2. ESC-Halbfinale Jetzt stehen auch die letzten Finalisten fest

Fernsehgarten-Black-Metal, der Original-Flötenschlumpf von "Ein bisschen Frieden" und die Angst vor Chisinau: Das zweite Halbfinale des Eurovision Song Contests bot so einiges - manchmal sogar Musik.

CYBC/ Panik Records

Von Linus Volkmann


"Erlaubt ist, was gelingt": Dieses Bonmot des Schriftstellers Max Frisch ist nicht bloß zutreffend, es stellt im Pop-Alltag auch eine ziemliche Zumutung dar. Denn damit entschuldigen sich stets dusslige Entscheidungen zum Wohle einer vermuteten Mehrheit. Eine Mehrheit, die von jeder Nation bloß austauschbares Bubblegum-Englisch hören möchte. Ehrensache!

Doch beim diesjährigen ESC wendet sich das Prinzip endlich mal uns Menschen zu. Denn Vorjahressieger Salvador Sobral hat nicht nur den Tross nach Lissabon verschlagen, nein, sein in Muttersprache getexteter Song fand Nachahmer. Immerhin 13 der 43 Stücke im Wettbewerb bemühen kein Gebrauchs-Schlager-Englisch. Bei welchem Land dieser Gamechange natürlich noch nicht angekommen ist? Of course, Deutschland. Wir verteidigen mit Michael Schulte und dessen Ed-Sheeran-Resterampe "You Let Me Walk Alone" verbissen den letzten Platz - ist uns halt einfach lieber so.

Doch das ist jetzt erst mal Zukunftsmusik, denn die zweite Halbfinalshow für all die Nicht-Geldgeberländer will gespielt werden (also für all diejenigen, die sich nicht wie Deutschland mit Budget, sondern mit ihrer Kunst ins große Finale am Samstag bringen wollen). Von den Stücken selbst mag bei den Experten das erste Halbfinale vom Dienstag als ertragreicher gelten, am Donnerstag standen allerdings die exzentrischeren Auftritte an. Und hey, wer dem ESC nur wegen der Musik folgt, hat die Story nicht mal annähernd verstanden.

Die größten Schauwerte im Schnelldurchlauf:

Rasmussen - Dänemark
JOSE SENA GOULAO/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Rasmussen - Dänemark

Dänemark mit einer Band namens Rasmussen. Moment, wie hieß noch mal der schielende Wildling aus "Game of Thrones", der mit den roten Haaren und dem roten Bart? Ja, der mit Jon Snow hinter der großen Mauer durch den Schnee stapft. Wurde der denn schon getötet? Falls ja, gute Nachrichten: In Dänemark lebt er weiter und singt mit seiner Band ein Stück namens "Higher Ground". Das Genre dazu: Wikingerschlager mit Kajal, Schneekanone und Windmaschine. Einhelliger Eindruck vor Ort: Wenn man sich nicht von der egalen Musik ablenken lässt, besitzt diese Fernsehgarten-Black-Metal-Band absolutes Siegerpotenzial. Sicher im Finale!

DoReDos - Moldau
AFP

DoReDos - Moldau

Weniger Bart dafür mehr spanische Wand bei DoReDos aus der Republik Moldau. Die bunte Verwechslungskomödie mit viel "Tür auf, Tür zu" erzählt sich dabei sogar in dem Song weiter: "My Lucky Day" nämlich kann man im Refrain auch für "Nah Neh Nah" von Vaya Con Dios halten. Aber hey, Musikhören heißt Wiederhören. Insofern schafft auch dieses Ohnsorg-Theater mit Fünfzigerjahre-Rock'n'Roll-Frisuren und angedeuteten Petticoats locker den Sprung. Manch einer vom fahrenden Volk des ESC-Tross' äußert sich bei den Experteninterviews bereits leicht beunruhigt. Man wird doch nicht nächstes Jahr etwa nach Chisinau reisen müssen?

AWS - Ungarn
JOSE SENA GOULAO/EPA-EFE/REX/Shutterstock

AWS - Ungarn

Gute Außenseiterchancen auch bei Ungarn. Der Name AWS der Band besitzt ungefähr null Wiedererkennungswert, den Auftritt kann man sich allerdings merken. Alles muss in Flammen stehen, Pyro, Crowdsurfing und mit "Viszlát nyár" ein Stück, das an System Of A Down erinnert, die US-Band mit armenischen Wurzeln. Dass sonst beim ESC die Bands (vergleiche Lordi oder diesmal Rasmussen) doch bloß immer nur so aussehen, als würden sie harte Musik machen, hat sich nicht nach Ungarn rumgesprochen. Ganz sicher einer der musikalisch extremsten Beiträge in der ESC-Geschichte. Das Voting honoriert es, weiter geht's für sie.

