Comedy-Star Enissa Amani "Sag allen, ich wäre eine Diva. Aber eine gute!"

Sie hat sich im harten Comedy-Geschäft nach oben gearbeitet, jetzt läuft ihr Soloprogramm auf Netflix: Enissa Amani über die Oberflächlichkeit ihrer Generation und die Freiheit, nicht immer nur tough, sondern auch Tussi zu sein.

Getty Images

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Frau Amani, in Porträts, die man über Sie liest, wird stets gelobt, dass Sie nicht nur witzig und schön sind, sondern darüber hinaus auch noch gebildet. Mit Ihnen könne man sogar über Politik reden, heißt es. Wollen wir?

Enissa Amani: Oh, wenn ich so eingestuft werde, ehrt mich das sehr. Ich äußere mich auch gerne zu politischen Dingen, aber das heißt nicht, dass ich das aktuelle Wahlprogramm der CDU kenne oder weiß, wer gerade in meinem Landtag sitzt. Ich bin eher zwangsläufig, über mein Elternhaus, damit groß geworden. Wir haben oft zu Hause gesessen und diskutiert: Welche Gesellschaftsform, welche Wirtschaftsform? Mein Papa hat mich mit Adam Smith in Berührung gebracht, ich wusste früh, welche Basistheorien Marx oder Hegel vertraten.

Zur Person
  • ProSieben/ Boris Breuer
    Enissa Amani, 1981 in Teheran geboren, ist eine deutsche Komikerin. Ihre politisch aktiven Eltern flohen vor dem Regime in Iran nach Frankfurt am Main. Amani studierte Literaturwissenschaften, jobbte nebenbei in der Kosmetikbranche und als Flugbegleiterin. Seit 2013 macht sie Stand-up-Comedy über migrantische Themen und kulturelle Unterschiede. 2015 gewann sie den Deutschen Comedypreis, 2016 bekam sie mit "Studio Amani" eine eigene, allerdings erfolglose Late-Night-Show auf ProSieben. Ab 26. April ist Amani mit ihrem einstündigen Solo-Programm "Ehrenwort" auf Netflix zu sehen. Sie lebt in Köln.

SPIEGEL ONLINE: Für aktuelle Tagespolitik interessieren Sie sich gar nicht?

Amani: Tatsächlich wenig. Es gibt da selten etwas, das mich bewegt. Natürlich mache ich mir Gedanken, was für Auswirkungen es beispielsweise hat, wenn die deutsche Waffenindustrie in Krisengebiete liefert, und versuche das dann philosophisch zu backuppen, aber aus einer eher globalen Perspektive heraus. Diese Widersprüchlichkeit, da bin ich ganz Teil meiner Generation, thematisiere ich ja auch in meiner Comedy. Wir sind, aufgrund von Social Media, alle sehr informiert. Aber wir sind genauso taub und abgestumpft.

SPIEGEL ONLINE: Also sind Sie, ganz wertungsfrei, ein bisschen oberflächlich?

Amani: Das ist schon okay, ich werte mich da schon selber, auch auf der Bühne, wenn ich sage: Ich bin zugleich Mittäter und Opfer dieser Gesellschaft. Ich bin genau das, was die Masse meiner Generation ausmacht, nämlich: die Ungerechtigkeiten dieser Welt erkennen, sie ändern wollen und gleichzeitig schön im Fluss mitschwimmen, Status und Anerkennung sammeln, auch über ganz schnöde Dinge. Wir twittern: "Verdammt, wir müssen alle rübergucken, was in Aleppo passiert!" Und drei Sekunden später ist das neue Lipgloss von Kylie Jenner Thema.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem gesamten Soloprogramm geht es fast ausschließlich darum, wie sich Menschen mit verschiedenen Herkünften und Prägungen in Deutschland zurechtfinden. Im Bundestag lehnt mit der AfD die größte Oppositionspartei diese Vielfalt ab. Und die Gewalt gegen Migranten nimmt zu. Empfinden Sie das nicht als bedrohlich?

Amani: Doch! Da bin ich sehr durch meine deutsche Schulbildung geprägt. Die deutsche Vergangenheit war durchgängig ein großes Thema. Es ist gut, weil es wichtig ist, dass wir lernen, was wir im Zweiten Weltkrieg verkackt haben. Deshalb weiß ich, wie jeder Deutsche, der bei Verstand ist, dass es sehr gefährlich ist, solche rechten Strömungen nicht ernst zu nehmen. Aber andererseits: Ich habe keinen Krieg erlebt, ich habe in meinem Leben bisher noch keine Bedrohung wirklich wahrgenommen.

SPIEGEL ONLINE: Auch keinen Rassismus?

Amani: Nur in latenter Form. Natürlich habe ich auch mal erlebt, dass jemand zu mir sagt: "Das kannst du da machen, wo du herkommst", was ich als Rassismus empfinde. Aber ich bin noch nie von Nazis mit Knüppeln in den Händen verfolgt worden.

Fotostrecke

10  Bilder
Enissa Amani: Tussi, aber tough

SPIEGEL ONLINE: Viele Ihrer Fans auf Facebook, zumindest die männlichen, wollen sich mit so etwas gar nicht beschäftigen. Sie schwärmen über Ihre Schönheit und machen Ihnen Heiratsanträge. Nervt das?

