Eurovision Song Contest 2018 Der ESC im Style-Check

Ist klar: Beim Eurovision Song Contest gewinnt immer das beste Lied. Falls überraschend doch das plemplemmigste Outfit gekürt werden sollte: Hier sind unsere Anwärter.

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Es ist wieder Eurovision-Song-Contest-Zeit: In Lissabon laufen die letzten Tests vor dem ersten Halbfinale. Projektionskleider, zerrissene Rosenhemden, fahnenschwenkende Wikinger. Auf was muss man achten?

Albanien - Eugent Bushpepa: "Mall"

Eugent Bushpepa für Albanien
Andres Putting/ ESC

Eugent Bushpepa für Albanien

Kennt man von: Versufften Hundetrainern

Ein Jackett aus Schrappstoff, Klaffkragen, die Rückenpartie wie ein keck verdrehter Lendenschurz über dem Poppes flatternd - Eugent Bushpepas Outfit geizt nicht mit klassischen Stilelementen des Derangierten-Schicks. Um das Bild des verrutschten Schluris zu komplettieren, fehlte eigentlich nur noch ein rückwärtig applizierter Schwundschweif aus Toilettenpapier, das beim Hosenrichten nach Klogang versehentlich in das Unterbuchsenarrangement geriet - schade, dass auf dieses Accessoire verzichtet wurde. Am rechten Unterarm trägt Bushpepa dafür noch die Halsbänder der vier kostbaren Schnoodledoodles, die ihm ihre flatternervige Besitzerin eigentlich zum Schnüffeltraining anvertraut hatte - leider ließ er sie nachlässig entwischen. Zehn Jahre ist das jetzt her, es kostete ihn seine Hundetrainer-Lizenz. Aber die Halsbänder, die trägt er immer noch.

1. Halbfinale, Startnummer 1 - One, Dienstag, 21 Uhr

Tschechien - Mikolas Josef: "Lie to Me"

Mikolas Josef für Tschechien
Andres Putting/ ESC

Mikolas Josef für Tschechien

Kennt man von: Den Lümmel-Influencern aus der ersten Bank

Mikolas Josefs Style ist ein Hybrid aus Pennäler-Prosa und Influencer-Drama: Einerseits wirkt er mit Hosenträgern, Konfirmandenfliege und von führenden Schülerlotsen empfohlenen seitlichen Reflektorenstreifen an der Hose wie der katzbuckelnde Strebi-Schlumpf, der dem Lehrer seine Tasche zum Pult trägt - andererseits weist er sich mit Extrem-Flanking und Sneakern, die weißer sind als die Zähne von Sami Slimani, als waschechter Influencer aus, dessen Auftritt samt faszinierender Rucksack-Choreografie nur eine geschickte Produktplatzierung eines besonders ausgebufften Lederwarenherstellers ist. Leider wird man bei seinem Auftritt penetrant von der pieksenden Frage abgelenkt, was er denn da nun eigentlich in besagtem Rucksack transportiert. Schlampermäppchen? Erdkäs-Hausi? Oder doch die neuesten PR-Samples, Detox-Pülverchen von Natural Mojo, Teuro-Tees von Fitvia und Roségolduhren von Daniel Wellington, die er seinen gutgläubigen Klassenkameraden in der kleinen Pause gegen saftige Provision andrehen wird?

1. Halbfinale, Startnummer 5 - One, Dienstag, 21 Uhr

Israel - Netta: "Toy"

Netta für Israel
Andres Putting/ ESC

Netta für Israel

Kennt man von: Micky Maus

Der Doppelknödel, endlich zeigt ihn mal wieder jemand! Die laugengebäckhaft kunstgeflochtenen Dutt-Öhrchen von Netta erinnern schmerzhaft daran, dass sich dieser mäuschenmäßig verspielte zweifache Haarklops-Trend leider nie ganz gegen die deutlich dominanteren Türmetechniken durchsetzen konnte - shame on you, Messy Bun! Die Kernfrage bei Nettas Auftritt ist eine hübsche Variation des alten Huhn-oder-Ei-Rätsels: Was war zuerst da: Die weiten Kimonoärmel ihres Kostüms, die sich so prächtig für Flatterflügel-Imitationen anbieten, oder die Choreo-Idee, mit beherzten Achselfurz-Bewegungen den fast schon vergessenen Ententanz wieder ins kulturelle Gedächtnis zurückzuhieven?

