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ZDF-Epos "Elly Beinhorn": Eine Frau fliegt ihren Weg

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Frau im Cockpit: Elly - Beinhart! Fotos
ZDF

Das ZDF-Epos "Elly Beinhorn - Alleinflug" erzählt leicht, detailgenau und klug die Geschichte einer Pilotin, die 1932 um die Welt fliegt. Der Film schafft es, Zeitgeschichte zeitgemäß zu fiktionalisieren.

Sie war das Mädchen in der Holzkiste. Zumindest beschrieben sie so zu Beginn der dreißiger Jahre die staunenden Menschen in Afrika, wenn Elly Beinhorn in ihrem kleinen klapprigen 40-PS-Propellerflugzeug über sie hinwegschwebt. Der ZDF-Film zeichnet nicht nur die Geschichte der Flugpionierin, Abenteurerin und Praxisfeministin nach - er schafft es auch ganz unangestrengt, Beinholz' himmelsstürmerischen Freiheitsdrang universell und zeitgemäß zu übersetzen.

Im Vertrauen auf die Transferfähigkeiten der Zuschauer spart sich "Elly Beinhorn - Alleinflug" bremsendes Vorgeplänkel, all die Kämpfe und Widrigkeiten auf dem Weg zur Pilotin, gegen den Willen der Familie - und setzt direkt mit qualmender Flugkiste ein: Bei Beinhorns erstem Interkontinentalflug, der sie 1931 in die afrikanische Wüste führt. Nach einer Notlandung wird sie für tot gehalten, kehrt als Medienstar und Prominenzpilotin zurück und schafft 1932 schließlich die Weltumrundung im Alleinflug.

Zweifellos ist Elly Beinhorn eine interessante, ihrer Zeit vorausfliegende Frauenfigur, der Vicky Krieps mit ihrer großartigen Interpretation zusätzlich echte Lebendigkeit und eine sehr heutige Direktheit verleiht. Auch die weiteren Charaktere (gespielt unter anderem von Max Riemelt, Christian Berkel, Ulrike Krumbiegel und Harald Krassnitzer) sind keine Versatzfiguren, sondern haben ihre nuancierten Besonderheiten. Neben den ungekünstelten Dialogen von Autorin und Regisseurin Christine Hartmann überzeugt vor allem die detailbesorgte Ausstattung, die Uniform-Abzeichen getreu nachsticken ließ und auch Ellys Reisegrammophon historisch penibel rekonstruierte. Sprache und Spiel heben die Geschichte schließlich wieder aus ihrer historischen Verankerung.

Bruchlandung auf die diskrete Tour

Denn wenn die fluglustige Elly allen Widerständen und verkrusteten Meinungen zum Trotz ihren Platz in einer sogenannten Männerdomäne einfordert, tut sie das völlig selbstverständlich, ohne kokette Demut oder unnötiges Getöse - mit zeitloser, bestimmter Lässigkeit. Und ihr Versuch, den Himmel mit der Erde zu verbinden, lässt sich ganz prosaisch in eine universelle Frage übersetzen: Lassen sich Freiheitsliebe und feste Bindungen vereinbaren, ohne laue Kompromisse eingehen zu müssen?

So fern Beinhorns aberwitzige Flugkisten und die zigarrenförmigen Rennautos ihres Ehemanns Bernd Rosemeyer dem heutigen Betrachter erscheinen, so nah sind die Nöte, mit denen sie zu ringen hatte: Wie kann ich meinen Traum finanzieren? Wie viel öffentliche Inszenierung muss sein, wie weit darf ich mich vereinnahmen lassen? Bei all diesen Fragen kommt die filmische Umsetzung so leichtflügelig daher, dass auch Raum für charmanten Humor bleibt.

Sehr viel kann schiefgehen beim Versuch, Zeitgeschichte zeitgemäß zu fiktionalisieren, der Film vermeidet viel davon: Aufwendige Action rutscht schnell ins unfreiwillig Klamaukige ab - weswegen Bruchlandungen diskret hinter einem Hügel vonstatten gehen. Leicht wackelige Original-Filmaufnahmen, von Elly Beinhorn selbst gedreht, versetzen den Zuschauer stattdessen in ihren Pilotensitz.

