1. ESC-Halbfinale Torompompom

Jaja, das Leinwandkleid ist weiter. Und ein glitzerverpackter Ablenkebusen ist kein Finalgarant: Das 1. Halbfinale des Eurovision Song Contest lieferte fast durchweg vorhersehbare Ergebnisse - und nur einen wirklichen Verlust.

CYBC/ Panik Records

Von


Die schlechte Nachricht zuerst: Wir müssen Alekseev verloren geben. Der bang bebende Rosenfritze aus Weißrussland mit dem wohl irrwitzigsten dramaturgischen Bühneneffekt seit, nunja, der montenegrinischen Zopfpeitsche vom vergangenen Jahr schaffte es nicht ins Finale.

Die gute Nachricht gleich hinterher: Damit ist der Weg frei für "Die Nacht der Rosen - Das Musical". Was der zittersingende Knabe songtechnisch so genau zum Besten gab, konnte man getrost schon während seines Auftritts vergessen, dafür spielte er unterdessen herrlich behämmert den dornigen Leidensweg eines jeden TV-Bachelors nach. Er überreicht einer höllensündig bebenden Rotfrau seine Rose, das Biest dankt es ihm, indem sie ihm die Blume mit einem Bogen durch die Handfläche schießt. Durchlöchert wie der heilige Sebastian steht er da, umflattert von den Schnürvorrichtungen seines praktischerweise wohl zur Zwangsjacke umfunktionierbaren Smokinghemdes, bis ihm das Rückenfleisch aufbricht und er spektakulär einen Strauß Rosen gebiert.

Wenn RTL dieses Motiv in der nächsten "Bachelor"-Staffel nicht in den Vorspann implementiert, hat es Trash nie geliebt.

Alekseev (Weißrussland)
AP

Alekseev (Weißrussland)

Aber vorbei, vorbei, Jury und Telefonabstimmer des ersten Halbfinales kegelten den dööfstdramatischen Beitrag leider aus dem Wettbewerb, keine große Überraschung, wenn man ehrlich ist. Recht vorhersehbar schaffte es die als Favoritin gehandelte Israelin Netta, das Torompompom-Gackerhuhn mit dem schmerzhaft eingängigen Tohooy-Boohoy-Refrain, ins Finale.

Am Samstag könnte man auch mal etwas genauer hinhören, was der als saxophonierter Schrumpf-Matt-Damon daherkommende Tscheche Mikolas Josef in seinem "Lie to me" so daherschmuddelt: Es geht um ein Mädchen, dessen Art, sich zu bewegen, ihn dazu bringt "eine Pfütze zu machen" - und die Zeile "you bop-whop-a-lu-bop on his wood bamboo" ist diese Woche der höchste Neueinstieg in die Charts der schlimmsten Bumsemetaphern.

Elina Nechayeva (Estland)
DPA

Elina Nechayeva (Estland)

Pflichtschuldigst landet auch Estlands krafthuberische Schrilloper im Finale, wobei man sich wünschen würde, man hätte während des eher faden Auftritts zumindest etwas Interessantes auf das 53-Quadratmeter-Hightech-Kleid der Sängerin projiziert, eine spannende Serie oder so - vielleicht ist ihr Leinwandkleid aber eine wertvolle Anregung für Bräute, die ihren Hochzeitstermin versehentlich auf ein zentrales Match der Fußball-Weltmeisterschaft gelegt haben und ihre Gäste während der Trauung über den Spielstand auf dem Laufenden halten wollen.

Weitere Finalisten sind ein angeblicher Rocker aus Albanien, die litauische Flüstersängerin, die lange wie ein verhuschter Nesthocker in rosa auf der Bühne kauerte, die bulgarische Düstervariante von "Friends", ein sehr ernsthafter österreichischer Sänger und ein Shakira-Beyoncé-Hybrid aus Zypern.

Vorsicht auf der Flipflopscheibe: Auch Saara Aalto aus Finnland, die zu Beginn ihres Auftritts an einer Art Messerwerfer-Rad rotierte, schaffte es mit solidem Pop ins Finale. Der irische Beitrag, ein harmloses Intimballädchen, dürfte bei der Abstimmung heftig von seinem gelungenen Drumrum profitiert haben: Das schmerzensreiche Liebeslied wird von zwei verliebten Turtelmännern umtanzt - der einzige Ausbruch aus der sonst hier und da zelebrierten Kitsch-Heteronorm.

Fotostrecke

26  Bilder
ESC 2018: Das sind die Finalisten

Das alles gibt es also am Samstag im Finale zu sehen, wo man die ausgeschiedenen neun Länder, man muss es so kaltherzig sagen, nicht vermissen wird. Neben dem weißrussischen Rosenboy auf der Verlustliste: Aisel aus Aserbaidschan, die unvernünftig lüftig umschleiert auf einer Eisscholle surfte und dazu möglicherweise die Zeile "I'm stronger than cannibals" sang (manche Dinge sollte man sich nicht kaputtgoogeln), der isländische Kinderschokoknilch mit den Schaltkreisen auf den Schultern und die ein bisschen zu arg alanismorisettende Mittelscheitel-Belgierin.

