Eurovision Song Contest Was bitte hat Australien beim ESC zu suchen?

Überraschung zum 60. Geburtstag: Australien soll beim nächsten Eurovision Song Contest mitmachen. Wieso gerade das Land down under? ARD-Unterhaltungschef Thomas Schreiber versucht zu erklären.

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SPIEGEL ONLINE: Herr Schreiber, wieso nimmt ausgerechnet Australien am Eurovision Song Contest teil - einem Wettbewerb, der von der Europäischen Rundfunkunion (EBU) veranstaltet wird?

Schreiber: Eigentlich dürfen nur Länder - beziehungsweise Sender - am ESC teilnehmen, die Vollmitglied der EBU sind. Und der Sender SBS in Australien ist natürlich nur ein assoziiertes Mitglied. Andererseits sind uns die Australier kulturell und musikalisch näher als andere. Denken Sie an Künstler wie Passenger, INXS oder Gotye.

SPIEGEL ONLINE: Der ESC hat in Australien offenbar eine große Fanbase: Drei Millionen Australier haben sich das im vergangenen Jahr angeschaut. Weshalb finden gerade die Australier den ESC so interessant?

Schreiber: Das mag damit zu tun haben, dass viele Australier ihre Wurzeln in Europa haben. Darüber hinaus ist der ESC schlicht und einfach eine der größten Samstagabendshows. Außerdem ist das nicht nur in Europa ein Fernsehereignis, sondern wurde in den letzten Jahren in mehr als 50 Ländern ausgestrahlt - in Kanada oder den USA zum Beispiel.

SPIEGEL ONLINE: Wird der ESC jetzt immer weiter geöffnet, um mehr Aufmerksamkeit und Quoten zu erzielen?

Schreiber: Die Olympischen Spiele werden auch weltweit übertragen. Zudem ist der ESC in diesem Jahr etwas Besonderes: Am 23. Mai feiert er in Wien seinen 60. Geburtstag. Zum Geburtstag kann man sich ja durchaus Gäste einladen.

SPIEGEL ONLINE: Es ist klar, dass man sich zum Geburtstag Gäste einlädt. Aber warum ist gerade zum 60. Australien der Ehrengast?

Schreiber: Weil uns Australien, wie ich schon gesagt habe, popmusikalisch und kulturell sehr nah ist. Vielleicht näher als manche der Länder, die jetzt selbstverständlich beim ESC als Teilnehmer dabei sind. Außerdem spricht aus meiner Sicht nichts dagegen, Australien einzuladen.

SPIEGEL ONLINE: ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz hat kürzlich gesagt, der ESC werde durch die Teilnahme Australiens auf ein neues Level gehoben. Inwiefern?

Schreiber: Ich sehe das genauso. Das macht den Wettbewerb größer und relevanter. Und ich glaube, dass die Australier den ESC sehr ernst nehmen werden - im Gegensatz zu manch anderem Teilnehmer. Großbritannien ist zwar das Mutterland der zeitgenössischen Popmusik, aber die Briten haben sich in den vergangenen Jahrzehnten immer über den ESC lustig gemacht. George Ezra, Sam Smith oder Ella Henderson würden beim ESC sicher nicht dabei sein wollen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie einen Tipp, wen die Australier ins Rennen schicken?

Schreiber: Ja, den behalte ich aber für mich.

SPIEGEL ONLINE: Und welche ESC-Länder werden bei der Punktevergabe im Finale davon profitieren, dass die Australier jetzt teilnehmen?

Schreiber: Den Zuschauern kann man nicht diktieren, für wen sie abstimmen sollen. Es geht eigentlich nur um eine einzige Frage: Springt in diesen drei Minuten, die jeder Künstler auf der Bühne hat, ein Funke auf die Millionen von Menschen über, die vor den Bildschirmen sitzen - irgendwo zwischen Reykjavik und Sydney?

SPIEGEL ONLINE: Sicherlich. Aber glauben Sie nicht, dass einige Länder traditionellerweise beim ESC für gewisse andere stimmen?

Schreiber: Nein. In den baltischen Staaten und in Weißrussland leben Russen, die für ihr Heimatland abstimmen. Wenn die Türkei auftrat, bekam die viele Punkte aus Deutschland, weil hier fast drei Millionen Türken leben. Das hat etwas mit kultureller Identifikation zu tun. Was diesen Wettbewerb aber so interessant macht, ist seine Unberechenbarkeit: Dass eine Lena es in Oslo geschafft hat oder eine Loreen in Baku.

SPIEGEL ONLINE: Wird der Wettbewerb dadurch berechenbarer, dass Australien direkt ins Finale einziehen darf?

Schreiber: Nö. Warum?

SPIEGEL ONLINE: Wenn man direkt im Finale landet, wird man ja anderen Teilnehmern des Wettbewerbs, bei denen das nicht so ist, vorgezogen.

Schreiber: Wenn man sich einen Gast einlädt, dann doch nicht bloß zum Aperitif - und schmeißt ihn zum Hauptgang wieder raus. Das fände ich ein bisschen unhöflich.

SPIEGEL ONLINE: Für 2016 soll sich ein Gast angekündigt haben, der zuletzt 2012 dabei war: die Türkei.

Schreiber: Dass die Türkei dabei ist, glaube ich erst, wenn der Sender unterschrieben hat, dass sie teilnimmt.



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