Deutsche Comedy-Perle "Fack ju Göhte"-Institut

Deutsche Dramaserien haben 2017 schon gepunktet. Nun kommt mit "Das Institut" endlich auch eine überzeugende Comedy.

BR/ NDR/ Novafilm GmbH

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Unter der flirrenden Sonne von Kisbekistan sitzen zwei Mitarbeiter des Instituts für deutsche Sprache und Kultur in einem staubigen Hinterhof und sehen zu, wie Laienschauspieler "Nathan der Weise" proben. Als eine Figur ihren Rücken zum Publikum wendet, wird auf ihrem Umhang ein Hakenkreuz sichtbar. Verblüfft wendet sich Sprachlehrerin Jördis (Nadja Bobyleva) an ihren Kollegen Titus (Robert Stadlober): "Was soll das sein? Nazi-Man?"

Titus, der die Theaterinszenierung verantwortet, schüttelt den Kopf. "Das ist ein deutscher Kreuzritter - ein Hakenkreuzritter. Ich will hier schon bewusst verstören und unangenehme Fragen stellen." Als Jördis daraufhin nichts einfällt, sieht sich Titus bestätigt: 'Nathan der Weise' - das deutsche Toleranzdrama, mitten in der Diaspora. Ich fühle mich wie Christoph Schlingensief in Afrika!" Später kommt die Leiterin des Instituts vorbei, wirft einen flüchtigen Blick auf den Hakenkreuz-Umhang und fragt: "Wer ist das denn? Graf von Stauffenberg?"

Witze mit dieser Schärfe und Genauigkeit finden sich in deutschen Filmkomödien meistens einmal in 90 Minuten. In der neuen TV-Comedy "Das Institut" finden sie sich alle paar Minuten. 2017 gilt bei vielen als Durchbruchsjahr für deutsche Dramaserien ("Das Verschwinden", "Dark", "Babylon Berlin"). Als müsste kurz vor knapp bewiesen werden, dass es nun auch mit Comedys in Deutschland hinhaut, legen der Bayerische Rundfunk und der Norddeutsche Rundfunk damit eine wahre Fernsehperle vor -ab heute sind hier alle Folgen online abrufbar.

Bomben und Literatur

Ausgedacht und geschrieben von Schriftsteller und Theaterautor Robert Löhr ("Alle deutschen Dramen an einem Abend") hat "Das Institut" einen Weg gefunden, deutsche Selbstgefälligkeiten zu karikieren, ohne die Klischees des culture clashs zu bemühen und Migranten auf verschrobene Einheimische treffen zu lassen: Statt in Deutschland spielt die komplette Serie im fiktiven Kisbekistan, einem unterentwickelten Land in vager Nähe zum Hindukusch.

Von diesem Land sieht man bis auf ein wenig Marktgeschehen und Staub herzlich wenig. Doch das entspricht der Borniertheit der Mitarbeiter des Instituts: Die Kisbeken sollen schließlich schön selbst ins Institut finden, Sprachkurse belegen und sich von Lessing religiöse Toleranz belehren lassen. "Deutsche Exportkultur - Bomben und Literatur" singt die Münchner Rapperin Ebow im Titelsong.

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"Das Institut": In der Oase des Scheiterns

"Das Institut" ist natürlich eine Persiflage aufs Goethe-Institut und dessen globales Netzwerk aus 159 Vertretungen in 98 Ländern. Mit den Eigenheiten der deutschen Leitkulturinstitution scheint Autor Löhr ziemlich vertraut zu sein, denn immer wieder tauchen Spitzen voller Insider-Wissen auf. Mal sind die Anspielungen auf den Profilierungsdruck und den Wettbewerb der nationalen Vertretungen im Ausland untereinander beiläufig ("Damit schaffen wir es sogar ins Jahrbuch!"), mal breitseitig: Als Institutsleiterin Dr. Anneliese Eckart (Christina Große) hört, dass die Kollegen von der niederländischen Botschaft in einer Wohltätigkeitsaktion drei Liter Blut gespendet haben, drängt sie ihr Team dazu, sich ebenfalls "anzapfen" zu lassen.

"Veep" trifft Leitkultur

Medizinisch betreuen soll das der einzige einheimische Mitarbeiter des Instituts, Haschim Abdali (Omar El-Saeidi). "Wussten Sie, dass er vor Operation Desert Free Arzt war?", informiert Chefin Eckart die Kollegen freudig-überrascht. Dann kommt sie ins Grübeln: "Müssten wir Sie dann nicht Doktor Haschim nennen?" Während der noch einwendet, dass Haschim nur sein Vorname sei, schüttelt Eckart schon wieder mit dem Kopf: "Ne, machen wir natürlich nicht!" Einen Doktortitel, klar, darf hier nur die Chefin haben.

Im Gegensatz zum echten Goethe-Institut, von dessen großzügigen Einladungen auch schon die Autorin profitierte, ist das Fernseh-Institut allerdings von finanziellen Nöten geplagt: Geld für eine Klimaanlage oder auch nur ein bisschen frische Farbe für die grau-braunen Wände gibt es nicht. Die Fassade, die Dr. Eckart und ihr Team so bemüht wahren wollen, ist also von vornherein reichlich angestoßen - wie schon der Untertitel der Serie, "Oase des Scheitern", überdeutlich macht.

Dass sich die Deutschen trotzdem für das Maß aller Dinge halten - wirtschaftlich ebenso wie kulturell -, macht die Tragikomik ihrer Arbeit und damit der Serie aus. Von der Anlage her erinnert "Das Institut" daher an die Ausnahme-Comedy "Veep". Darin steht Julia Louis-Dreyfus als inkompetente Vizepräsidentin einem Team von nicht minder inkompetenten Mitarbeitern vor und ist mehr damit beschäftigt, ihre Fehler zu vertuschen, als ihr Land zu führen.

An der Leistung von Louis-Dreyfus, die für ihre Rolle bereits sechs Mal mit dem Emmy ausgezeichnet wurde, kann sich keine Comedy-Darstellerin messen. Aber zumindest ist der Vergleich erhellend, denn wo Louis-Dreyfus dead-pan spielt, also auch bei den größten Ungeheuerlichkeiten keine Miene verzieht, setzt Christina Große oft auf Süffisanz und schnippische Art. Das verleiht dem "Institut", das in den ersten Folgen auch nicht frei von mäßigem Slapstick ist, mitunter eine aufgesetzte Lustigkeit, die die Serie dank ihrer starken Drehbücher eigentlich nicht nötig hat.

Am schönsten unterlaufen wird diese Aufgesetztheit von Swetlana Schönfeld als resoluter Bibliothekarin Margarete Hoffmann. Sie ist die einzige Ostdeutsche im Team und macht sich immer wieder stark dafür, dass ostdeutsche Kultur und Künstler nicht in Vergessenheit geraten. Das bringt ihr viel Tadel ("Jetzt haben wir drei Brigitte-Reimann-Gesamtausgaben und nichts von Thomas Bernhard!") und einen Spitznamen ein: Margarete Honecker. Wenn Schönfeld zu sehen ist, löst "Das Institut" seinen Auftrag vollends ein: ein Aushängeschild für deutsche (TV-)Kultur zu sein.


Ab dem 3. Januar läuft "Das Institut" auch regulär beim BR und NDR



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