Eye Cue (Mazedonien)
DPA

Eye Cue (Mazedonien)

Auch Mazedonien schaffte es mit seinem von grauslichen Reggae-Intermezzi durchschauderten Schnurzpop trotz prominent präsentiertem Ablenkebusen nicht ins Finale, genauso wie die komplettverspitzte Kroatin Franka und die wie immer einfach beherzt in ein weißes Laken gewickelte griechische Kandidatin und der unangenehm pressballadierende Armenier. Für die Schweiz scheiterte ein sonderbares Geschwisterpaar, sie als Who-hoo-Girl mit lumpenumflortem Aerosmith-Gedächtnismikroständer, er ein duttierter Geckentrommler.

Alles ungefähr so schön oder schlimm wie immer, mit dem auffälligen Unterschied, dass das Gros der Teilnehmer tatsächlich in der eigenen Landessprache sang - im vergangenen Jahr entschied sich nur ein einziger gegen einen englischen Text, und das war rein zufällig der spätere Sieger Salvador Sobral mit seinem portugiesischen Epochalschmachter "Amar Pelos Dois". Sie mögen sich in Glitzerleibchen pressen, an Glücksräder schnallen lassen und sich nur gackernd verständigen, aber am Ende sind diese ESCler so berechnende Luder wie du und ich.

Die Gewinner und Verlierer des 1. Halbfinales im Überblick:

Diese zehn Kandidaten sind weiter:

  • Österreich: Cesár Sampson - "Nobody But You"
  • Estland: Elina Nechayeva - "La forza"
  • Zypern: Eleni Foureira - "Fuego"
  • Litauen: Ieva Zasimauskait - "When We're Old"
  • Israel: Netta - "Toy"
  • Tschechische Republik: Mikolas Josef - "Lie To Me"
  • Bulgarien: Equinox - "Bones"
  • Albanien: Eugent Bushpepa - "Mall"
  • Finnland: Saara Aalto - "Monsters"
  • Irland: Ryan O'Shaughnessy - "Together"

Diese neun Kandidaten sind ausgeschieden:

  • Aserbaidschan: Aisel - "X My Heart"
  • Island: Ari Ólafsson - "Our Choice"
  • Belgien: Sennek - "A Matter Of Time"
  • Weißrussland: Alekseev - "Forever"
  • Mazedonien (FYR): Eye Cue - "Lost And Found"
  • Kroatien: Franka - "Crazy"
  • Griechenland: Yianna Terzi - "Oniro mou"
  • Armenien: Sevak Khanagyan - "Qami"
  • Schweiz: Zibbz - "Stones"


insgesamt 16 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
TscheffichheißeTscheff 09.05.2018
1. Wie so oft
reich an sehr schönen Wortkreationen. Müssen wir dieses Jahr eigentlich auch wieder mitmachen? Oder dürfen wir auf unseren Kampf um Platz 23 auch mal verzichten?
neandertal 09.05.2018
2. so besser nicht
Warum schreibt ein Autor über den ESC, der ihn so offensichtlich nicht mag. Ich bin kein ausgesprochener Fan, aber mehr Wohlwollen haben die Lieder und Interpreten verdient. Welchen Musikstil Sie auch immer bevorzugen, bleiben Sie dabei und überlassen Sie Autoren mit mehr Abstand zum eigenen Ich den ESC. Nur negativ über andere herfallen ist noch kein Journalismus.
heinz.murken 09.05.2018
3. Angucken, nee,
aber davon auf die wie immer wunderbarste Art lesen immer gern. Es soll da doch einen Schulte aus und für Deutschland geben, dem muss man wenigstens für seinen Mut danken
spon_2545532 09.05.2018
4. Wo ist Deutschland?
Wo ist Deutschland? Schmerzlich habe ich mein Heimatland vermisst. Weder weitergekommen, noch rausgeflogen! Gar nicht erst angetreten? Aber halt, es heisst ja "1. Halbfinale". Müsste es also noch mindestens ein zweites geben? Ja, wer lesen kann ist klar im Vorteil! Ich fiebere mit. Den Kommentaren von Frau Rützel. Obwohl, ich sollte doch mal reinkucken ...
Mr.G. 09.05.2018
5. Deutschland
Zitat von spon_2545532Wo ist Deutschland? Schmerzlich habe ich mein Heimatland vermisst. Weder weitergekommen, noch rausgeflogen! Gar nicht erst angetreten? Aber halt, es heisst ja "1. Halbfinale". Müsste es also noch mindestens ein zweites geben? Ja, wer lesen kann ist klar im Vorteil! Ich fiebere mit. Den Kommentaren von Frau Rützel. Obwohl, ich sollte doch mal reinkucken ...
Deutschland ist als großer Geldgeber "Big Five" automatisch als Teilnehmer am Start und muss sich nicht im Halbfinale qualifizieren (genauso wie Frankreich, UK, Spanien, Italien).
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.