ARD-Erotikdrama "Sag mir nichts" Ehebruch, das schönste Verbrechen der Filmgeschichte

"Sag mir nichts" mit Ronald Zehrfeld und Ursina Lardi zeigt, wie zwei Liebende Affäre und Alltag zusammenzubringen versuchen. Kluges, sinnliches Erotikkino - am Mittwoch im Ersten.

SWR/Julia von Vietinghoff

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Dieser Text erschien bereits einmal im November, wo "Sag mir nichts" TV-Premiere feiern sollte. Die Ausstrahlung wurde damals wegen der US-Wahl kurzfristig verschoben.

Es ist und bleibt natürlich eine große Schweinerei, was wir in Erotikdramen zum Thema Ehebruch sehen - und doch folgen wir den Heldinnen und Helden bei ihrem befreienden Betrug, bei ihrer desaströsen Hemmungslosigkeit bis unter die schmuddeligsten Laken. Da fühlt man sich schon beim Zuschauen verwegen: endlich mal keine halbe Sachen.

Oder etwa doch? Denn richtig konsequent ist es nicht, was der Lokalreporter Martin (Ronald Zehrfeld) und die Fotografin Lena (Ursina Lardi) da treiben. In der proppevollen U-Bahn reicht ein Blick, dann ist eine Verbindung zwischen den Fremden hergestellt. Im überfüllten öffentlichen Schwimmbad, krault man dann aufgeregt umeinander herum.

Auf dem Fußballplatz hinter dem Bahndamm, die Haare dampfen noch nass in der kalten Herbstluft, fallen die beiden schließlich wortlos übereinander her. Ein Ringen und Verschlingen, ein stiller Schrei des Verlangens. Namen werden nicht ausgetauscht.

Danach Hosenlatz zu, Höschen hoch, ab nach Hause. Bei Martin wartet die Ehefrau (Sarah Hostettler) mit den anstrengenden Schwiegereltern am Wohnzimmertisch, bei Lena brummt zur Begrüßung der bärige Ehemann (Roeland Wiesnekker) ein paar zärtlich-burschikose Worte. Dann schnarcht man zusammen ein.

Große Tabubrüche, kleine Gemeinheiten

Der Einstieg der ARD-Produktion "Sag mir nichts" ist furios, ein entfesselter, rücksichtsloser Liebesakt. Eigentlich sollte der Film schon am 9. November laufen, doch wegen des Ausgangs der US-Wahl wurde er verschoben. Jetzt läuft er am Mittwoch, den 28. Dezember zur Primetime.

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Erotikdrama "Sag mir nichts": Kann denn die Liebe ein Verbrechen sein?

Direkt nach der "Tagesschau", was für ein schöner Sendeplatz. Es gibt wenige Regisseure, die das so durchgesetzt bekommen. Aber Andreas Kleinert, der Meister der großen Tabubrüche und kleinen Gemeinheiten, lässt man gelegentlich durchs Sicherheitsnetz im Hauptprogramm schlüpfen.

Kleinert zeigt Versionen von Glück, für die es keinen gesellschaftlichen Konsens gibt: etwa Götz George als spießigen Staatsanwalt, der in "Nacht ohne Morgen" (2011) mit einem gekauften Liebhaber auf Wolke sieben schwebt. Oder Julia Jentsch als junge, unfruchtbare Frau, die gegen alle korrekten Einwände und Abwägungen in "Monsoon Baby" (2014) eine Inderin ihr Baby austragen lässt.

Dabei kritisiert der Filmemacher nie den maßlosen Egoismus seiner Figuren, er zeichnet vielmehr nach, wie sie trotz dieses maßlosen Egoismus' ihr Glück letztendlich doch nicht durchsetzen können. Wie sie zu scheitern drohen - und zwar nicht, wie es sonst so schön heißt, an der Gesellschaft, sondern immer nur an sich selbst.