1. Halbfinale, Startnummer 7 - One, Dienstag, 21 Uhr

Weißrussland: - Alekseev: "Forever"

Alekseev für Weißrussland
Andres Putting/ ESC

Alekseev für Weißrussland

Kennt man von: Der Bachelor

Obacht, vor Alekseevs Auftritt bitte dringend die Brille putzen! Sonst könnte man sich arg erschrecken und sein zentrales Outfit-Detail versehentlich für eine frisch aufgebrochene, großflächige Fleischwunde halten. Tatsächlich wachsen dem gefällig frisierten Weißhemdträger aber büschelweise rote Rosen aus dem nackten Rückenfleisch - normal, denken sich da Paul Janke, der Glatzenbachelor, und die anderen Balzlinge aus acht Staffeln "Der Bachelor", die seit ihrer Teilnahme an der Paarungsscharade von exakt diesem Bild immer wieder in ihren Alpträumen heimgesucht werden.

1. Halbfinale, Startnummer 8 - One, Dienstag, 21 Uhr

Estland - Elina Nechayeva: "La Forza"

Elina Nechayeva für Estland
Andres Putting/ ESC

Elina Nechayeva für Estland

Kennt man von: Spießer-Toiletten

Am dollsten sind ja immer die Kostüme, die es vermögen, in unterschiedlichen Menschen ganz verschiedene Gefühle zu wecken. Die Special-Effects-Menschen von "Buffy, die Vampirjägerin" werden zetern und sich die Haare raufen: Wieviel einfacher hätten sie es damals gehabt, magische Zaubervorgänge vernünftig in Szene zu setzen, hätte es vor 20 Jahren schon bodenverschmelzende Trickkleider wie das von Elina Nechayeva gegeben! Helene Fischer indes wird bei seinem Anblick gähnend in die Flipstüte greifen und denken: Ein Projektionskleid mit Strudeleffekten und Der-Boden-ist-Lava-Spezialprogramm? Das ist doch sooo 2015! Und im Alter versehentlich etwas zu locker gewordene Spießermenschen werden sich nostalgisch berührt fragen, wo eigentlich das gehäkelte Reifrockpüppchen von Tante Prudhilde abgeblieben ist, das man so schön diskret über Klorollen stülpen konnte, um die unappetitlicheren Vorgänge des Lebens optisch so effektiv ausblenden zu können, wie es sonst nur beim ESC möglich ist.

1. Halbfinale, Startnummer 9 - One, Dienstag, 21 Uhr

Kroatien - Franka: "Crazy"

Franka für Kroatien
Andres Putting/ ESC

Franka für Kroatien

Kennt man von: Übereifrigen Körperpinslern

Touristen, die gerne an Stränden mit ausgeprägter Betuppungsinfrastruktur urlauben, ist dieses Problem nicht fremd: Man beauftragt eine fahrende Henna-Malerin, einem die Hand mit sinnlosen, schwarzen Kringeln zu bepinseln, duselt dabei vor lauter All-Inclusive-Fusel und Sonnenbestrahlung kurz weg - und erwacht Stunden später, ganzkörper-beschnörkelt, weil einen die allzu beflissene Hennafrau wohl "falsch verstanden" hat und nun grob in die Seite knufft, um die exorbitante Bezahlung einzufordern. Franka, der Armen, ist wohl kürzlich ähnliches passiert. Ein hinterteilig montierter Kaschierbürzel und ein blickfester Schamschurz sollen vom Ärgsten ablenken - unter uns, Franka: Das klappt so mittel.

1. Halbfinale, Startnummer 12 - One, Dienstag, 21 Uhr

Rumänien - The Humans: "Goodbye"

The Humans für Rumänien
Andres Putting/ ESC

The Humans für Rumänien

Kennt man von: Politischem Kabarett in Wunsiedel

Wenn irgendwer mal eine Serie über eine Bande lässiger Hip-Hopper drehen möchte, die nebenbei als Spurensicherungs-Experten arbeiten: Hier ist schon mal ihre Arbeitskleidung - forensische Overalls, aber baggy und mit extrem großzügigen Zwickelschnitt, in dem sich allerhand verstauen lässt, zwinkerzwinker. Eine lila Frau singt dazu von der Leere in unser aller Leben, und weil das an Simpelbotschaft noch nicht reicht, haben sich die Rap-Forensiker noch weiße Mimen-Larven auf die Hinterköpfe geschnallt - die Maske ist als universelle Trottel-Metaphorik, die auch der Schlichtestgehobelte versteht, einfach nicht totzukriegen. Man sollte es trotzdem weiterhin versuchen.

