Emmys 2014 Schnell, schmutzig, Fernsehen

Mit "Breaking Bad" haben die Emmys einen großen Gewinner. Doch der verdiente Sieg des Drogendramas kann nur halb vertuschen, was für eine fantastische Grütze die Preisgala war.

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Wenn einen in der Nacht gewisse Bedürfnisse überkommen, dann sollte man sich ans Fernsehen wenden, empfahl Moderator Seth Meyers gleich zu Beginn der 66. Emmy-Verleihung. Im Gegensatz zum Kino sei Fernsehen einfach weniger zickig und anspruchsvoll, da müsse man nicht teure Geschenke kaufen, um zum Zuge zu kommen.

Ein seltsamer Einstieg für ein familienkompatibles Unterhaltungsevent, sollte man meinen. Und überhaupt: Erleben wir nicht gerade das goldene Zeitalter des Fernsehens? Die Ära, in der TV dem Kino in Sachen Anspruch und Ästhetik längst den Rang abgelaufen hat?

Nein, nach drei Stunden Emmy-Gala können Generationen von Cineasten beruhigt sein: Das Fernsehen ist genauso schnell, schmutzig und anspruchslos, wie Meyers es gesagt hat.

Dabei fing der Abend gar nicht mal so schlecht an. In seinem Einstiegsmonolog landete NBC-Late-Night-Talker Meyers ein paar hübsche Pointen über den ungewöhnlichen Sendetermin (die Emmys wurden in diesem Jahr zugunsten der MTV-Awards und Football-Übertragungen auf einen Wochentag verschoben) und die ungewöhnlichen Einreichungen der Fernsehmacher.

"Das Drama, das uns zum Weinen bringt - weil es bei den Comedys eingereicht wurde" - so wurde die zwölffach nominierte Netflix-Serie "Orange Is the New Black" genannt. Leider sollte das die einzige Würdigung für die herausragende Produktion über einen Frauenknast bleiben: Wieder einmal gewann "Modern Family" den Preis für die beste Comedy, was den Kollegen vom "Guardian" zu der hübschen Pöbelei verleitete: "Schon wieder dieser angetrocknete, auf dem Bürotisch liegengebliebene Donut von einer Show?"

Wie ernst es die TV-Branche mit der Begeisterung für "Modern Family" wirklich meint, wurde noch in der Show selbst in Frage gestellt. Da wurde nämlich Sophia Vergara, Star aus der gefeierten Sitcom, wie eine Schaufensterpuppe auf ein rotierendes Podest gestellt, um als Kulisse mit Kurven die Bühne zu verschönern. Wenn der Twitter-Aufruhr über die Szene halbwegs aussagekräftig ist, dürfte der übertragende Sender CBS zu diesem Zeitpunkt einen merklichen Knick in der Zuschauerquote verzeichnet haben.

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Emmy-Verleihung: Die Quatschmacher vom roten Teppich

Stürmischer Kuss für Julia Louis-Dreyfus

Aber für jeden Vergara-Tiefschlag gab es zum Glück ein Julia-Louis-Dreyfus-Highlight. Der ehemalige "Seinfeld"-Star glänzt nicht nur in der HBO-Comedy "Veep" als ruchlose Vizepräsidentin - auch als mittlerweile doppelte Preisträgerin spielt sie in einer anderen Klasse. 2013 lieferte sie nach ihrem ersten Emmy-Gewinn für "Veep" noch eine Dankesrede ab, wie sie Serienschöpfer Armando Ianucci nicht lustiger hätte schreiben können.

2014 nahm sie noch auf dem Weg zur Bühne völlig souverän den Liebesbeweis vom derzeit größten männlichen TV-Star entgegen: Bryan Cranston ("Breaking Bad") fing Louis-Dreyfus für einen freundschaftlich gemeinten, aber dennoch äußerst stürmischen Kuss ab. Wie auch der Preis für die beste Comedy-Hauptdarstellerin war dies ausnahmslos verdient.

Ganz ohne Küsse musste schließlich Cranston seine Trophäe als bester Drama-Darsteller entgegennehmen. Aber auch so dürfte er die Liebe der Academy für die letzte Staffel der Hitserie gespürt haben: Mit Aaron Paul und Anna Gunn siegte "Breaking Bad" in allen Darstellerkategorien und wurde zum Schluss auch noch zur besten Drama-Serie gekürt.

Bei so viel Jubel für Everybody's Seriendarling ging fast unter, dass zuletzt eigentlich ganz andere Formate für Gesprächsstoff gesorgt hatten: "True Detective" war zweifellos die maßgebliche Serie des Frühjahrs, doch statt wie erwartet für Hauptdarsteller Matthew McConaughey gab es nur für Regisseur Cary Fukunaga einen Emmy. Dass beide an der zweiten "True Detective"-Staffel nicht mehr mitwirken werden, dürfte niemanden trösten.

Kolbort statt Colbert

Ebenso ging bei der dichtgetakteten Preisvergabe unter, was für ein großartiges Jahr es für neue Comedys war - neben "Orange Is the New Black" ging auch "Silicon Valley" leer aus. Stattdessen musste man sich über die Academy-Begeisterung für "Sherlock" wundern, ein starkes Format, das aber sicherlich nicht seine stärkste Saison hinter sich hat. Von der Aussicht auf Preise als bester Haupt- bzw. Nebendarsteller hatten sich Benedict Cumberbatch bzw. Martin Freeman wohl auch nicht viel versprochen und waren erst gar nicht nach Los Angeles gereist.