Der Betrug als Parallelalltag

So jetzt auch bei "Sag mir nichts" (Buch: Norbert Baumgarten, "Befreite Zone"), wo einerseits die Anziehung der beiden Helden als großes, rigoroses Triebtheater zelebriert wird, andererseits aber auch ihre Inkonsequenz im Umgang mit ihrem Umfeld nüchtern seziert. Das magische erste Mal auf dem Fußballplatz wird natürlich wiederholt. Und wiederholt. Und wiederholt. Bald ist der Betrug eine Art Parallelalltag. Einmal nehmen die beiden Reißaus, ein Tag am Strand, die Frau jubiliert: "Weißt du, was schön ist, ich habe alles vergessen. Den ganzen Scheiß, nichts mehr da."

Der Magnetismus in der Amour fou, die das normale öde Leben nur noch normaler und öder erscheinen lässt, erinnert in vielerlei Hinsicht an François Truffauts "Die Frau nebenan" aus dem Jahr 1981, wo Fanny Ardant und Gérard Depardieu das Liebespaar geben, das nicht mit-, aber auch nicht ohneeinander kann. Ein fast schon pathologisches Geflecht aus Hingabe und Scham, das immer, immer wieder zu körperlichen Grenzsituationen führt. Unvergessen, wie Ardant angesichts ihres unlebbaren Begehrens einfach zusammensackt.

Eine ähnliche Szene gibt es jetzt auch in "Sag mir nichts" - bloß dass die betrogene Ehefrau hier kraftlos zu Boden sinkt. Das Pathologische, die Sprachlosigkeit überträgt sich auf die hintergangenen Partner. Kann denn Liebe ein Verbrechen sein? Natürlich: für die, die zurückbleiben. So flüchtet sich Martins Ehefrau in eine Babymanie, läuft bald mit Kissen vor dem Bauch herum, während Lenas Mann irgendwann mit dem Bierkasten das Weite sucht.

Einmal sieht man ihn nachts mit der Bierbuddel allein durch die Stadt ziehen. Vor ihm eine Leuchtanzeige von "Elite Partner" mit einer tollen Frau und einem tollen Mann drauf. Fliegt die Flasche gegen die Leuchtwerbung, tropft das Bier schön vom Elite-Paar runter. Schon für diese Szene lohnt das Einschalten dieses enthemmten, hellwachen Erotikdramas.


"Sag mir nichts", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 11 Beiträge
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Geissinger 28.12.2016
1. Lassen wir uns überraschen!
Immerhin, ist die positive Kritik fast einstimmig. Und außerdem eine wohl wunderbare Überbrückung bis zum phantastischen 4. Teil der Pregau-Geschichte und damit dem Ende des "Oraldramas".
Christofkehr 28.12.2016
2. was bitte ...
Was bitte ... soll denn "kluges ... Erotik-Kino" sein? Seid wann ist Fernsehen denn "Kino"? Ist so eine Filmbesprechung gar ein "dummer ... Kritik-Essay" oder ein "minderbemittelter ... Hinschau-Informationstext"?
sandro.herbrand 28.12.2016
3. eine kluge Frage vorweg
Wieso ist eigentlich immer der treue Ehepartner der Betrogene und nie der von ihm vorher zu Tode gelangweilte Fremdgeher?
qoderrat 28.12.2016
4.
Zitat von sandro.herbrandWieso ist eigentlich immer der treue Ehepartner der Betrogene und nie der von ihm vorher zu Tode gelangweilte Fremdgeher?
Weil der zu Tode gelangweilte Fremdgeher die Beziehung oder Ehe auch vor dem Fremdgehen beenden könnte? Das wäre nämlich die faire Variante, die dem treuen aber vielleicht langweiligen Ehepartner deutlich weniger Schmerzen zuführen würde. Hätte aber in vielen Fällen natürlich den Nachteil, dass man bei einem Fehlgriff nicht in den langweiligen aber sicheren Hafen zurückkehren kann. Weshalb ich Fremdgehen weiterhin für egoistisch und unfair halte. Ausser man führt eine von beiden Seiten akteptierte offene Beziehung, dann würde man aber wohl eher nicht von Fremdgehen sprechen.
palef 28.12.2016
5. Christofkehr sagt's ja schon....
...aber: was der Wagner mit seinen unkochbaren 'Hobby'-rezepten, das ist der Buß mit seinen spätpubertären Interpretationen von 'Film'-Ereignissen. Ganz so wie Sheldon Cooper und seine Freunde...
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