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Eurovision im Fernsehen: Lena stürzt ARD ins Grand-Prix-Dilemma

Von Peer Schader

Die ARD-Oberen feiern den Eurovisionserfolg, die riskante Kooperation mit ProSieben war ein Erfolg. Jetzt müssen die Öffentlich-Rechtlichen das nächste Spektakel ausrichten - und das wird teuer. Zudem soll Lena den Titel verteidigen, die quotenträchtigen Castingshows stehen zur Disposition.

Berlin - Liebe Quizshowfans, ihr müsst jetzt tapfer sein. In den nächsten Monaten wird es im deutschen Fernsehen womöglich zu einer drastischen Unterversorgung mit neuen Raterunden kommen. Der NDR, bei dem sonst eine Show nach der nächsten vom Band läuft, muss schließlich sparen. Wie bitte schön wird sonst der Eurovision Song Contest in Deutschland im kommenden Jahr bezahlt?

Zwischen 25 und 30 Millionen soll das norwegische Fernsehen für die Übertragung am Wochenende ausgegeben haben. Sogar die WM-Rechte mussten deswegen verkauft werden. Die immensen Kosten, die auf den ausrichtenden NDR zukommen, waren denn auch ein zentrales Thema auf einer Pressekonferenz am Montag in Köln, zu der Raab, ProSieben und der NDR gebeten hatten.

Angesprochen auf das Kostenproblem musste NDR-Intendant Lutz Marmor freimütig gestehen: "Wir werden das nicht alleine schaffen." Gut möglich also, dass manch ein ARD-Entscheider erst einmal geschluckt hat, als am Samstag kurz nach Mitternacht feststand, dass Lena Meyer-Landrut den Wettbewerb nach Deutschland holt.

Denn auch ohne die unerwartete Zusatzinvestition wird innerhalb des Senderverbunds gerade darüber gestöhnt, dass drastische Einsparungen nötig sein werden, weil Gebührenerhöhungen für die nächste Zeit nicht in Aussicht stehen. Einzelne Landessender befürchten sogar die Einstellung ganzer Radiowellen.

NDR im Lena-Rausch

Lutz Marmor wollte sich davon aber zumindest am Wochenende nicht die Laune verderben lassen: Nach dem gewonnenen Finale hüpfte der NDR-Intendant, dessen Sender innerhalb der ARD für den Song Contest zuständig ist, fähnchenschwenkend auf die Pressekonferenz. Er war in der "Tagesschau" zu sehen, wie er auf dem Flug zurück nach Deutschland mit ProSiebenSat.1-Chef Andreas Bartl und dem ganzen Oslo-Team "Ich liebe Deutscheland!" sang. Später winkte Marmor beim Empfang, den die Hannoveraner ihrem frischgebackenen Grand-Prix-Star bescherten, breit grinsend in die Menge.

So etwas kommt ja auch nicht alle Tage vor: Dass man als Intendant in den Genuss kommt, von den Gebührenzahlern bejubelt zu werden.

Zwei Tage nach dem Finale kann die ARD sich - und vor allem dem NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber, der das alles möglich gemacht hat - auf die Schultern klopfen: die Kooperation mit Stefan Raab und ProSieben für den diesjährigen Eurovision Song Contest war ein voller Erfolg, den so nur eingefleischte Optimisten erwartet hatten und in dem sich alle Beteiligten an diesem Montag noch einmal sonnten.

Lenas Sieg in Oslo hat das Land ins Jubelchaos gestürzt, bei dem viele gar nicht mehr wissen, wo sie hinsollen mit all der guten Laune. ARD und ProSieben warfen am Sonntag für Sondersendungen ihr komplettes Programm über den Haufen und schalteten live an den Flughafen Hannover, wo die Siegerin in Begleitung des kompletten Teams mit einer Sondermaschine landete, um sich nachher vor dem Rathaus von Zehntausenden Menschen feiern zu lassen.

Es hätte nicht mehr viel gefehlt bis "Anne Will" sich am Abend mit der Frage beschäftigt: "Eurovision Song Contest in Deutschland - wie stehen die Chancen für Hannover, Hamburg und Berlin?" Dazu kam es zwar nicht. Dennoch musste sich die Talkerin ein halbes Stündchen länger als sonst gedulden, weil nach dem "Tatort" zunächst eine Reportage über die Woche in Oslo gezeigt wurde.

Fortsetzung der Kooperation

2011 soll die Kooperation der beiden Sender nun fortgesetzt werden. Das haben die Beteiligten schon vor dem Finale entschieden, das hat Raab an diesem Montag erneut bekräftigt. Stefan Raab hat am Sonntag außerdem mehrfach gesagt, er würde Lena gleich noch mal ins Rennen schicken, zur "Titelverteidigung" - auch das wiederholte er am Montag und wurde dabei von NDR-Unterhaltungschef Schreiber kräftig unterstützt.

Das mag einträchtig klingen, doch in Wahrheit bereiten Raab und Lena damit den Sendern zunächst einmal weitere Probleme - neben den möglichen Zusatzkosten. Denn eine simple Neuauflage von "Unser Star für Oslo" fällt damit flach. Und letztlich war es doch die Show, die den Hype in diesem Jahr überhaupt erst möglich gemacht hat.