Waylon - Niederlande
DPA

Waylon - Niederlande

Bemerkenswert auch eine andere sehr showlastige Performance. Der Niederländer Waylon und sein Song "Outlaw In 'Em" - ob damit das Fernbleiben der holländischen Nationalmannschaft beim großen Turnier im Sommer gemeint ist? Quatsch, das ist ja die WM und natürlich meint der Country-Rocker etwas anderes. Was das ist, darauf kann man allerdings beim besten Willen keinen Gedanken verwenden, so fassungslos starrt man auf die aseptische Rockshow, die so erdig wirkt, als wenn sich Banker beim After-Work-Club in der Karaokebar die Krawatten um die Stirn binden, weil jemand versehentlich auf den Knopf mit "Smoke On The Water" gefallen ist. Mit Verlaub: So sieht Hass auf Rock aus - doch diese Travestie einer B-Seite von Jon Bon Jovis Soloalbum "Blaze Of Glory" von 1990 erreicht tatsächlich das Finale. Grundgütiger!

Jessica Mauboy - Australien
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Jessica Mauboy - Australien

Eher klassisch auf ein komisches Outfit setzt Australien. Jessica Mauboy knödelt im unruhigen Kleid "We Got Love" und wird als die Beyoncé von Down Under gehandelt. Diese Fallhöhe tut ja schon ohne das nichtige Liedchen weh. Weniger schmerzhaft wäre für alle Seiten daher: Die australische Sarah Lombardi. Ansonsten: Like, wer immer noch schmunzeln muss, dass Australien seit 2015 zu Europa zählt.

Sanja Ilic & Balkanika mit "Nova Deca" ist einer von drei Titeln in Muttersprache, die es am Donnerstag ins Finale schafften. Sanja, der Chef des greisen Flötenschlumpfs, war schon 1982 dabei (damals für Jugoslawien, diesmal für Serbien). Damals gewann ... Nicole. Ein gutes Omen für den deutschen Beitrag also?

Schwer zu glauben, denn auch die weiteren Sieger des heutigen Abends werden am Samstag nicht bloß Kulisse darstellen. Schweden wie immer viel zu gut und aktuell mit einem perfekten Justin-Timberlake-Imitator, Norwegen mit Alexander Rybak, dem ESC-Sieger des Jahres 2009, die Slowenen, deren äußerst schicke R'n'B-Elektro-Sängerin Lea Sirk sich zudem mit einer gespielten Panne im Set ins Kurzzeitgedächtnis gräbt und der Vampir aus der Ukraine, der aus einem Flügel steigt wie sonst nur sexy Untote aus einem Sarg.

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ESC 2018: Das sind die Finalisten

Verzichten muss die vereinigte Schlagerwelt dagegen auf Polen (immerhin geile Brille), San Marino (deutsche Rapperin mit DSDS-Background, die die Nummer mit Tic-Tac-Toe-Style souverän beerdigt), Georgien (Musik für Eltern, falls diese Studienräte sind und gern in praktischen Outdoorklamotten auf Reisen gehen), Lettland (Bigbandquatsch mit Beats) Malta (Song über psychische Erkrankungen, inszeniert im Look von "Mad Max"), Rumänien (Dröhnrock mit Bonnie Tyler light am Gesang), Russland (Rollstuhl vom Bühnenbild zum Vulkan umgearbeitet, Rest ziemlich "Tabaluga") und Montenegro (nach zehn Sekunden hasst man das Klaviermotiv).

Den Rest regelt nun das Finale am Samstag.

Hinweis der Redaktion: Wir haben die Funktion des serbischen Bandleaders und den Namen der slowenischen Interpretin im Text korrigiert.



insgesamt 24 Beiträge
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serenity2012 11.05.2018
1. Denglish ahoy
>> 13 der 43 Stücke im Wettbewerb bemühen kein Gebrauchs-Schlager-Englisch. Bei welchem Land dieser Gamechange natürlich noch nicht angekommen ist? Of course, Deutschland.
manitoba 11.05.2018
2. Ungarn
Ich finde die Ungarn gut. Dieser Beitrag zeigt dem weichgespülten "Europa" ganz wunderbar den Stinkefinger. Einfach herrlich!
Mark_ 11.05.2018
3. Knödelt????
"Jessica Mauboy knödelt im unruhigen Kleid..." Das ist aber nicht so nett, oder Linus? Ist Dir wohl so rausgerutscht.
TheFunk 11.05.2018
4. Lettland*(Big-Band-Quatsch mit Beats)
echt jetzt? Der einzige vernünftige Song an diesem Abend. Nicht so schmierig vorhersehbar wie der Schweden-Beitrag und dazu noch von der Sängerin selbst geschrieben. Zudem: Der einzige Song, den ich regelmäßig im Radio hören wollen würde.
mwroer 11.05.2018
5.
"Ansonsten: Like, wer immer noch schmunzeln muss, dass Australien seit 2015 zu Europa zählt." Der Giro d'Italia ist dieses Jahr in Israel gestartet ... global denken :)
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