tanklaster sollten aller Wahrscheinlichkeit nach für Anschläge genutzt werden. Der Film über den Bundeswehr Kongo- Einsatz war schon übel und jetzt wird der nächste kritische Film zu Bundeswehreinsätzen gedreht.
5.
de-be 16.08.2013
Zitat von Oscar MadisonDer Vergleich mit dem 2. Weltkrieg, einem von Deutschland begonnenen Vernichtungskrieg, ist vollkommen unpassend - ja zynisch. Hauptsache superlativistisch.
Wieso? Beides sind Kriege, die Deutschland führt. Und beide Male wurde Deutschland NICHT angegriffen!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik TV
RSS
alles zum Thema Fernsehen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 94 Kommentare