Erstes Halbfinale des ESC: Schnurrbärte im Weltall

Von Arno Frank

Eurovision 2013: Das erste ESC-Halbfinale Fotos
AFP

Groteske Outfits, Mädchen mit Schmollmund, sonderbare Mechanismen unterm Rock - es nützte alles nichts. Die Balkanländer hatten kein Glück beim ersten Halbfinale des Eurovision Song Contest. Der Trend 2013: Getrommel, Getrommel, Getrommel.

Eigentlich hätte man ganz elitär den Ton abdrehen müssen und in den zwei Stunden, die sich das erste Halbfinale des Eurovision Song Contest dahinschleppte, besser mal komplett die "Tosca" von Puccini durchgehört. Aber das wäre erstens Feigheit vor dem Feind gewesen. Und zweitens hätte man dann verpasst, was musikalisch derzeit so angesagt ist bei Leuten, die für Musik nur eine seltsame Form uneingestandener Verachtung empfinden.

So kann berichtet werden, dass der Trend 2013 eindeutig in viele verschiedene Richtungen geht, zu tribalem Getrommel und zu gefühlvollen Balladen, aber auch zu Balladen mit Trommeln und balladeskem Getrommel. Der Eurodance-Anteil hielt sich dagegen in erfreulich engen Grenzen. Nun gebietet die Höflichkeit, die Namen all der durchgefallenen und weitergekommenen Künstler zu nennen. Aber die Vernunft schüttelt wie immer traurig den Kopf, weil alle Namen schon am kommenden Sonntag Schall sein werden und am Montag Rauch. Fürs Finale am Samstag qualifizieren konnten sich jedenfalls, so viel sei verraten, Moldawien, Litauen, Irland, Estland, Weißrussland, Dänemark, Russland, Belgien, Ukraine und die Niederlande. Ausgeschieden sind Österreich, Kroatien, Slowenien, Montenegro und Serbien.

Was insofern unverständlich ist, als gerade der Balkan diesmal sehr um spannende Unterhaltung bemüht zu sein schien. So glänzte das schmollmundige Mädchentrio aus Serbien mit einem erfrischend grotesken Outfit, das den Fieberphantasien eines Serienkillers entsprungen sein könnte, der zu viel Vladimir Nabokov gelesen hat.

Ganz anders aus dem Rahmen fielen die Kroaten mit Kostümen, die "in verschiedenen Klöstern" (Peter Urban) mutmaßlich von Gebete murmelnden orthodoxen Mönchen hergestellt wurden und angeblich 10.000 Euro gekostet haben. Ebenso angeblich wurden die sechs "besten Vokalisten" des Landes unter 5000 Bewerbern ausgesucht, um eine volkstümliche Ballade zum Besten zu geben. Mit Trommeln.

Montenegro schickte HipHopper mit Schnauzbärten und in Astronautenkostümen ins Rennen, ergänzt um eine in enges Leder gekleidete Sängerin, die mit selbstgebastelter Google-Brille und weißen Flügelchen aussah wie eine Kreuzung aus Borg-Königin und Prinzessin Lilifee.

Geheimnisvoller Mechanismus unterm Rock

Wer sich hier weinend abwendete, der hätte fast den geheimen musikalischen Subtrend dieses Jahres verpasst, das verdächtige Wuawuawua-BAMM des Dubstep. Montenegro schmückte sich ebenso mit den wild auskeilenden Beats wie Slowenien oder Belgien. Das Genre war vor ein paar Jahren der letzte Schrei und hat inzwischen offenbar seine letzte Schwundstufe erreicht. Denn der Schlager, mit viel Getrommel pathetisch ausgepolstert, beherrschte diesen Abend, vorgetragen von austauschbar schlanken und durchweg langhaarigen Schönheiten, die mit nackten Armen sinnliche Sinuswellen in die Luft malten.

Es gab eine Shakira aus Weißrussland, wobei man bei Weißrussland nicht umhin kann, sich einen wohlwollend mitwippenden Alexander Lukaschenko vorzustellen. Ähnliches gilt für die russische Sarah Connor oder die Jennifer Lopez aus Moldawien oder Moldau, wer weiß das schon so genau. Die Rihanna aus Transnistrien übrigens blieb wie angewurzelt stehen, während sie sich zugleich im Laufe des Liedes durch einen geheimnisvollen Mechanismus unter ihrem Rock durchaus unheimlich in die Höhe schraubte. Was für ein Gegensatz zur stolzen Zyprerin, die "aus finanziellen Gründen" (Peter Urban) auf Begleitsänger und Choreografie verzichtete, ebenso wie auf Songwriting, Talent und Stimme. Die berechnende Bußfertigkeit zahlte sich nicht aus, zumal Deutschland an diesem Abend nicht stimmberechtigt war, was in Europa ansonsten bekanntlich eher selten der Fall ist.

Wenig auszusetzen gab es an der routinierten Regie sowie dem geheimen Highlight jedes ESC - den edelkitschigen Einspielfilmchen, mit denen die Kandidierenden und ihre Heimatländer vorgestellt werden. Das sind die Momente, in denen man ein wenig von Europa träumen darf, während animierte Schmetterlinge in der jeweiligen Landesfarbe durchs Bild flattern.

Ein Glücksfall für die Sendung war ein Kommentar der Komikerin Sarah Dawn Finer. Sie durfte per Einspielfilmchen in der Tradition einer Anke Engelke der zombiehaften Veranstaltung mit gedämpfter Ironie dann doch noch ein wenig Leben einhauchen. Bewährt lakonisch wegmoderiert wurde der Reigen vor 11.000 Zuschauern in Malmö übrigens vom bewährt rätselhaften Peter Urban. Er wird das Geheimnis wohl dereinst mit ins Grab nehmen, ob er das alles blödsinnig oder doch irgendwo unterhaltsam findet. Oder beides.

Anm. d. Red: In einer früheren Version des Artikels wurde der Eindruck erweckt, die Komikerin Sarah Dawn Finer habe die Moderation der gesamten Sendung übernommen. Tatsächlich hat die Schwedin Petra Mede moderiert. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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insgesamt 40 Beiträge
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1. wo? was?
inovatech 15.05.2013
für eine europäische Veranstaltung wenig broadcast. Wo lief das denn außer auf einem Außenseiter-Kanal und einem miesen Livestream. Peinlich Gute Show - Interessante Kandidaten - Super Moderatorin - Geniale Kommentare von Peter Urban.
2. Lachen
derbochumerjunge 15.05.2013
Hauptsache, es gibt beim ESC - wie in jedem Jahr - wieder genügend zu lachen.
3. Ein paar Fakten...
swede35 15.05.2013
Sarah Dawn Finer ist schon komisch, aber Sängerin und war nur kurz im Einspielfilmchen des Zwischenaktes zu sehen. Moderiert wurde in Gänze jedoch von Petra Mede, die zwar schon Komikerin ist, aber nicht immer zwangsweise auch komisch.
4. Wenn schon arrogant,
hihori 15.05.2013
dann sollte man wenigstens wissen, dass Kroaten katholisch und nicht orthodox sind. Wenn, dann katholische Mönche
5.
wajakla 15.05.2013
Sehr schön pointiert, der ganze Beitrag. Man kann sich am ESC ja immer so schön abarbeiten... Nur bei der Moderatorin ging es - vermutlich ob der vielen bunten Bilder - etwas durcheinander: Petra Mede hat moderiert und Sarah Dawn Finer war als EBU-Mitarbeiterin im Einspieler unterwegs. Aber einige Lieder entschuldigen durchaus kleinere Verwirrungen...
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