2. Halbfinale, Startnummer 2 - One, Donnerstag, 21 Uhr

Dänemark - Rasmussen: "Higher Ground"

Rasmussen aus Dänemark
Andres Putting/ ESC

Rasmussen aus Dänemark

Kennt man von: Wickie

Es gibt Berufe, für die man sich immer eine Lügenalternative zurechtlegen sollte, falls man bei einem Brunch vom bislang unbekannten Nebensitzer gefragt wird, was man denn so beruflich mache. Dazu gehören Kopfschlächter, Hämorrhoiden-Veröder - und Fahnenschwenker in einer Kombo erwachsener Männer, die sich auf der Bühne und, das kann man jetzt einfach mal unterstellen, gerne auch privat als Wikinger verkleiden, wobei das im privaten Rahmen immer ein bisschen umständlich ist, weil man schnick-schnack-schnuck-mäßig immer erst einen bestimmen muss, der dann den Fön hält und halbwegs ambitioniert so manövriert, dass die langen Haare der anderen schön wehen, sonst werden die ganz schön ungemütlich. Beruflich, ich? Ich bin Bürokaufmann. Vielleicht noch ein bisschen von dem wirklich ganz vorzüglichen Rucola-Mousse?

2. Halbfinale, Startnummer 5 - One, Donnerstag, 21 Uhr

Montenegro - Vanja Radovanovic: "Inje"

Vanja Radovanovic für Montenegro
Andres Putting/ ESC

Vanja Radovanovic für Montenegro

Kennt man von: Materialien aus der Raumfahrttechnik

Das Gute an Vanja Radovanovics frostblauem Anzug: Das Material sieht so aus, als würde es keinen gröberen Schaden nehmen, sollte sich der Träger im - unwahrscheinlichen - Falle eines Sieges auf der Aftershowparty dazu hinreißen lassen, sich in einer exakten Wackelpudding-Replica des lissabonnischen Wahrzeichens Torre de Belém im Maßstab 1:10 zu suhlen: Das leicht starre, wenig schmiegsame Polyesterstöffchen dürfte dies und Ärgeres abkönnen. Kombiniert mit dem halbherzig asymmetrischen Schnitt lässt das rätselhafte Material den Anzug allerdings eher wie das unvollendete Wearable-Tech-Projekt einer mäßig motivierten Volkshochschulkursbesucherin wirken, die nach zwei langweiligen Kursstunden beschloss, doch lieber in "Aufbaukeramik am Vormittag" zu wechseln.

2. Halbfinale, Startnummer 16 - One, Donnerstag, 21 Uhr



insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
senapis 08.05.2018
1. Nette Einschätzung,
habe sogar gelacht. Aber ich werde diese Veranstaltung auch dieses Mal wieder genüsslich ignorieren!
bobbit 08.05.2018
2. Kein "Style Check" sondern..
..eine unangemessene, überhebliche Anreihung von Beleidigungen auf Basis des Aussehens anderer.
goethestrasse 08.05.2018
3. Dieses Jahr...
...will irgendwie kein Funke so recht zünden. Ob Israel schon durch ist oder Bulgarien mal Premiere feiert. Der deutsche Ett Schiehren wird wohl besser abschneiden als die Grazien zuletzt vor ihm. Etwas öde insgesammt, aber ein Muss. Heute, Donnerstag und Samstag. Bin noch am über legen für die portugiesische beeinflusste Speisefolge.
buchl 08.05.2018
4. Der typisch deutsche Zugang zum Song Contest
Zuerst wird die gesamte Konkurrenz schon in der Qualifikation hämisch beleidigt, dann bietet man beim erkauften Finalplatz eine unterirdische Leistung und am Ende beklagt man sich über die unfairen Länder, die Deutschland nur aus Neid und Eifersucht keine Punkte geben.
tendigr 08.05.2018
5. Das Beste,
das ich seit langem hier gelesen habe.
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