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28. Februar 2014, 07:05 Uhr

ESC-Vor-Vorentscheid

Zu viele verträumte Mädchen am Start

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Die ARD wollte auch mal Stefan Raab spielen: Unter zehn Newcomern wurde ein Zusatzkandidat gesucht für den deutschen Eurovision-Vorentscheid. Zwischen allzu vielen unsicheren Balladenmädchen hob sich ein Frauen-Trio mit origineller Instrumentierung ab - und gewann.

Hamburg - Als die Siegerinnen sich nach der Show zum Foto-Call aufstellten, kam das gewünschte Motiv nicht gleich zustande. Sängerin Ela Steinmetz strahlte schon, Yvonne Grünwald hatte das Akkordeon umgeschnallt, nur Natalie Plöger stand herum und wusste nicht, wohin mit den Händen. "Wo bleibt der Bass?", riefen Helfer. Einer schleppte dann das Kontrabass-Ungetüm tatsächlich herbei, und so konnte das Trio Elaiza endlich den lang geplanten akustischen Spontanauftritt hinlegen.

Elaiza profitieren davon, dass die ARD 2014 wenigstens ein kleines bisschen Stefan Raab spielen wollte. Im Prinzip wird nämlich der deutsche Teilnehmer am Eurovision Song Contest (ESC) wie im Vorjahr in einer einzelnen Show ermittelt, zu der Plattenfirmen und andere Musikprofis mehr oder minder etablierte Interpreten schicken. Am 13. März wird in der Kölner Arena der Sieger gewählt, der dann nach Kopenhagen reisen darf.

Doch um das Teilnehmerfeld von Köln noch ein wenig aufzumischen, hatte der in ESC-Fragen federführende NDR zu einem Clubkonzert geladen, in das vom Namen her mäßig verlockende Hamburger Edelfettwerk. Dort winkte noch fast völlig unbekannten Acts die Chance auf einen Startplatz beim eigentlichen ESC-Vorentscheid Mitte März, Titel: "Unser Song für Dänemark".

Keine Begeisterungsstürme für Hobbit-Song

Aus insgesamt 2240 YouTube-Videos, die bei der ARD und der Produktionsfirma Brainpool eingegangen waren, wurden zehn Teilnehmer herausgepickt fürs Edelfettwerk, das sich als aufgeräumte Club-Location am Rande Hamburgs herausstellte. Doch die Wahl der Interpreten ließ zu wünschen übrig.

Viel zu viele verträumte Mädchen mit oder ohne Gitarre waren am Start. Die 18-jährige Nicole Milik bezog ihr Selbstbewusstsein wohl aus 88.000 YouTube-Abonnenten, doch mit dem "Hobbit"-Song "I See Fire" von Ed Sheeran löste sie keine Begeisterungsstürme aus. Ambre Vallet, 16, hat ihren Song selbst geschrieben, es war der einzige deutschsprachige im Wettbewerb: "Überfordert von jeder Kleinigkeit / Es wird mir alles zu viel", es klang wie der Soundtrack zum Stress der G8-Abi-Generation. Der ebenfalls 16-jährigen Melanie Schlüter fehlt nicht nur der richtige Künstlername zur Popstar-Karriere, sondern noch viel Souveränität auf der Bühne - vielleicht fehlten aber auch die Routiniers der Frankenthaler Rockszene, die ihr im Bewerbungsvideo zur Seite gestanden hatte, mit doppelhalsiger Bassgitarre und surfbrettgroßem Gitarreneffektboard.

Beim ESC-Clubkonzert wurden alle Teilnehmer von einer Showband begleitet - bis auf die Formation Bartosz aus Lemgo, die zwar nach Rockband aussah, aber auf ihren Instrumenten doch nur eine weitere Ballade spielte. Wie auch der nett frisierte Max Krumm aus Oberhausen, der seinem besten Freund, der für ein Jahr nach Australien gegangen ist, ein Lied geschrieben hat.

Irgendwann wird der Feuerzeughaltefinger heiß

Die Balladenhäufung drohte ein wenig das NDR-Konzept mit der Livekonzert-Atmosphäre zum Platzen zu bringen - irgendwann wird der Feuerzeughaltefinger heiß. Um so erleichterter wurden im Club die beiden rockigeren Auftritte aufgenommen. Doch während die Grimassen des Flensburger Nachwuchs-Mick-Jaggers Simon Glöde zu Hause vor den Fernsehgeräten offenbar mit Verstörung und Platz sechs quittiert wurden, kam die einzige etwas routinierter und körperbetonter auftretende Sängerin, die Deutsch-Französin Caroline Rose, auf den zweiten Rang.

Bei der gleichförmigen Stimmung dieses ESC-Vor-Vorentscheids blieb es dennoch; alles klang nach Tagesprogramm auf der Popwelle im Radio. Nun ist der Eurovision Song Contest natürlich ein Popularitätswettstreit - aber wäre es zu viel verlangt, mal zur Abwechslung einen elektronischen Track hören zu können, oder einen, der mit HipHop-Beats umzugehen weiß? "Wo bleibt der Bass?" wurde so ein Motto des Abends.

Da war es kein Wunder, dass die einzigen Teilnehmer mit etwas ungewöhnlicherer Instrumentierung den Sieg davontrugen. Mit Kontrabass und Akkordeon spielten Elaiza die Eigenkomposition "Is It Right", eine schmissige Melodie mit slawischen Anklängen, die an die ukrainisch-polnischen Wurzeln der Sängerin erinnern sollen. Ein bisschen was vom Hausmusikkreis hatte das Ganze, immer mal wieder lächelten sich die Musikerinnen an. Sie könne Eltern nur raten, ihre Kinder ein Instrument erlernen zu lassen, kommentierte Moderatorin Barbara Schöneberger.

23,6 Prozent der Zuschauer entschieden sich am Ende für Elaiza, die damit in Köln gegen Hitparadenstammgäste wie Unheilig oder Santiano antreten dürfen. Sie könne es noch gar nicht realisieren, jauchzte Sängerin Ela: "Ich muss jetzt erst mal meine Mama anrufen." NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber mahnte bereits, dass um Viertel nach sieben am nächsten Morgen das erste Radiointerview warte. Dann wolle er auch mit dem Trio über den Auftritt beim ESC-Vorentscheid sprechen. "Unser Song für Dänemark" allerdings ist wohl noch nicht gefunden worden am Donnerstagabend, dazu sind die Konkurrenten zu bekannt - und Elaizas Songs wohl nicht besonders genug, um diesen Nachteil auszugleichen.

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