Amani: Nein! Ich bin eine Frau, und du kannst mir - wie jeder Frau - nicht oft genug schmeicheln. Auch wenn ich manchmal verlegen werde oder nicht weiß, wie ich damit umgehen soll, ist es erst mal Fütterung für mein Ego. Ob jemand findet, dass ich schön bin oder klug, nett oder herzlich, das ist erst mal toll. Aber in Deutschland ist es schon so, dass ich das Gefühl habe, ich hätte mehr Anerkennung bekommen für das, was ich spiele oder sage, hätte ich einen anderen Look gehabt.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Amani: Ich weiß es nicht genau. Anders als zum Beispiel die Amerikaner feiern wir nicht die Extravaganz, wir haben Understatement lieber. Und dann kommt da jemand wie ich, die sagt, was sie denkt, auch noch Comedy macht - und sich dann auch noch gerne die Haare föhnt und hohe Schuhe trägt. Darum geht es ja nur, um die Präsentation. Es heißt immer: Du bist so schön, du bist so schön! Ich kenne in Deutschland nur bildhübsche Kolleginnen, ob Carolin Kebekus oder Katrin Bauerfeind.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie mit Ihrer Art, sich zu präsentieren, negative Erfahrungen in der Unterhaltungsbranche gemacht?

Amani: Ich schreibe für große Namen in Deutschland und werde dafür auch ernst genommen, das merke ich auch am Applaus und an der Anerkennung in meinen Shows. Aber ich musste es mir hart erarbeiten. Ich war keine, der man automatisch zugetraut hat, dass sie etwas kann.

SPIEGEL ONLINE: Gab es auf diesem Weg auch Männer, die glaubten, sie könnten übergriffig werden?

Amani: So etwas ist mir in meinem Leben tatsächlich noch nie passiert. Obwohl ich immer herzlich mit Leuten bin und so mädchenhaft wirke, hat sich noch nie jemand getraut, mir zu sagen: "Ich fänd's aber gut, wenn wir uns heute um ein Uhr nachts in der Hotellobby nochmal über dieses oder jenes Thema unterhalten". Dazu bin ich vielleicht doch zu tough.

SPIEGEL ONLINE: Wie bewerten Sie die aktuelle #MeToo-Debatte?

Amani: Ich verstehe, dass es sehr viele, vor allem junge Frauen gibt, die davon betroffen sind. Da kommt dann ja schnell der Vorwurf: Wie dumm muss man sein! Aber stellen Sie sich ein 18-jähriges Mädchen vor, die mit einem mächtigen Mann wie Harvey Weinstein konfrontiert ist: Sie möchte eine Schauspielkarriere machen und will sich dafür nicht verkaufen. Sie denkt sich aber: Wenn ich jetzt Nein sage zu dieser Einladung, kann ich dann vielleicht meine gesamte Karriere vergessen? Vielleicht will er ja wirklich nur ein bisschen flirten und einen Tee trinken! Wenn ich mal Kinder habe, würde ich sie gerne so erziehen, dass sie wissen: Du musst nie denken, dass von so etwas abhängig ist, was in deiner Zukunft passiert. Es ist wichtig, dass jetzt so viele von ihren Erfahrungen berichten, so dass andere Mädchen künftig nicht in diese Lage kommen.

SPIEGEL ONLINE: Muss man sich, gerade im Comedy-Geschäft, besonders hart geben, um sich durchzusetzen?

Amani: Für mich bedeutet die ultimative Freiheit, selbst entscheiden zu können, wie ich mich gebe, völlig ohne gesellschaftliche Zwänge. Meine Mutter sagt, sie hat auch deswegen Medizin studiert, weil es in der Gesellschaft, in der sie aufgewachsen ist, die einzige Möglichkeit war, einem Mann sagen zu dürfen: "Hinsetzen, freimachen, Klappe halten!" Für sie ist allein die Vorstellung schlimm, dass ich zum Beispiel gerne einem Mann Tee anreiche: Nein, du musst dem beibringen, dass er fragt! Ich bin da viel konservativer als sie, ich habe aber auch die Freiheit, es mir auszusuchen.

SPIEGEL ONLINE: Eine Luxusposition?

Amani: Absolut! Mir ist völlig bewusst, dass viele Frauen ganz anderen Zwängen unterworfen sind. Aber auch ich wurde vor vier Jahren, als Mädchen mit wenig Geld und ohne viel Geschäftssinn, ohne Hilfe in ein Haifischbecken geworfen und musste lernen, wie man zur Businessfrau wird, Zahlen, Steuern, aber auch Umgang mit Produktionsfirmen und der Presse.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt sind Sie die erste deutsche Comedienne mit einem eigenen Spezial auf Netflix, das Sie noch dazu selbst mitproduziert haben.

Amani: Ja, aber es ist nach wie vor schwierig, als Frau einem gestandenen Kameramann zu sagen, ich will diese Einstellung und keine andere. Ich habe inzwischen auf Produktionsebene so viel gelernt, Sound, Schnitt, Licht, ich verstehe etwas davon und weiß, was ich sagen kann. Aber ich kriege oft nicht denselben Respekt dafür wie ein Typ. Als Mann wirst du bewundert, wenn du klare und kompetente Ansagen machst, als Frau bist du die Zicke. Aber wir arbeiten ja dran! Ich sage am Set immer allen, sie sollen herumerzählen, ich wäre eine Diva. Aber eine von den guten, so wie J. Lo oder Beyoncé. Eine Diva, die was draufhat.

Mehr zum Thema


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.