Doku über Emmanuel Macron Er hat alles neu gemacht

Viele Politiker wünschen sich, auf der Höhe der Zeit zu sein. Emmanuel Macron ist einer der wenigen, denen es gelingt. Wie genau, das zeigt die Dokumentation "Macron: Hinter den Kulissen des Sieges"

Soazig De La Moissonnière/ Sky

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Emmanuel Macron schaut sich ein lustiges Video an. Es zeigt, wie ein Ei nach einer unwahrscheinlich präzisen Flugbahn auf der Stirn eines Mannes landet und zerbricht. Es ist eine riesige Sauerei. Macron lacht und lacht. Der Mann im Video ist er selbst. Beim obligatorischen Besuch der Pariser Landwirtschaftsmesse, dem Salon de l'Agriculture, hatte ihn ein Protestierer mit dem Ei erwischt. Macron kommentiert nach der Videoauswertung, der Werfer habe schon auch Glück gehabt. Der Anzug müsse jedenfalls in die Reinigung. Seine Frau Brigitte bemerkt, die Reinigung werde sich allmählich fragen, welch seltsamen Beruf ihr Mann so ausübe.

Der zentrale Begriff der Dokumentation, die Yann L'Hénoret und sein Team über den Wahlkampf von Emmanuel Macron realisiert haben, ist der des Risikos. Man kann nur bedauern, dass der große deutsche Soziologe Ulrich Beck sie nicht mehr sehen kann. In einer anderen Szene geht es darum, welches Risiko Macron eingeht, wenn er spontan auf eine gegen ihn protestierende Menschenmenge zugeht, um zu diskutieren. Macron sagt und bezieht es nicht nur auf den Moment, sondern auf sein politisches Leben insgesamt: "Ich werde nicht mehr in Sicherheit sein!" Er warnt davor, den Ratschlägen derer zu folgen, die die Sicherheit von Spitzenpolitikern herzustellen haben: "Dann endest du wie Hollande. Du bist in Sicherheit, aber tot."

Risiko ist es wieder, was ihn von seinem einstigen Chef, dem früheren Premierminister Manuel Valls unterscheidet. So jedenfalls erklärt es Macron an einer wesentlichen Stelle des Films: Valls habe von innen gegen den Präsidenten Hollande intrigiert und dessen Amtsführung konterkariert, lange bevor er vom Amt des Premierministers zurückgetreten sei. Valls habe das persönliche Risiko vermeiden wollen, das sei dessen großer Fehler gewesen. Macron schied zeitig aus der Regierung aus, sogar aus dem öffentlichen Dienst und verzichtete darauf, sich einer Partei anzuschließen. Er hat alles neu gemacht.

Ein zukünftiger Präsident, der einen Laptop bedienen kann - das gab es noch nie

In der Dokumentation können wir den wagemutigen Stil des Kandidaten gut studieren: Er schreitet noch auf die gruseligste Menschenmenge zu und versucht es schon mal mit einem fröhlichen Bonjour. Das klappt nicht immer, aber überraschend oft. Nur wenige Schreihälse widerstehen der Gelegenheit, ihre noch so krausen Argumente einem Präsidentschaftskandidaten vorzutragen.

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Macron-Doku "Hinter den Kulissen": Ganz nah dran

Das wahre Drama spielt sich während jener Monate aber gar nicht um Macron herum ab, sondern in den anderen politischen Lagern, über die man auch gern mal eine Dokumentation sähe. Der langsame Untergang des gaullistischen Kandidaten François Fillon kommt nur am Rande vor, ebenso die Weigerung von Hollande, noch einmal anzutreten. Beide Ereignisse bahnen Macron erst den Weg, obwohl er schon immer so agiert, als würde alles genau so kommen. In dem Film kann man noch mal genau betrachten, welche Revolution der politischen Verhältnisse in Frankreich dieser Wahlkampf bedeutet. Ein zukünftiger Präsident, der einen Laptop besitzt und bedienen kann - das gab es noch nie. Ein Kandidat, der einen Sinn für Symbolik hat, aber darüber nicht in der eigenen Gravitas versinkt, sondern etwas von Tempo versteht, der schnell reagieren und führen kann, ohne autoritär zu wirken - das ist ein Novum.