Sexszenen werden ausgeblendet, wenn es ans Eingemachte geht. Und statt die historische Wirklichkeit durch die Perspektive der Figuren zu brechen, überlässt das die Regie geschickt einem Botenbericht: Ausschnitte aus der "Wochenschau" erzählen vom neuen Reichskanzler Hitler und sind subtiler Gradmesser für die politischen Veränderungen im Land, zum Beispiel wenn ein gewonnenes Rennen von Rennfahrer Rosemeyer plötzlich mit den Worten gefeiert wird, er hole "dem deutschen Volk" erneut den Sieg.

Die Film-Elly kommentiert die politische Entwicklung mit einem schnippischen "Göring, Hitler, was interessieren mich diese Leute". Die Echt-Elly, auch ein Statement, trat nicht in die NSDAP ein und flog erst wieder nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.


"Elly Beinhorn - Alleinflug", Sonntag, 20:15 Uhr, ZDF. Um 0.10 folgt "Elly Beinhorn - Die Dokumentation".

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insgesamt 17 Beiträge
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1. Ich bin überrascht
theodorzaloschnik 30.03.2014
Eigentlich ist es ja hier bei Spiegel Online Normalität deutsche TV-Produktionen zu zerreißen und verspotten. Mußte allerdings auch die Erfahrung machen, daß hoch gelobtes (wenn es denn mal vorkommt) meistens Mist war.
2.
Jobst4.0 30.03.2014
Das bemerkenswerte an diesem Artikel ist nicht das eigentliche Thema, der Film also, sondern die Gestaltung an sich. Leider laufen Filmkritiken, besonder auf Spon, sehr häufig auf ein bestimmtes polarisiertes Fazit hinaus. Fundierte Analysen hingegen sind Mangelware. Dieser Artikel schafft es, ein Bild der Qualität des Werkes zu schaffen, das nicht durch Zynismus oder übertriebene Lubhudelei verzerrt wird. Chapeau Frau Rützel, gerne mehr!
3.
instabil 30.03.2014
Toll instrumentiert die Taifun.
4.
barlog 30.03.2014
Zitat von theodorzaloschnikEigentlich ist es ja hier bei Spiegel Online Normalität deutsche TV-Produktionen zu zerreißen und verspotten. Mußte allerdings auch die Erfahrung machen, daß hoch gelobtes (wenn es denn mal vorkommt) meistens Mist war.
Ich lese auch lieber nüchtern objektive Kritiken als so eine durchweg positive Betrachtung wie hier, die für mich lediglich das Fazit bringt: Der Autorin hat der Film gefallen.
5. optional
henschel 30.03.2014
Manchmal fragt man sich schon wenn man so liest: "Die Film-Elly kommentiert die politische Entwicklung mit einem schnippischen "Göring, Hitler, was interessieren mich diese Leute". Die Echt-Elly, auch ein Statement, trat nicht in die NSDAP ein und flog erst wieder nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs." Elli Beinhorn ist nachgewiesener Weise auch ohne die Mitgliedschaft zur NSDAP ein Aushängeschild des Dritten Reiches gewesen und hat dieses auch für sich ausgenutzt. Die Textzeile oben macht den Eindruck das ihre Karriere nur vor 1933 verlief, dies ist aber eindeutig nicht so! Wenn man sich bei SPON etwas mehr Recherche-Mühe gegeben hätte wären vielleicht Hinweise zu ihrer extrem willigen Mitläuferschaft und Nähe zu Parteigrößen selbst beim schnellen Durchlesen von Wikipedia aufgefallen. Trotz der Kritik an dem SPON-Autor (den ich allerdings außer den oben genannten Fauxpas nicht als Verriss wahrnahm) - ich denke es wäre schön wenn der Film gelungen wäre - und vielleicht nicht so unpolitisch wird wie SPON es darstellt. Stand SO1700h: Warten wir mal alle ab das wir später alle mitreden können ;).
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