Als sie schließlich gewannen, musste unter anderem Stephen Colbert einspringen und in Freemans Namen akzeptieren. Der Letterman-Nachfolger Colbert war es denn auch, der unfreiwilligerweise für den lustigsten Moment der Emmys 2014 sorgte. No-Doubt-Sängerin Gwen Stefani verhunzte den Namen seiner Show "The Colbert Report" so sehr (sie sagte Kolbort statt Koll-Bär), dass ihr Co-Preisverleiher Adam Levine schnell noch mal den Show-Namen richtig sagte, damit auch klar war, wer denn nun als beste Variety-Show gewonnen hatte.

Zu diesem Zeitpunkt versuchten Liveblogger und Twitter-Nutzer noch mal, die Emmys auf Augenhöhe mit den Oscars zu bringen - schließlich hatte dort John Travolta ähnlich versagt und Idina Menzel als Adele Dazeem angekündigt. Aber da war es schon längst zu spät und die Emmys nicht mehr und nicht weniger als eine wirre TV-Preisverleihung. Schnell, schmutzig, anspruchslos. Aber, wenn wir ehrlich sind, auch ganz schön unterhaltsam.

... and the Emmy goes to...

Kategorie Gewinner/in
Hauptdarsteller, Comedy-Serie Jim Parsons, "The Big Bang Theory"
Hauptdarstellerin, Comedy-Serie Julia Louis-Dreyfus, "Veep"
Nebendarsteller, Comedy-Serie Ty Burrell, "Modern Family"
Nebendarstellerin, Comedy-Serie Allison Janney, "Mom"
Drehbuch, Comedy-Serie Louis C. K., "Louie"
Regie, Comedy-Serie Gail Mancuso, "Modern Family"
Hauptdarsteller, Miniserie oder Spielfilm Benedict Cumberbatch, "Sherlock: His Last Vow"
Hauptdarstellerin, Miniserie oder Spielfilm Jessica Lange, "American Horror Story: Coven"
Nebendarsteller, Miniserie oder Spielfilm Martin Freeman, "Sherlock: His Last Vow"
Nebendarstellerin, Miniserie oder Spielfilm Kathy Bates, "American Horror Story: Coven"
Drehbuch, Miniserie oder Spielfilm Stephen Moffat, "Sherlock: His Last Vow"
Regie, Miniserie oder Spielfilm Adam Bernstein, "Fargo"
Hauptdarsteller, TV-Serie Bryan Cranston, "Breaking Bad"
Hauptdarstellerin, TV-Serie Julianna Margulies, "The Good Wife"
Nebendarsteller, TV-Serie Aaron Paul, "Breaking Bad"
Nebendarstellerin, TV-Serie Anna Gunn, "Breaking Bad"
Drehbuch, TV-Serie Moira Walley-Beckett, "Breaking Bad"
Regie, TV-Serie Cary Joji Fukunaga, "True Detective"
Regie, Unterhaltungsshow Glenn Weiss, "67th Annual Tony Awards"
Beste Unterhaltungsshow "The Colbert Report"
Beste Comedy-Serie "Modern Family"
Beste Miniserie "Fargo"
Bester Spielfilm "The Normal Heart"
Beste Spielshow "The Amazing Race"
Beste Reality-Show "Shark Tank"
Beste TV-Serie "Breaking Bad"

Quelle: AP

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insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
sitiwati 26.08.2014
1. Toll.also
Modern familiy find ich sehr unzterhaltsam, diese THe BBT vollkommen ausgeluscht, ich denke, man hat jede Folge im Pro 7? ungefähr 5x gesendet, wenn nicht öfters, andere Serien wie SEinfeld sin nur doof! aber ehrlcih gesagt, das sind auch dei beiden einzige Serien, die ich mit Bewusstsein gesehen habe, mittlerweise wird das TV von billigst Serien überflutet, wenn das so weitergeht, kann ich zB bald meine Anmeldung als US REchtsanwalt abschicken!
Jansen_1988 26.08.2014
2.
"Aber da war es schon längst zu spät und die Emmys nicht mehr und nicht weniger als eine wirre TV-Preisverleihung. Schnell, schmutzig, anspruchslos. Aber, wenn wir ehrlich sind, auch ganz schön unterhaltsam." Treffend formuliert: Schnell, schmutzig, anspruchslos. Dennoch wird man immer wieder in den Bann der Preisverleihungsshows gezogen, weil man eben auf genau solche Momente wartet, wie verpatzte Ansagen, peinliche Stars usw.
paulreuter 26.08.2014
3. Ungenaue Berichterstattung: Zwei Emmys für Orange is the new Black
Im Artikel steht, OitnB hätte 12 Nominierungen erhalten, aber keine dieser 12 Kategorien gewonnen. Das ist so nicht richtig. Die Emmys teilen sich ja in zwei Preisverleihungen auf (der Emmy & der Creative Emmy). Es gab 5 Nominierungen bei den Emmys (alle ohne Preise) sowie 7 Nominierungen bei den Creative Emmys (3 Preise, darunter "Outstanding Guest Actress in a Comedy Series" für Uzo Aduba ("Crazy Eyes")).
pfzt 26.08.2014
4. Moment,
"Wenn der Twitter-Aufruhr über die Szene halbwegs aussagekräftig ist, dürfte der übertragende Sender CBS zu diesem Zeitpunkt einen merklichen Knick in der Zuschauerquote verzeichnet haben." Das hättet ihr wohl gerne das euer blödes Twitter so eine Bedeutung im Leben der Leute hätte. Es reicht schon das Journalisten nur noch daraus abschreiben.
mariowario 26.08.2014
5. Wenigstens war Fargo die beste Mini-Serie
Die Modern Family Serie wird wahrscheinlich aus Gründen der 'Political Correctness' besonders gefördert ;-) (The Mindy Project ist auf jeden Fall lustiger und vertritt noch den ersten Hauptrollen-Auftritt der wirklich diskriminierten (indischstämmigen) Minderheit).
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