Neuer Saar-"Tatort": Kommissar mit Klobürste - hihi!

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Bisschen Kiffen, bisschen Reggae, bisschen Humor: Der großartige Schauspieler Devid Striesow soll als entspannter Duz-Kommissar dem "Tatort" aus dem Saarland endlich Ruhm bescheren. Doch das Trio aus Komik, Krimi und ARD ist ein verlässliches Rezept für ein Desaster.

Neuer "Tatort" aus Saarbrücken: Ich Kiffer, ihr Verbrecher Fotos
SR

Und schon beginnt die nächste Runde im Wettstreit "Wer ist der schrägste Ermittler im Land". 2013 werden stolze 21 "Tatort"-Teams im Einsatz sein, da muss man sich was einfallen lassen, um im Gedächtnis zu bleiben. Zumal bei einer kleinen ARD-Anstalt wie dem Saarländischen Rundfunk (SR), die ja lediglich ein bis eineinhalb "Tatorte" pro Jahr beiträgt. Der neue, von Devid Striesow gespielte Kriminalhauptkommissar Jens Stellbrink ist denn wohl auch aus eben diesem Grund eher eine Ansammlung von Alleinstellungsmerkmalen geworden denn ein organischer Charakter: Er trägt Gummistiefel und Shorts, er fährt Motorroller und beschallt sich über Kopfhörer mit Reggae, er raucht Marihuana und macht zu jeder Zeit und Unzeit Yoga-Übungen.

Ja, ja, wir haben's verstanden: Striesows Ermittler ist ein gaaanz entspannter. Einer wie Stellbrink stürzt sich nicht in seine Fälle, der watschelt eher zufällig rein. So wie am Anfang der ersten Folge des renovierten Saarländer "Tatort", wo der gerade im Revier aufgeschlagene Polizist im Baumarkt Pinsel und WC-Bürsten kauft, um dann einem nordafrikanischen Mädchen über den Weg zu laufen. Die ist angeblich die Tochter eines Diplomaten, hat aber offensichtlich Angst vor den schwarzen und bärtigen Botschaftsangestellten, die sich angeblich um sie kümmern sollen.

Um was es dabei genau geht? Wird im Verlauf der Episode nicht geklärt. Irgendein arabischer Konflikt, der hier in der Mitte Europas ausgetragen wird; am Ende dreht es sich um geschmuggelte Drogen. Oder so.

Fest steht nur: Das Mädchen hat Panik. Das spürt sogar Stellbrink - trotz Reggae und Rest-THC im Blut. Also beginnt eine rasante Flucht, die das ungleiche Paar zu allerlei pittoresken Orten führt. In einen heruntergekommenen Märchen-Themenpark etwa, wo sich die beiden zwischen Zwergen verstecken. Oder zu einer alten verknitterten Dame, die jeden Krimi im Fernsehen guckt - und nun froh ist, ihr auf diese Weise angesammeltes Wissen endlich einmal anwenden zu können. Dem ewig relaxten Stellbrink ist diese Art des Outsourcing nur recht: Statt nachzudenken, kann er halt noch ein paar Yoga-Übungen mehr machen.

Ab ins Softi-Märchenreich

So tiefenentspannt ging es nicht immer in Saarbrücken zu. Im Vorfeld zum Umbau des Saar-"Tatort" gab es öffentlich ausgetragenen Stress. Kommissar-Darsteller Gregor Weber wetterte gegen mutlose Drehbücher, irgendwann wurde er mitsamt seinem Kollegen Maximilian Brückner entsorgt. Wie man hört, eher auf die unfeine Art. Wäre es nach Weber gegangen, Saarbrücken wäre wohl ein Hardboiled Wonderland geworden. Und nun ist es eben ein Krimi-Märchenreich für Softis.

