Von Daniela Zinser
Roman Lob kann dem Finale des Eurovision Song Contest in Aserbaidschan gelassen entgegensehen: Beim Auftritt der ersten 18 Kandidaten gab es in der Crystal Hall in Baku solides, aber vor allem langweiliges Pop- und Tanzmaterial - mit einigen sympathischen und ein paar sehr irritierenden Ausreißern.
Die größte Konkurrenz ist wohl Soluna Samay ("Should've Known Better") aus Dänemark: sympathische Straßenmusikantentochter mit Seefahrertattoo, Matrosenmütze und hübschem, eingängigem Poplied, die nur durch ihre sinnlos an den Instrumenten herumzappelnden Mitmusikanten entstellt wurde. Das war Hüfte, Arm und eindeutig zu viel Kopf. Soluna Samay trug zudem Hose, lang und aus Leder. Mit so was Störendem wie Stoff hielten sich die Sängerinnen aus Griechenland und Zypern gar nicht erst auf. Könnte ja in die Windmaschine geraten.
So sah man, ganz ESC-treu, viel Bein, Arm und dank des österreichischen Duos Trackshittaz rückte auch das Hinterteil in den Vordergrund. In ihrem tiefgründigen Selbsterfahrungslied "Woki mit deim Popo" verarbeiten sie in oberösterreichischem Dialekt offenbar den Besuch in einer Table-Dance-Bar, der erstaunliche Erkenntnisse mit sich gebracht haben muss ("dein Popo hat Gefühle").
"Click me with your mouse"
Wo die Frauen mit dem Hintern wackelten oder wie Puppen über die Bühne staksten, kamen die Männer ungewaschen daher (wie Montenegros Rambo Amadeus, der mit seinem "Euro Neuro" politisch-ironisch die Währungslage beschrieb, mutmaßlich, so klar zu verstehen war es nicht), als Indiana-Jones-Verschnitt (Moldau) oder als blonde Justin-Bieber-Doppelgänger, die auf Speed den Soundtrack zu "High School Musical" trällern und dabei in einen Brunnen fallen (Irlands Stars Jedward, die ihre Haare nun nach vorne statt nach oben tragen).
Jedwards Siegchancen stehen auch nicht schlecht. Nach ihrem achten Platz im letzten Jahr haben sie reichlich Fans - und immerhin ist ihre Choreografie: Arm, Hüfte, Bein gleichzeitig, am besten kreisend. Von solchen Bewegungen haben die sechs rüstigen Omis aus Russland vor Jahren schon Abschied genommen. Trotz ihres fortgeschrittenen Alters waren die Buranowskie Babuschki mit das Lebendigste, was an diesem ersten Halbfinale teilgenommen hat. In roter Flickentracht schoben sie auf der Bühne erst Kekse in den Ofen, sangen ein bedächtiges Volkslied, um dann plötzlich loszulegen: "Party For Everybody!" und "Boom! Boom!" Das ist leider so mitreißend und zum Lachen, dass man gar nicht ruhig bleiben kann.
Die Omis sind auch textlich im Trend: Boom, boom, o mei, o mei, la la la, oh oh oh - in so manchem Lied ging es schlicht zu. Aber nirgends so hirnlos wie in Ralph Siegels Werk, mit dem das arme San Marino und Sängerin Valentina Monetta auf Europa losgelassen wurden. Im "The Social Network Song (Oh Oh - Uh - Oh Oh)" ("Facebook Song (Oh Oh - Uh - Oh Oh)" durfte es nicht heißen) geht es um Cybersex und echten, was man beides super mit und bei und durch Facebook habe kann ("If you wanna come to my house, click me with your mouse") - stellt sich Ralph Siegel so vor. Da half nur: Ohren zu! Ausgeschieden.
Augen zu - das war auch beim Auftritt von Rona Nishliu aus Albanien besser. Denn sie hatte zwar mit Abstand die beste Stimme, aber das schlimmste Outfit: Dreadlocks auf dem Kopf zum Korb gebunden, eine Strähne als Kette um den Hals gelegt und ein Kleid wie aus einem sehr billigen, sehr alten Gruselfilm. Mit ihrem selbstgeschriebenen Klagelied "Suus" schaffte sie es ins Finale. Dort trifft sie in jedem Fall Roman Lob und die Teilnehmer aus Aserbaidschan (Gastgeber) sowie aus Spanien, Italien, England und Frankreich (Geldgeber).
Der zyprische Büchertisch, das traurige isländische Paar, die rumänischen Kubaner und der ungarische Softie - sie haben es schon geschafft. Wer von den anderen 18 Teilnehmern ins Finale soll, das können am Donnerstag auch Zuschauer aus Deutschland mitbestimmen. Ab 21 Uhr überträgt der Ereignissender Phoenix live das zweite Halbfinale. Also schon mal die Hüfte lockern, die Arme kreisen und: Boom! Boom! La la la! Aber immer schön im Kreis.
Korrekturhinweis: In einer früheren Fassung dieses Artikels hieß es, die Buranowskie Babuschki wären rund 80 Jahre alt. Tatsächlich ist die jüngste Sängerin 43 Jahre alt, das Durchschnittsalter liegt bei rund 70 Jahren. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.
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