Raab sieht das Dilemma natürlich auch und stellte daher am Montag schon mal eine Alternativlösung in Aussicht: Die Fernsehzuschauer könnten ja darüber abstimmen, welchen Song Lena singen soll. Ob das aber ähnlich quotenträchtig ist wie die diesjährigen Castingshows, kann man zumindest in Frage stellen.

Ein bisschen RTL ärgern

Doch so kurz nach dem Titelgewinn gibt es zunächst tatsächlich nur Sieger: Lena sowieso, und Stefan Raab, der sich nicht nur einen Traum erfüllt, sondern sich in der Branche endgültig unverzichtbar gemacht hat - und das gleich für zwei Sender.

ProSieben kann jubeln, weil ohne die Kooperation mit der ARD nie die Chance bestanden hätten, den Song Contest auch ein bisschen zur eigenen Veranstaltung zu machen und RTL, wo man solche Hypes sonst mühevoll mit Unterstützung der Boulevardpresse inszenieren muss, zu ärgern.

Die ARD wiederum verbucht mit 61,6 Prozent Marktanteil beim jungen Publikum, die mit der Übertragung vom Samstag erreicht wurden, das wohl beste Ergebnis der jüngeren Geschichte in einer Zielgruppe, die ihr langsam abhanden kommt. Mit ein wenig Glück ziehen die Intendanten daraus Konsequenzen.

Hochumstritten war die Zusammenarbeit mit Raab anfangs, platzte sogar zunächst, weil die notwendige Zustimmung zu lange auf sich warten ließ und Raab die Nase voll hatte. Nicht ohne Grund sprach Raab am Montag in Köln von "den Freunden der ARD" - aber von seiner "Liebhaberin ProSieben". Der unerwartete Titelgewinn Lenas müsste nun konsequenterweise zu einem Umdenken in den sonst so schwerfälligen Anstalten führen.

Auch der letzte Zweifler wird schließlich zugeben müssen: Es ist möglich, junge Zuschauer zu erreichen - wenn man denn den Mut hat, ungewöhnliche Wege zu gehen. Daran hapert es innerhalb der ARD, trotz zaghafter Versuche vor allem in den Digitalkanälen, noch gewaltig.

So erfolgreich wie in diesen Tagen werden Kooperationen wohl nicht immer laufen. Dennoch ist der Sieg von Oslo ein Zeichen an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, dass sich Experimente lohnen. Wenn in diesem Prozess auch noch ein paar der immer gleich aussehenden Quizshows dran glauben müssen, hat sich Lenas Sieg in Norwegen sogar gleich doppelt rentiert.

Die Ergebnisse des Eurovision Song Contests 2010
Rang Land Interpret Titel Punkte
01. Deutschland Lena Meyer-Landrut Satellite 246
02. Türkei maNga We Could Be The Same 170
03. Rumänien Paula Seling & Ovi Playing With Fire 162
04. Dänemark Chanée & N'evergreen In A Moment Like This 149
05. Aserbaidschan Safura Drip Drop 145
06. Belgien Tom Dice Me And My Guitar 143
07. Armenien Eva Rivas Apricot Stone 141
08. Griechenland Giorgos Alkaios & Friends OPA 140
09. Georgien Sofia Nizharadze Shine 136
10. Ukraine Alyosha Sweet People 108
11. Russland Peter Nalitch & Friends Lost And Forgotten 98
12. Frankreich Jessy Matador Allez Olla Olé 98
13. Serbien Milan Stankovic Ovo Je Balkan 82
14. Israel Harel Skaat Milim 71
15. Spanien Daniel Diges Algo Pequeñito (Something Tiny) 68
16. Albanien Juliana Pasha It's All About You 62
17. Bosnien-Herzegowina Vukašin Brajic Thunder And Lightning 51
18. Portugal Filipa Azevedo Há Dias Assim 43
19. Island Hera Björk Je Ne Sais Quoi 41
20. Norwegen Didrik Solli-Tangen My Heart Is Yours 35
21. Zypern Jon Lilygreen & The Islanders Life Looks Better In Spring 27
22. Moldawien Sunstroke Project & Olia Tira Run Away 27
23. Irland Niamh Kavanagh It's For You 25
24. Weissrussland 3+2 Butterflies 18
25. Großbritannien Josh That Sounds Good To Me 10

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Forum - Lena Meyer-Landrut - eine würdige Siegerin?
insgesamt 2813 Beiträge
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1. Danke !
Tuennemann, 30.05.2010
Deutschland und die Eu sind gerettet ;-)
2. huch^^
Dalachichdochdrüber 30.05.2010
Gratulation :-)
3. verdient
realredsam 30.05.2010
aus wien
4.
Königstiger87 30.05.2010
So wo sind die Leute die meinen sie könnte nicht singen? Ha ihr Versager! Schämt euch.....
5. Landrut gewinnt Grand Prix
br155 30.05.2010
Irre!! Gratulation !!!
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