Was an der ersten Striesow-Episode mit dem Titel "Melinda" (Buch: Lars Montag und Dirk Kämpfer) ärgert: Es gibt keine Logik, keine Plausibilität, ja nicht mal Dynamik zwischen den Figuren. Stattdessen: einen Haufen Putzigkeiten, die alle nicht so recht etwas miteinander zu tun haben. Oder die arg konstruiert wirken - wie der Antagonismus zwischen Striesows Locker-locker-Kommissar und seiner toughen Kollegin Lisa Marx (Elisabeth Brück). Macht der Yoga-Heini im Büro den "Baum", tritt sie beim Kickboxtraining ihre Gegnerin zu Boden. Soll heißen: Frau Marx ist echt verspannt. Weshalb Stellbrink ihr immer wieder empfiehlt, sie solle mal den Stock aus dem Arsch nehmen und ihn endlich duzen.

Alles so schräg hier. Nur wenn das nordafrikanische Mädchen mit den großen, ängstlichen Augen auftaucht und sich aus unerfindlichen Gründen an den Kiffer-Cop hängt, wird's auf einmal besinnlich.

Dem finnischen Regisseur Hannu Salonen - er hat schon mit Weber und Brückner gearbeitet und dreht gerade weitere Striesow-Folgen, ist also eine der wenigen Konstanten beim Saar-"Tatort" - mag vor dem Dreh eine Groteske mit "human touch" vorgeschwebt haben. Doch am Ende ist nur eine Provinzposse mit extrem schlechten Nebendarstellern herausgekommen, die in ihrer verbohrten Humorigkeit und forcierten Belanglosigkeit an all diese Krimikomödien erinnert, die das Erste momentan unter dem Motto "Heiter bis tödlich" im Vorabendprogramm verbrennt.

Komisch und ARD, das funktioniert offensichtlich nicht. Also Joint aus und einfach gute, ernste Krimis drehen.


"Tatort: Melinda", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 69 Beiträge
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1. Schräg zeigt auch nach unten
spon-facebook-10000172069 25.01.2013
Wenn man durch die Mediatheken oder fernsehstrom.de surft, kann man ja viele Ermittler (aus Deutschland und auch anderswo) entdecken. Derzeit scheint modern ja zu bedeuten, möglichst anders zu sein: Das ist nicht immer gut, manchmal ja schon. Da ich dem Devid ja gerne aufs Fell gucke, bin ich mal gespannt, was hier so rüber kommt. Er hat auf jeden Fall das Live-Einschalten verdient.
2. Spiegelkritiken
gulo-gulo 25.01.2013
haben einen besonderen Effekt. Kurzweil bereiten jene Sendungen die gnadenlos zerrissen werden. Totlangweilig sind in der Regel solche bei denen der Redakteur voll des Lobes ist. ;-)
3. Devid Stresow
Illya_Kuryakin 25.01.2013
Zitat von sysopSRBisschen Kiffen, bisschen Reggae, bisschen Humor: Der großartige Schauspieler Devid Striesow soll als entspannter Duz-Kommissar dem "Tatort" aus dem Saarland endlich Ruhm bescheren. Doch das Trio aus Komik, Krimi und ARD ist ein verlässliches Rezept für ein Desaster. http://www.spiegel.de/kultur/tv/erster-tatort-aus-saarbruecken-mit-devid-striesow-a-878888.html
Wikipedia bestätigt den Verdacht: Devid (sic) Stresow ist ein Ossi! Im Saarland! Will den fluchenden und nicht-gänzlich-dialektfreien Gregor Weber wieder zurück!!!
4. Oddah
oddah 25.01.2013
Na das hört sich doch nach nem sehenswerten Stück Fernsehunterhaltung an. Jedes mal wenn SPON einen Tatort so verreisst schau ich Ihn mir an. Und meist wird es auch recht kurzweilig. :-)
5. Tatort von der Saar ...
Methusalixchen 25.01.2013
Da bleiben einem nur die aufgezeichnen Palü-Folgen ...
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Zum Autor
Christian Buß, Jahrgang 1968, ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden noch so schlechten "Tatort". Doch der TV-Krimi ist für ihn nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit. Wer wissen will, wie das Land tickt, der kommt um den "Tatort" nicht herum.