Macron geht Risiken ein

Einmal gerät Macron mit seinem Wahlkampf in Schwierigkeiten. Es ist der kritische Moment zwischen erstem und zweitem Wahlgang. Macron besucht den Betriebsrat einer Fabrik in Amiens, die von Stilllegung bedroht ist. Noch während er mit den Gewerkschaftsvertretern in der örtlichen Handelskammer tagt, erreicht ihn die Nachricht, dass seine Konkurrentin Marine Le Pen vor den Werkstoren aufgekreuzt ist, um dort zu den Beschäftigten zu sprechen. Das Bild ist potenziell verheerend: die blonde Populistin bei den armen Arbeiterinnen, der smarte Mann im Anzug hinter verschlossenen Türen. Es ist die einzige Szene, in der Macron sein Team kritisiert: Man sei nicht mehr professionell, wenn solch eine Panne möglich sei. Er macht sich sofort auf den Weg, um ebenfalls die Arbeiter vor dem Werkstor zu besuchen.

Es wird ein schwieriger, aber denkwürdiger Auftritt. Denn in der französischen politischen Kultur ist es seit jeher so, dass auf den Protest, wenn er nur heftig genug ist, der König und später der Präsident, mit einem souveränen Akt der Gnade reagiert: Gesetze zurückzieht, Geld ausgibt oder eine Not leidende Fabrik eben verstaatlicht. Macron macht etwas anderes: Er erklärt der Belegschaft, dass der Eigentümer des Werks das Recht habe, es zu schließen. Der Staat werde sich um Schulungen, Ansiedlungen, um Übergangsregelungen und neue Jobs kümmern, aber es gebe keine Möglichkeit, einen Eigentümer am Verkauf seiner Fabrik zu hindern. Er sprach zu den Kollegen wie mit erwachsenen Menschen und stundenlang. Letztlich konnte er den Tag für sich entscheiden, weil er das Risiko eingegangen war, sich den besorgten Arbeitern zu stellen und bei der Wahrheit zu bleiben.

Der Film sollte allen Wahlkämpfern zum Pflichtstück werden

Auch das soziale Umfeld des Kandidaten ist ungewöhnlich. Seine Frau ist oft zugegen, aber wenn er sie um Rat bittet, winkt sie ab, schließlich ist die Kamera dabei: "Du weißt doch, dass wir zu zweit reden." Die Nähe zwischen ihnen nutzt Macron auch, um die Gerüchte über seine Homosexualität zu kommentieren: "Meine Frau und ich sind von morgens bis abends zusammen. Wenn man ihnen also erzählt, ich sei mit einem Mann zusammen, dann handelt es sich um ein Hologramm von mir, das entflohen ist!" In ernsteren Momenten analysiert er dann aber die Implikationen des Gerüchts, das von der Homophobie und Frauenfeindlichkeit gewisser Kreise in Frankreich zeugt.

Um Macron herum sehen wir zahlreiche junge Leute, die die ganze Diversität und Solidarität des urbanen Frankreichs repräsentieren. Es sind Amateure, die sich ehrlich aufregen und denen etwas dran liegt, dass ihr Kandidat gewinnt, die aber zugleich fair, sachlich und effektiv arbeiten können. Es ist ein politisches Start-up-Unternehmen, das aber ohne Sektenkultur und ohne Beraterjargon auskommt.

Der Film sollte allen Wahlkämpfern zum Pflichtstück werden. Man kann hier, wie schon in "The War Room" von DA Pennebaker und Chris Hegedus, in dem der Wahlkampf von Bill Clinton 1993 porträtiert wird, studieren, wie eine politische Kampagne den Anschluss an ihre eigenen Gegenwart findet. Viele wünschen sich, auf der Höhe ihrer Zeit zu sein und nur wenigen gelingt es. In diesem Film über Macron sehen wir, wie zentral der Begriff des Risikos dabei ist, denn die Zeiten sind so und so leben auch die Wähler. Aber entscheidend ist noch etwas anderes: Macron und seine Leute glauben an Politik. Sie betreiben sie nicht als Ersatz für eine andere Laufbahn, halten sie nicht für ein Subsystem der Wirtschaft oder ein Testgebiet für Marketingtricks. Sie meinen es wirklich ernst und so fällt es ihnen ganz leicht.


"Macron: Hinter den Kulissen des Sieges", Mittwoch, 20.15 Uhr auf Spiegel Geschichte bei Sky



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